Henning Baum

Henning Baum





Geradeaus, auch wenn's mal wehtut

Der harte Kerl kann auch ganz anders: In Aelrun Goettes intensivem ARD-Drama "Im Zweifel" (Samstag, 30. Januar, 20.15 Uhr) ist Henning Baum in einer ungeahnt stillen Rolle zu bestaunen. Als sensibler Ehemann und Familienvater mit ausgeprägten musischen Neigungen überzeugt der kernige Retro-Cop aus "Der letzte Bulle" auch im distinguierten Rollkragenpulli auf ganzer Linie. Immer schön, wenn man ein paar Klischees brechen kann - was für ein Interview mit einem Schauspieler wie Henning Baum natürlich im besonderen Maße gilt. Immerhin ist der 43-jährige Essener zum Beispiel auch ein leidenschaftlicher Boxer. Ein Hobby, das den Mann mit der sonoren Stimme zuletzt auch für eine ganz andere Aufgabe qualifiziert hat: Er hat das Hörbuch "Knockout - Das Leben ist ein Kampf. Die besten Geschichten vom Boxen" eingelesen, und ihm wird auch dafür, wie könnte es anders sein, allenthalben auf die breiten Schultern geklopft. Sein Geheimnis: Authentizität. "Dem Baum", wie er sich selbst manchmal nennt, kauft man es sogar ab, wenn er über die Zusammenhänge von Schauspielerei und Boxsport doziert ...

teleschau: So still und zurückhaltend wie nun an der Seite von Claudia Michelsen im ARD-Drama "Im Zweifel" haben wir Sie noch nie gesehen. Sind Sie auf einmal der Mann für die leisen Zwischentöne, Herr Baum?

Henning Baum: Ja, staunen Sie ruhig (lacht). Der Baum hat eben viele Seiten, der kann nicht nur harter Kerl. Es ist mir eine Freude, die Zuschauer auch mal mit so einer so nachdenklichen Rolle zu überraschen.

teleschau: Im Kern geht es um eine Ehe, die nach vielen Jahren vor der Zerreißprobe steht ...

Baum: Ja, da ist ein Paar, das das Zutrauen zueinander völlig verloren hat. Die Beziehung ist ausgehöhlt, auf beiden Seiten sind so viele Zweifel, jeder setzt komplett andere Prioritäten. Keine schöne Ehe! Claudia Michelsen und ich versuchen, eine Stimmung zu erzeugen, die etwas nachvollziehbar werden lässt, was jeder von uns irgendwie befürchtet ...

teleschau: Das Ende der Liebe! Kommt jede langjährige Beziehung an diesen Scheidepunkt?

Baum: Nein, ich denke nicht, dass das zwangsläufig passiert. Man muss gut aufpassen, ehrlich miteinander umgehen - aber das Thema zu vertiefen, würde den Rahmen des Interviews sprengen.

teleschau: Weil auch das im Film eine Rolle spielt: Darf man lügen, wenn es dem Wohl der Beziehung dient?

Baum: Nein. Lügen, also das Falsch-Zeugnis-Reden wider einem Nächsten, ist grundsätzlich der falsche Weg - meine Meinung. Wenn man anderen mit einer Lüge schadet, ist das böse und nichts anderes als das. Aber ich will nicht heucheln, machen wir uns nichts vor: Wenn wir uns immer nur die Wahrheit ins Gesicht sagen würden, wäre das eine grausame Welt.

teleschau: Also?

Baum: Wir sprechen viel häufiger mit Subtexten und verwenden verklausulierte Formen der Wahrheit, als es uns bewusst ist. Es werden in fast allen Gesprächen Dinge gesagt, die anders gemeint sind. Wahrheiten werden auch in Beziehungen gedehnt, das ist schon okay so. Man muss eben den Anderen deuten lernen - sowieso eine der wichtigsten Aufgaben im Leben.

teleschau: Sie haben das Image, ein ausgewiesen aufrichtiger und geradliniger Zeitgenosse zu sein ...

