Tobias Oertel

Tobias Oertel





"Jetzt kommen die richtig spannenden Sachen"

Ein offenes Ende und viele Fragen - so endete die erste Folge des "Bozen-Krimis" im Januar vergangenen Jahres. In den beiden neuen Filmen, "Das fünfte Gebot" und "Herz-Jesu-Blut" (Donnerstag, 4. und 11. Februar, jeweils 20.15 Uhr, ARD), kehrt Ermittlerin Sonja Schwarz (Chiara Schoras) zurück, um Antworten zu finden. Schauspieler Tobias Oertel ("Frauenherzen") schlüpft in die Rolle des neuen Kripo-Chefs, Capo Zanchetti, der die Ermittlungen fortan durch Mafiageschäfte und Drogendelikte im beschaulichen Südtirol lenkt. Im Interview spricht der 40-Jährige über Chef-Allüren, egozentrische Kollegen und warum gut gemeinte Ratschläge selten fruchten.

teleschau: Capo Zanchetti ist ein souveräner, manchmal unkonventioneller Chef. Aber ist er denn ein guter?

Tobias Oertel: Natürlich (lacht). Sein Führungsstil ist klar, er denkt sehr analytisch, ordnet die Dinge ein und handelt erst mal wenig impulsiv und emotionsbetont. Er ist ein guter Chef, weil er alle gleich behandelt und nicht nach oben freundlich ist, die Leute unter ihm aber leiden lässt. Ihm liegt viel an Gerechtigkeit. Er ist ein Teamplayer und will eine offene Zusammenarbeit, kann aber auch ungemütlich werden, wenn hinter seinem Rücken falsch gespielt wird.

teleschau: Wären Sie denn ein guter Chef?

Oertel: Ich glaube ja. Weil ich überhaupt keine Chef-Attitüden an mir habe. Ich wäre ein sehr liberaler Chef. Ich würde zwar eine Führungsorder verfolgen, aber meine Position nicht ausnutzen, nur weil ich anders gelabelt bin.

teleschau: Was haben Sie selbst von Ihrer Rolle?

Oertel: Ich kann sehr viel von Zanchetti lernen. Ich selbst bin zum Beispiel alles andere als strukturiert. Nicht chaotisch, aber ich lebe gerne von Tag zu Tag.

teleschau: Er wirkt ja sehr fleißig, arbeitet viel. Sie doch sicherlich auch?

Oertel: Ja, schon. Glücklicherweise darf ich viel arbeiten. Aber das Wort Fleiß klingt nach Disziplin und Opfer, so empfinde ich das nicht. Ich mache meine Arbeit wahnsinnig gern, sie fällt mir leicht, da sie mit einer großen Leidenschaft verbunden ist.

teleschau: Sie arbeiten nun schon einige Jahre in dieser Branche. Was hat sich für Sie verändert?

Oertel: Das Rollenspektrum für mich als Mann Anfang 40 wird interessanter, die Charaktere werden komplexer. Jetzt kommen die richtig spannenden Sachen. Manche Rollen wiederholen sich auch. Ich suche dann die Ausgewogenheit, konzentriere mich lieber auf neue Rollen. Aber manchmal kann man sich das nicht aussuchen. Dann ist diese Profession auch einfach ein Beruf.

teleschau: Was machen Sie heute anders?

Oertel: Ich bin unaufgeregter als früher - und habe ein anderes Verständnis für den Beruf. Es wird aber nicht unbedingt leichter, denn je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr Fehlerquellen werden mir bewusst. Mir fällt immer mehr auf, was man bei diesem Handwerk alles falsch machen kann. Wenn man eine Figur erzählt und eine Rolle glaubhaft verkörpern möchte.

teleschau: Inwiefern hat sich Ihr Verständnis für den Beruf geändert?

Oertel: Früher habe ich immer gedacht, es sei die wichtigste Sache der Welt, Schauspieler zu sein und Filme zu drehen. Das ist es definitiv nicht. Es gibt so viele Dinge im Leben, die wichtiger sind und mehr Aufwand erfordern. Wenn man vor der Aufgabe steht, einen Film zu drehen, ist das für einen selbst natürlich etwas sehr Großes und Umgreifendes - aber für den Rest der Welt nicht. Ich habe gelernt, das zu trennen. Wir drehen Filme und operieren nicht am offenen Herzen.

teleschau: Sie beschreiben das Klischee des egozentrischen und eingebildeten Schauspielers ...

Oertel: Oft hat ein solcher Egozentrismus ja wahnsinnig viel mit Angst zu tun - davor, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Das tut mir dann immer leid. Wenn man als Anfänger so reagiert, ist das nachvollziehbar. Aber nach einer gewissen Zeit sollte man es auf die Reihe kriegen, einzuordnen, wie viel Gewicht die ganze Sache tatsächlich hat.

teleschau: Würden Sie das Anfängern auch mit auf den Weg geben?

Oertel: Eher nicht. Als ich ein junger Schauspieler war, haben mir so viele Leute Ratschläge gegeben. Die habe ich manchmal befolgt oder eben nicht. Die meisten Dinge muss man selbst erfahren, um sie zu begreifen und dann vielleicht anders zu machen.

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle wie die des Capo Zanchetti vor?

Oertel: Ich versuche beim Lesen des Drehbuchs herauszufinden, was das für ein Mensch sein könnte, wie er auf die Dinge um sich herum reagieren würde. Ich gehe dann von mir selbst aus: Im Falle Zanchetti also: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich als Chef an einem bestimmten Ort käme, wie besonnen oder aufgeregt wäre ich?

teleschau: Sie legen also immer auch Ihre eigene Person in die Rollen?

Oertel: Ja, das geht anders auch nicht. Man kann eine Rolle authentisch nur von sich heraus beginnen und auf seinen eigenen Erfahrungswert zurückgreifen.

teleschau: Auch, wenn es der Bösewicht ist?

Oertel: Auch dann kann ich erforschen, was den Menschen dazu getrieben hat, "böse" zu sein. Die meisten Verbrechen sind wahrscheinlich auf eine ganz nachvollziehbare Weise menschlich motiviert. Auch diese Rollen sollte man dann menschlich erzählen.

teleschau: Was macht die neuen "Bozen-Krimis" Ihrer Meinung nach interessant?

Oertel: Die horizontale Erzählweise. Das heißt, die Fälle gehen folgenübergreifend ineinander über. So haben wir die Möglichkeit, die Figuren über einen längeren Zeitraum und runder darzustellen. Das könnte für den Zuschauer interessanter sein.

teleschau: Die Erzählweise nähert sich einem Serienformat an, das man bisher vor allem aus den USA kennt. Wird sich das deutsche Fernsehen dahingehend verändern?

Oertel: Der Trend geht in diese Richtung, bewegt sich aber langsam. Wenn es nach mir ginge, könnte er noch etwas zunehmen. Ich als Zuschauer mag es, Geschichten über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Auch als Schauspieler ist so viel mehr möglich, wenn es denn die Rolle hergibt. Ich kann sie dann besser ausloten, ihr mehr Farben geben. Es ist die klügere Art, Fernsehen zu machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst