Lemmy Kilmister

Lemmy Kilmister





Schönes, hartes Rockstar-Leben

"49 % Motherfucker, 51 % Son Of A Bitch"! - So lautete die treffende Analyse eines vor fünf Jahren erschienen Dokumentarfilms über Ian Fraser Kilmister, von allen nur "Lemmy" genannt. Verpasst bekam er diesen Nickname aufgrund des Ausspruchs "Lemme (lend me) a quid", eine Anspielung auf Lemmys Jugendjahre, als er ständig pleite war und sein Umfeld ständig um Kredit bat. Jenes Umfeld und die ganze Rock'n'Roll-Welt werden es wohl nie für möglich gehalten haben, doch es ist wahr: Der ewig rockende Bürgerschreck vollendet an Heiligabend sein 70. Lebensjahr.

Dass der am 24. Dezember 1945 in den West Midlands im Herzen Englands geborene Vollblutrocker so alt werden würde, daran glaubte Mr. Kilmister manchmal selbst nicht. Nach dem Einsatz eines Defibrillators vor etwa drei Jahren gab es erste deutliche Anzeichen dafür, dass der Mann, der sein ganzes Leben lang nur für den Rock'n'Roll gelebt hat, vielleicht doch nicht unsterblich sein könnte. In letzter Zeit häuften sich krankheitsbedingte Konzertabbrüche und -absagen. Seitdem tritt der erfahrene Establishment-Schreck kürzer, ein wenig jedenfalls.

In Lemmys Welt heißt das: Statt Whiskey mit einem Schuss Cola gibt es nun Orangensaft mit einem Schuss Wodka - Mischungsverhältnis abhängig von Tagesform und Laune. Auch der exzessive Zigarettenkonsum ist passé, ganz zu Schweigen von den Drogen, die Lemmy jahrzehntelang in sich reinschaufelte. Die aufputschende Wirkung der Amphetamine waren es, die Habitus, Sound und Ästhetik seiner Band Motörhead maßgebend definierten. Zuvor flog er 1975 wegen seines Speed-Konsums aus seiner alten Truppe Hawkwind, für die er kurz zuvor den Song "Motörhead" schrieb, ein Szenewort für Amphetamin-User.

Die darauffolgenden 40 Jahre prägten Lemmy und seine stets zwei Mitspieler - seit über 20 Jahren in der festen Besetzung mit Phil Campbell (Gitarre) und Mikkey Dee (Schlagzeug) - durch eisenharte Disziplin in allen Lebenslagen. "Work Hard, Party Hard" war und ist Lemmys und Motörheads Lebensdevise: Der Ruf ihrer niemals zu lange pausierenden Tour-Maschinerie ist legendär. Die wie in Beton gegossene Spielfreude des unvergleichlichen Motörhead-Sound-Derivats aus Hardrock, Blues, Metal und Punk und die eines Schweizer Chronometers ebenbürtige Auftrittsverlässlichkeit brachten der britischen Rockschmiede den Ruf der am härtesten arbeitenden Rock-Band ein, die nebenbei ganz amtlich "Everything Louder Than Everything Else" ist.

Auch im Studio schuften die drei Krawallbrüder hart. Im Schnitt gibt es alle zwei Jahre ein neues Album, 22 Studioalben sind es bereits - und keines davon war je auch nur in der Nähe vom unteren Durchschnitt. Lemmys Texte sind so ehrlich und direkt wie er selbst. Er sagt, was der denkt und hegt ein gesundes Misstrauen gegenüber Politikern, Religionen und gierigen Geschäftemachern. Der Glaube an sich selbst, gegenseitiger Respekt und die Verteidigung der Freiheit gehören zu den Grundfesten seines Lebens und seines künstlerischen Schaffens.

Wahrscheinlich ist es genau das, was Lemmys Fans und zahllose prominente Musikerkollegen so an ihm lieben. Die Anhängerschaft Motörheads gehört zu den treuesten dieses Erdballs, ungeachtet musikalischer Trends und Gerüchten über den angeblich skandalösen Lebenswandel der Band. Doch genau um das Thema hat Lemmy nie ein Geheimnis gemacht. Sex, Drugs, Rock'n'Roll - warum auch nicht. Lemmy, der in seinen jungen Jahren temporär Roadie von Jimi Hendrix gewesen war, lief nie in den Hafen der Ehe ein, zu seinem Sohn Paul, der bereits 1967 geboren wurde und ebenfalls Musiker ist, hat Lemmy ein überaus gutes Verhältnis. Es heißt, man tausche sogar Freundinnen untereinander aus, was natürlich ein Gerücht ist. Aber immerhin eines, das dem Ruf des Schwerenöters Lemmy Kilmister, dem man nachsagt, er habe über 2.000 Frauen verführt, durchaus gerecht wird.

Für Dave Grohl (Foo Fighters) ist Lemmy womöglich auch deshalb der größte Rock'n'Roller aller Zeiten, der sogar Keith Richards weit hinter sich lasse. Lobgesänge und Ehrbekundungen kommen zudem aus der halben Musikwelt: Slash, Ozzy Osbourne, Steve Harris (Iron Maiden), Andy Gill (Gang Of Four), Jared Followill (Kings Of Leon), Paul McCartney, Alice Cooper, Metallica, Anthrax, Peter Hook (New Order), Henry Rollins, Steve Vai, Mick Jones (The Clash) und verehren den stoischen Haudegen und/oder haben sich maßgeblich in ihrem Schaffen von ihm beeinflussen lassen.

Wenn Lemmy nicht auf Tour ist, geht er entspannt in den Plattenladen, um vielleicht noch ein paar aktuelle Remasters von seinen Allzeit-Favoriten, den Beatles, Chuck Berry oder Elvis zu erstehen. Oder er hängt trinkend am einarmigen Banditen ab, in Las Vegas oder im legendären Rainbow Bar and Grill am Sunset Boulevard in Los Angeles. Denn sein überschaubares Apartment, das Lemmy seit über 20 Jahren bewohnt, ist nur einen Steinwurf weit davon entfernt. Es ist vollgestopft mit Nazi-Memorabilien, ein Umstand, der gerade in Deutschland oft zu Missverständnissen bezüglich Lemmys politischer Gesinnung geführt hat. Den Wahnsinn des Krieges könne man eben nur verstehen wenn man sich damit beschäftige, so die Aussage des leidenschaftlichen Sammlers. Und da muss man ihm wohl recht geben, dem Herrn Lemmy, der freilich alles andere ist, nur kein Nazi.

Egal, welche Gerüchte oder Fakten sich zu Lemmys mittlerweile medial prägnant dokumentierter Gesundheit noch in Zukunft bündeln werden, und egal ob Herr Kilmister morgen oder in einigen Jahren von der Bühne herabsteigen wird: Seine abgeklärte wie charakteristische Livepräsenz, zu der das hochragende Mikrofon, die markanten Stiefel, der Hut und der Rickenbacker-Bass gehören, den Lemmy mit der Spieltechnik eines Rhythmusgitarristen bearbeitet, hat sich so oder so für immer in die Köpfe und Herzen der Fans gebrannt. Eine Legende ist er schon lange und der Schritt zur Unsterblichkeit wird für Lemmy ohnehin nur ein kleiner sein. Denn Angst vor dem Tod, habe er sowieso nicht, sagt Lemmy. Warum auch.

Quelle: teleschau - der mediendienst