Baum: Das ehrt mich natürlich, aber ich würde energisch widersprechen!

teleschau: Also, wie sind Sie?

Baum: Tatsächlich nicht besser als jeder andere. Ich will weder Vorbild sein noch die Speerspitze des Anstands. Was ich mir allerdings auferlege, ist eine Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber. Die Herausforderung ist, seinen eigenen Weg zu finden und diesen dann nicht zu verraten. Ich bin keiner, der sich so schnell ablenken lässt - Konsumdruck, Trends und Moden, auch dieses ganze Gedöns in den sozialen Medien lassen mich relativ kalt. Deswegen begegne ich auch dem aktuellen Mainstreamdiktat eher mit Skepsis.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Baum: Ach, mich nervt diese Political Correctness. An sich ist sie nichts Schlimmes, aber wenn sie gesellschaftlich zur Konvention und medial verordnet wird, dann wird es gefährlich. Denn dann wird daraus Denkhemmung. Wir sind bereits mittendrin in diesem Prozess, der politische Diskurs geht schon länger nicht mehr offen in alle Richtungen, und das ist ungesund für unsere Demokratie.

teleschau: Was würden Sie sich wünschen?

Baum: Wir brauchen wieder mehr Polarität in den Debatten, aber weniger Polemik - vor allem im Internet, wo sich jedermann empört, als hätten alle Stéphane Hessel gelesen. Dabei reicht Empörung alleine nicht aus. Sie bringt uns kein bisschen weiter.

teleschau: Wo reagieren Sie sich eigentlich ab? Im Boxring?

Baum: Ja, da auch. Das brauche ich schon regelmäßig.

teleschau: Was reizt Sie am Boxen?

Baum: Na, der Spaß!

teleschau: Es macht Ihnen Spaß, sich zu kloppen?

Baum: Was für mich den Spaß beim Boxen definiert, ist die intensive Auseinandersetzung mit meinem Gegenüber - man ist aufeinander angewiesen. Es ist nicht anders als beim Tennis, Fechten oder Tanzen: Ohne adäquaten Partner geht es nicht. Was ich übrigens auch über die Schauspielerei sagen würde.

teleschau: Sie sagen bewusst Partner und nicht Gegner?

Baum: Ja, denn der Sport lebt vom Miteinander - im Idealfall zweier Partner auf Augenhöhe. Es ist ist nun mal schwer, den anderen zu treffen, und während man nach Möglichkeiten sucht, muss man höllisch aufpassen, um selber nicht getroffen zu werden. Das ist die Herausforderung. Es geht viel um Taktik, um Schnelligkeit und Geschicklichkeit, auch um Timing und ein Gefühl für die Distanz. Du musst permanent konzentriert sein und überlegen, hast aber keine Zeit dazu. Aber natürlich fängt man sich auch beim Sparring mal eine ein. Tut weh, gehört aber dazu.

teleschau: Warum haben Sie sich in jungen Jahren nicht für einen Mannschaftssport entschieden?

Baum: Ich war einfach nicht geschickt genug mit dem Ball, um Fußball oder Basketball oder so etwas zu spielen. Rugby mochte ich gerne - aber das ist ja nicht so verbreitet in Deutschland. Ich bin mehr der Mann-gegen-Mann-Typ.

teleschau: Haben Sie sich als Junge öfter geprügelt als andere Kinder?

Baum: Ja, bestimmt. Aber das hat mit meiner Leidenschaft fürs Boxen nichts zu tun - behaupte ich mal (lacht). Boxen ist keine Prügelei - auch wenn es bei richtigen Kämpfen ordentlich zur Sache geht und das Ganze einem Profi-Boxer mit den Jahren ganz sicher auf die Gesundheit schlägt.

teleschau: Aber auch beim Sparring steckt man ein. Was macht es mit einem, wenn man, salopp gesagt, eins auf die Fresse kriegt?

Baum: Es macht mich nicht aggressiv, wenn Sie darauf hinauswollen.

teleschau: Sagt sich so leicht ...

Baum: Es ist gar nicht leicht. Doch genau das macht den Boxsport ja aus: Man muss auch einstecken können.

teleschau: Aber was heißt das konkret?

Baum: Die Angst überwinden. Nach vorne gehen, in den Gegner reingehen, auch wenn's gleich wieder richtig wehtun könnte. Überlegen, was zu tun ist, um bei der nächsten Attacke keinen Treffer mehr einzustecken.

teleschau: Was hat Ihnen das jahrelange Boxen für den beruflichen Alltag gebracht?

Baum: Eine gewisse Zähigkeit. Ich gebe nicht so schnell auf, kann gut durchhalten. Das Boxtraining ist anstrengend und vielseitig: Es geht um Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit ... Das härtet ab, und das hilft mir tatsächlich im Alltag weiter.

teleschau: Braucht man diese Zähigkeit als Schauspieler?

Baum: Ja, es kann ein sehr hartes Geschäft sein. Die Kunst ist es wohl, es gar nicht erst zu einem harten Geschäft werden zu lassen.

teleschau: Wie stellen Sie das an?

Baum: Ich versuche, mir die Lust am Spielen, die Faszination für den Beruf zu erhalten. Das ist doch für uns alle das Allerwichtigste: dass man stets freudig gestimmt an die Arbeit geht. Nur so hält man dieses Leben doch aus, oder?

teleschau: Wohl wahr. Aber das Allerwichtigste ist manchmal irgendwie auch das Allerschwerste ...

Baum: (lacht) Ich weiß, es sagt sich leicht daher. Tatsächlich ist das eine schwere Aufgabe, der man sich immer wieder aufs Neue stellen muss. Man muss Freude haben bei dem, was man tut, nur dann bleibt man locker und schafft, was man sich vornimmt. Das gilt im Boxring genauso wie im Büro, vor der Kamera und überhaupt im ganzen Leben. Stellen Sie sich das Leben als einen großen Tanz vor - kein Mensch kann tanzen, wenn er verkrampft ist und eigentlich keinen Bock hat.

teleschau: Macht einen der Boxsport zum Philosophen?

Baum: Nicht unbedingt. Aber als Schauspieler ist es wichtig, nicht nur an das eigene Konzept zu denken, sondern jederzeit offen für das Innenleben des anderen zu bleiben. Das ist nicht immer leicht, man hat auch mal schlechte Tage, aber nur wenn man diese gegenseitige Offenheit hergestellt hat, macht die Schauspielerei richtig Freude. Dann aber ist sie etwas sehr Lebendiges und Verführerisches. Mein Beruf ist ein wundervolles Geschenk, wenn man einen wachsamen Partner hat.

teleschau: Also hängt Ihr Wohl und Wehe doch in erster Linie von Ihrem jeweiligen Gegenüber ab?

Baum: Nein. Die Grundlage ist die Vorlage: ein gutes Drehbuch, stimmige Figuren, griffige Dialoge. Und dann freue ich mich einfach, wenn ich auf Kollegen treffe, die mich überraschen. Ich werde am Set richtig gerne überrascht. Dazu gehört ein bestimmter Stil, ein Klima ohne zu starre Vorgaben, so wie wir es etwa beim Dreh von "Der letzte Bulle" hatten. Ich glaube, da haben alle gerne gearbeitet. So mancher hat gesagt: "Toll, bei euch kann man endlich mal richtig spielen."

teleschau: Werden Sie eigentlich noch hin und wieder auf ein Comeback von Mick Brisgau angesprochen?

Baum: Ja, ich werde sehr oft danach gefragt und antworte: Der letzte Bulle ist gerade auf Weltreise. Der macht, was er will. Vermutlich ist er gerade irgendwo in British Columbia, um mit Indianern auf die Jagd zu gehen. Ich habe neulich eine Postkarte von ihm bekommen - er schreibt ja noch mit der Hand, Mails und SMS sind nicht so sein Ding ...

Quelle: teleschau - der mediendienst