The Hateful 8

The Hateful 8





Warten auf Blut

Quentin Tarantino darf das. Weil: Seit "Pulp Fiction" darf er gefühlt eben alles. Also auch einen Film wie diesen drehen, über den man streng genommen sagen könnte: Die meiste Zeit passiert hier nichts. Wirklich nichts. Außer Gerede. Es ist das gesammelte prahlerische Geschwätz eitler, selbstverliebter Amerikaner zur Zeit kurz nach dem Bürgerkrieg, in dem es folglich zunächst vor allem um Politik geht. Rassismus, Gewalt, Stolz - Stammtisch anno 1870. Aber weil das hier ein Tarantino-Film auf der Basis eines Tarantino-Buches ist, wartet man geduldig - wenn es sein muss auch mal zwei Stunden lang, ehe das passiert, was es eben auch in jeder Erzählung des ungewöhnlichen Filmemachers gibt: Mord und Totschlag.

Hätte irgendein namenloser Nachwuchsregisseur "The Hateful 8" vorgelegt, gut möglich, dass er ihm um die Ohren gehauen worden wäre. Aber irgendeinem namenlosen Nachwuchsregisseur wäre es eben auch nicht gelungen, eine solch grandiose Schauspielerriege zusammenzuführen, ohne deren Qualität "The Hateful 8" hätte zum Fiasko werden können. So aber wurde er zum sehenswerten Kammerspiel, das fraglos viele langweilige Momente hat, aber stets über einen beachtlichen Schauwert verfügt. Auch wenn es streng genommen nur zwei Schauplätze gibt.

Der erste ist eine Kutsche. In ihr sitzt der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell), den alle "The Hangman" nennen, nachdem er seine Gefangenen niemals "tot", sondern stets "lebendig" dem Gesetz und damit dem Strang überlässt. An seiner Seite sitzt seine Gefangene Daisy Domerque (Jennifer Jason Leigh), die nahezu die gesamte Zeit des Films über angekettet an ihren Lieferanten vor sich hin schweigt und nur ab und an rotzfreche Antworten gibt.

Auf seiner Reise nach Red Rock trifft Ruth im verschneiten Nirgendwo zunächst auf Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), gleichfalls Kopfgeldjäger und auf einem Berg "seiner" Leichen sitzend. Er darf samt Gepäck auf dem Dach mitfahren, ebenso wie später Chris Mannix (Walton Goggins), ein Deserteur aus den Südstaaten, der behauptet, der künftige Bürgermeister von Red Rock zu sein. In der Kutsche plaudern sie: über den Krieg, die Sklaverei und über ihre Berufe. Das Verhältnis untereinander ist von Misstrauen geprägt. Hier mag keiner den anderen, und an dieser üblen Stimmung wird sich auch im Rest des Films nichts ändern.

Da ein Schneesturm droht, macht die Kutsche Station bei Minnies Kleinwarenladen, der zugleich Restaurant und Kneipe ist. Dort sitzt der Rest der "Hateful 8": der schweigsame Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der ehemalige General Sandford Smithers (Bruce Dern) und der Mexikaner Bon (Demian Bichir). Letzter im Bunde und auf den ersten Blick die tiefgründigste Figur ist der durchaus redselige Oswaldo Mobray, eine Rolle wie maßgeschneidert für Tim Roth. Er gibt sich als Henker von Red Rock zu erkennen, was demnach bedeutet: Er wird es sein, der Daisy Domerque richten wird, sofern sie denn verurteilt wird.

Und es wird weiter geredet und geredet. Die Tür wird vernagelt, damit sie der Sturm nicht aufbricht. Kaffee wird getrunken, doch das alles geschieht vor der Kulisse potenzieller Konflikte, die - da darf man sich sicher sein - irgendwann auch ausgetragen werden. Zumal sich bald die Frage stellt: Wo ist eigentlich jene Minnie, die ja der Namensgeber des Ladens ist, aber nicht aufzufinden ist? Wer spielt hier mit offenen Karten? Wer hat was zu verbergen? Wer führt womöglich was im Schilde?

Knapp zwei Stunden der insgesamt knapp drei Stunden Spielzeit dauert es, bis sich inmitten einer beklemmenden Stimmung Wahrheiten offenbaren und Konflikte entladen. Was selbstverständlich im Tarantino-Style geschieht. Zu viel verrät man nicht, wenn man dies an dieser Stelle offenbart. Nicht zu Unrecht wurde der Film in den USA mit dem Rating "R" versehen: "for strong bloody violence".

Schon 2014 wurde das fertige Drehbuch für den Film von einer Hackergruppe ins Netz gestellt, was Tarantino vorübergehend so erzürnte, dass er beschloss, ihn nicht zu drehen. Doch nach einer öffentlichen Lesung, organisiert vom Los Angeles County Museum of Art, änderte er seine Meinung. Die Reaktionen fielen, sicher auch ob dieser ungewöhnlichen Darstellungsform und der Mitwirkung prominenter Schauspieler wie Samuel L. Jackson, Kurt Russell und Tim Roth, euphorisch aus. Der Film selbst weist dann doch Unterschiede zum ursprünglichen Script auf, das vorsah, dass kein Einziger der "Hateful 8" überleben würde.

Es ist eine Mixtur aus Western, Thriller und einem Hauch Komödie, die Tarantino hier kompromisslos in Szene setzte. Gewissermaßen als Bühnenstück, interessant fotografiert im fast vergessenen, extrabreiten Ultra Panavision 70. Kameramann Robert Richardson, seit "Inglourious Basterds" an der Seite von Quentin Tarantino, agiert betont zurückhaltend. Er schuf flächige Wimmelbilder, die dem Film gut tun. Ebenso prägend: die schon jetzt preisgekrönte Musik von Ennio Morricone, der hier nicht verwendetes Material zu John Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt" (1982) einsetzte. Tatsächlich erinnert auch "The Hateful 8" weniger an einen klassischen Western als vielmehr an Carpenters vergleichbar klaustrophobischen Gruselschocker, der sich ebenso als Ensemblestück verstand - übrigens auch mit Kurt Russell in der Hauptrolle.

Ein Film also, der ob seiner gezielten Längen das Potenzial zu gefallen ebenso hat wie zu erzürnen. Mit feinen Dialogen, mit einigen humorvollen Momenten und am Ende mit reichlich Blut. Womöglich wirklich eher etwas für die Bühne als fürs Kino. Aber Tarantino liebt eben auch diese kleinen, geschwätzigen Stücke - siehe "Death Proof" vor einigen Jahren. Sowas mag man oder nicht. Er ist und bleibt der eitelste Filmemacher dieses Planeten. Was er macht, ist Kunst. Glaubt er. Und wahrscheinlich hat er ja auch Recht.

Quelle: teleschau - der mediendienst