Anomalisa

Anomalisa





Hinter den Masken

Schon der Flug von Los Angeles nach Cincinnati ist für Michael Stone eine Tortur. Selbst über den Wolken, wo die Freiheit doch grenzenlos sein sollte, ist der Motivationstrainer gefangen - in einer ausgewachsenen Midlife-Krise, der er doch zu entfliehen versucht. Regisseur Charlie Kaufman leistet sich den Luxus einer langen Dunkelheit zu Beginn seines Puppentrickfilms "Anomalisa", man hört nur Gemurmel, die Kakofonie des Alltags, dessen Michael nicht überdrüssiger sein könnte. Als es hell wird, sehen noch alle Menschen um ihn herum gleich aus! Einmal mehr beschäftigt sich Kaufman, wie in seinen genialen Drehbüchern "Being John Malkovich", "Adaptation" und "Vergiss mein nicht", mit menschlichen Neurosen und den Merkwürdigkeiten unseres Sozialverhaltens.

Michael empfindet sein Leben als Gefängnis des Immergleichen. "Alles ist langweilig" zeigt er mit jedem Blick, sagt er mit jedem Wort. Alltägliche Belanglosigkeiten sind für ihn längst zur Tortur geworden. Das freundliche Geschwätz des Taxifahrers etwa, der ihm die Vorzüge Cincinnatis anpreist oder der höfliche Page, der einfach nicht aus dem Zimmer verschwinden will. Alles ist hohl, alles ist eine Floskel.

Dabei ist Michael selbst ein Meister der Floskel: Der Motivationstrainer ist in der Stadt, um einen Vortrag über Kundenservice zu halten. Er verdient mit Floskeln seinen Lebensunterhalt. Das ist nur einer von vielen genialen Einfällen Kaufmans und macht "Anomalisa" ganz natürlich zu einer großartigen Studie über die Kommunikation. Weil die Menschen immerfort reden müssen, aber nicht wissen, was sie zu sagen haben.

Aber es geht Kaufman in seinem kauzigen Film, der auf einem eigenen Theaterstück basiert und per Crowdfunding finanziert wurde, um mehr als die Sprachlosigkeit, es geht ihm um existenzielle Fragen. Alle Menschen sehen gleich aus, außer Michael (im Original von Schauspieler David Thewlis gesprochen) reden alle Menschen mit der gleichen Stimme (Tom Noonan). Selbst wenn Michael einen Ausweg aus seiner Langeweile findet, führt der nur zu noch mehr Langeweile. "Wer bin ich?" fragt sich Michael immerzu. Die einzige Antwort bekommt er am Telefon von seiner Frau: "Woher zum Teufel soll ich das wissen?"

Dass Charlie Kaufman "Anomalisa" zusammen mit dem Stopmotion-Experten Duke Johnson als Puppentrickfilm inszenierte, ist eine logische Konsequenz. Die Puppen sind ein idealer Spiegel der Maskenhaftigkeit unserer Existenz. Sie basieren auf einer Masterfigur aus dem 3D-Drucker. An den Stellen, an denen die einzelnen Teile im Gesicht zusammengesetzt sind, sieht man die Fugen. Das wirkt unheimlich und könnte prägnanter nicht sein.

Dennoch ist "Anomalisa" ein sehr lebendiger, ein sehr natürlicher Film, der mit vielen Spielereien, fantasievollen Einfällen und auch einem gewissen Humor zum Nachdenken anregt. Die Sets wurden äußerst realistisch gestaltet, die Puppen wirken vor allem in den Details natürlich. Selten hat man im Kino etwa eine so hinreißend echt inszenierte Sexszene gesehen wie in der Liebesnacht, die Michael mit Lisa verbringt. Diese Frau ist seine Rettung, zumindest kurzzeitig. Er hat sie in der Hotelbar abgeschleppt, fasziniert von ihrer unverstellten Ehrlichkeit. Sie ist anders, sie ist anormal und hat sogar eine eigene Stimme (Jennifer Jason Leigh).

Mit Lisa kann er reden, sie ist neben einer japanischen Sexpuppe, die Michael als Spielzeug für seinen Sohn kauft, die einzige, die in der großen Maskenparade als Individuum durchgeht. Lisa ist das Echte im Leben, das ansonsten sehr traurig ist in diesem Film für alle, die sich fremd fühlen. Wir alle brauchen eine Anomalisa. Das Schöne ist: So schwer sie zu finden sein mag, kann sie doch jederzeit und überall auftauchen.

Quelle: teleschau - der mediendienst