Lemmy Kilmister

Lemmy Kilmister





Spielt seine Musik laut!

Lemmy Kilmister wurde so oft angezählt und kam immer wieder auf die Beine, dass ihm gerne augenzwinkernd eine gewisse Unverwüstlichkeit attestiert wurde. Doch jetzt ist Schluss mit lustig, und wahrscheinlich musste es ganz genau so kommen: Lemmy starb so wie er rockte und lebte: brutal schnell. Der legendäre Frontmann der ebenso legendären Hardrock-Band Motörhead vollendete erst an Heiligabend sein 70. Lebensjahr, zwei Tage später erfuhr er, dass er an Krebs erkrankt ist. Bereits am 28. Dezember erlag der von diversen Krankheiten und unzähligen Exzessen geschwächte Bandleader daheim in Los Angeles eben jenem Krebsleiden.

Wenn nun auf der ganzen Welt zu hymnischen Nachrufen ausgeholt wird, stehen wohl alle Schreiber vor dem selben Problem: Wie soll man sich angemessen und pietätvoll über den Tod eines Menschen auslassen, der so sehr für das wilde, laute Leben stand wie Lemmy Kilmister? Wie einen Rockmusiker würdigen, dessen integrative Wucht weniger von seiner beinharten, nicht jedermann zugänglichen Musik ausging als von seiner eigentümlichen, aber stets aufrichtigen Art, sein Dasein zu bestreiten und die Dinge beim Namen zu nennen? Vielleicht so: Mit Lemmy geht der Letzte, der den Rock'n'Roll wirklich gelebt hat - und zwar bis zum bitteren Ende.

Die ersten treffenden Worte kamen am frühen Dienstagmorgen aus dem engsten Umfeld. "Unser mächtiger, nobler Freund Lemmy ist nach einem kurzen Kampf mit einem extrem aggressiven Krebs gestorben", teilte die Band auf ihrer Facebookseite mit. Motörhead riefen alle Fans dazu auf, das Leben so zu feiern, wie es Lemmy, "this lovely, wonderful man", zeit seines Lebens getan habe. Denn - bei aller Trauer - it's Rock'n'Roll: "Wir können nicht beginnen, unseren Schock und unsere Traurigkeit auszudrücken, es gibt keine Worte", posteten Motörhead und kündigten an, sich in den kommenden Tagen ausführlicher zu äußern. "Aber für den Moment: Spielt Motörhead laut, spielt Lemmys Musik laut. Habt einen Drink oder mehrere." Unzählige Rockgrößen kondolierten am Dienstag über die sozialen Medien auf ähnliche Weise.

Lemmy Kilmister, der Name hat sich schon lange tief in die Rockgeschichte eingebrannt - mit schwarzen, krakeligen Lettern, die für einen Mann stehen, der zwar oft schwankend, aber nie gebeugt durch sein Rockstarleben polterte. Einen Rocker, den irgendwann sogar das Feuilleton zu lieben begann. Als die Kulturschreiber endlich geschnallt hatten, dass es hier um mehr geht, als um jene als Metal verschriene musikalische Spielart, um die sie sonst einen weiten Bogen machen, gab es kein Halten mehr. Lemmy, die Marke, das Unikat wurde allenthalben gefeiert. Er fand Gefallen an der Sache und lieferte in stets originellen Beiträgen und Interviews mit geradezu kindlichem Eifer nach. Lemmy erzählte keine Märchen, er gab auch nicht an, sondern plauderte nur aus seinem Leben - es waren kleine Rocker-Weisheiten, Storys, wie sie die Massen lieben.

Dabei glich der Mann lange Zeit einem medizinischen Rätsel. Fast 50 Jahre pflegte Lemmy den Rock'n'Roll-Lifestyle wie kein Zweiter. Er trank täglich Unmengen an Alkohol, rauchte wie ein Schlot und warf sich auch gerne mal Speed ein. Dass der Musiker dem Tod so oft von der Schippe springen konnte, erklärte er in seiner typisch lakonischen Art in der 2010 veröffentlichten selbstbetitelten filmischen Biografie selbst: "Das Geheimnis zum Überleben besteht darin, einfach nicht zu sterben." So weit, so Lemmy.

Doch 2013 bekam sein eigens erbautes menschliches Denkmal zum ersten Mal Risse, als der Frontmann von Motörhead einen Defibrillator eingepflanzt bekam. Sein Herz machte die Strapazen nicht mehr von alleine mit und braucht hin und wieder einen kleinen Schub, um weiterzuschlagen. Seither geschah etwas auch unter hartgesottenen Rockmusikern ziemlich Beispielloses: Einerseits gab es immer wieder Konzertabsagen oder vorzeitig beendete Auftritte, wie jenen 2013 in Wacken, als Lemmy nach 30 Minuten völlig entkräftet von der Bühne ging; andererseits hielt die Band einfach immer weiter an dem fest, was sie seit der Gründung vor 40 Jahren antrieb: Sie spielte, spielte, spielte - zum Trotz aller Gerüchte und Wahrheiten um Lemmys Gesundheitszustand. Motörhead lieferten bis zum Schluss. Noch im späten Herbst standen sie auch in Deutschland auf der Bühne. Eine gute Party verlässt man nicht vorzeitig. Auch wenn es wehtut und die Leber schreit.

"Wenn die Welt untergeht, gibt es nur zwei Dinge, die überleben werden: Kakerlaken und Lemmy": Mit diesem Zitat zweier Anhänger des musikalischen Urgesteins eröffnet die 2010 veröffentlichte Film-Doku über den Mann, der angeblich mit über 1.000 Frauen geschlafen haben soll. Noch vor fünf Jahren war es undenkbar, dass der am 24. Dezember 1945 geborene Sohn eines Geistlichen und einer Bibliothekarin frühzeitig das Zeitliche segnen würde. Laut eigener Aussage trank der Brite täglich eine Flasche Whiskey - und das konserviert schließlich. So oder so ähnlich gingen sie, die Witze um Mr. Lemmy Kilmister.

Ganz im Ernst muss man jedoch sagen: Dass es ihm nicht gut ging, war dem ausgelaugten Bandleader schon seit ein paar Jahren an Haltung und Gesicht abzulesen. Der unsterbliche Lemmy, er ist wohl doch kein Übermensch - das war in den letzten Jahren, als die Gags um seine vermeintliche Unverwüstlichkeit schon nicht mehr ganz so laut hinausposaunt wurden, längst klar. Die Frage war lediglich: Wie lange hält der Sänger und Bassist noch durch?

Ärzte rieten Kilmister, einen völligen kalten Entzug durchzuführen, damit sein Körper sich von allen Giftstoffen der letzten 50 Jahre erholen kann. Kurz nach dem abgebrochenen Wacken-Auftritt gestand er zumindest der "Hamburger Morgenpost", dass er seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum nun etwas runtergeschraubt habe: "Ich rauche immer noch und trinke nach wie vor Jack mit Cola, aber auch Wein. Einfach, weil sich das gar nicht so radikal ändern ließe. Das wäre ein viel größerer Schock für den Körper als alles andere. Er könnte das gar nicht verarbeiten." Wichtiger ist aber wohl ein anderes Zitat: Er möge es nicht, "wenn Leute mir vorschreiben wollen, was ich tun soll, selbst wenn sie Recht haben. Ich kann immer noch jede Nacht am Mikro stehen und meine Songs spielen", tönte Lemmy vor einigen Jahren im deutschen "Rock Hard"-Magazin. Doch in den letzten Monaten trat er offenbar tatsächlich kürzer. In Lemmys Welt heißt das: Statt Whiskey mit einem Schuss Cola gab es nun Orangensaft mit einem Schuss Wodka - Mischungsverhältnis abhängig von Tagesform und Laune. Die härteren Drogen, die Lemmy jahrzehntelang in sich reinschaufelte, waren passé.

Das Eigentümliche ist, dass man in diesem Fall wohl alles im Zusammenhang sehen muss: das Leben, die Drogen, die Musik. Die aufputschende Wirkung der Amphetamine, so heißt es immer wieder über Motörhead, seien es gewesen, die Habitus, Sound und Ästhetik der Band maßgeblich definierten. Zuvor war er 1975 wegen seines Speed-Konsums aus seiner alten Truppe Hawkwind geflogen, für die er kurz zuvor den Song "Motörhead" schrieb, ein Szenewort für Amphetamin-User. Die darauffolgenden 40 Jahre prägten Lemmy und seine stets zwei Mitspieler - seit über 20 Jahren in der festen Besetzung mit Phil Campbell (Gitarre) und Mikkey Dee (Schlagzeug) - aber auch durch eisenharte Disziplin in allen Lebenslagen. "Work hard, party hard", das war Lemmys und Motörheads Devise: Der Ruf der niemals zu lange pausierenden Tour-Maschinerie ist legendär. Die wie in Beton gegossene Spielfreude des unvergleichlichen Motörhead-Sound-Derivats aus Hardrock, Blues, Metal und Punk und die eines Schweizer Chronometers ebenbürtige Auftrittsverlässlichkeit brachten der britischen Rockschmiede den Ruf der am härtesten arbeitenden Rock-Band ein, die nebenbei ganz amtlich "Everything Louder Than Everything Else" war.

Auch im Studio schufteten Lemmy und seine Krawallbrüder hart. Im Schnitt gab es alle zwei Jahre ein neues Album, 22 Studioalben sind im Umlauf - und keines war je auch nur in der Nähe vom unteren Durchschnitt. Lemmys Texte sind so ehrlich und direkt wie er selbst. Er sagte auch in seinen Songs, was der dachte und hegte ein gesundes Misstrauen gegenüber Politikern, Religionen und gierigen Geschäftemachern. Der Glaube an sich selbst, gegenseitiger Respekt und die Verteidigung der Freiheit gehörten zu den Grundfesten seines Lebens und seines künstlerischen Schaffens. Gallig, energiegeladen und vor allem laut, laut, laut heizten Kilmister, Campbell und Mikkey Dee auch durch die 13 Songs ihres letzten Albums. "Bad Magic" wurde im August 2015 veröffentlicht und von Kritikern gefeiert, wie schon lange kein Motörhead-Album mehr.

Der Vater zweier unehelicher Söhne lebte, liebte und atmete seine Musik. "Du musst Dich entweder für eine Frau oder den Rock'n'Roll entscheiden", antwortete der leidenschaftliche Sammler für Nazi-Devotionalien in der biografischen Doku auf die Frage, warum er nicht verheiratet sei. Zwei Säulen - Drogen und Rock'n'Roll - der heiligen Rebellen-Dreifaltigkeit wurden hinlänglich erläutert. Wie stand es eigentlich um dritte? - Lemmy: "Sex dauert ungefähr 30 Minuten, ein Konzert Minimum eineinhalb Stunden. Frage geklärt?"

1980 veröffentlichte Lemmy mit "Ace Of Spades" den Song, der in der Bridge den Nagel über seinen Lebensstil absolut auf den Kopf trifft. "You know I'm born to lose and gambling's for fools. But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever", grunzte Lemmy Kilmister eine der meistzitierten Textzeilen der Rockgeschichte ins Mikro. Ja, Lemmy, wir haben es vernommen, und doch tut es jetzt weh: Auch unzerstörbar wirkende Rockgötter müssen irgendwann sterben. Machen wir ein Bier auf. Oder fünf.

Quelle: teleschau - der mediendienst