Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers





"Erziehung ist kein Debattierklub"

Auch wenn gerade kein "Tatort" aus Münster auf dem Programm steht, beginnt das neue Jahr für alle Fans von Jan Josef Liefers mit einem echten Pflichttermin. "Die 7. Stunde" (Montag, 4. Januar, 20.15 Uhr, ZDF) ist der vierte Mystery-Krimi aus der Reihe um Rechtsanwalt Joachim Vernau nach Vorlagen von Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann. Im Interview verrät der 51-jährige Starschauspieler, ob diese ZDF-Rolle mehr ist als nur eine nette Abwechslung vom Part des in der Münsteraner Pathologie sein Unwesen treibenden Professor Karl-Friedrich Boerne und ob er nicht bald den Kriminalfilm-Overkill im deutschen Fernsehen befürchtet. Liefers' Bekenntnis , dass er selbst "eigentlich gar kein roßer Krimifan" sei, kommt dabei allerdings so überraschend, dass wir uns dann lieber auf ein griffigeres Themenfeld konzentrieren: Schule und Erziehung im Wandel der Zeit.

teleschau: Es gibt ja Schauspielkollegen, die sich darüber beschweren, dass es in Deutschland fast nur noch Krimirollen zu spielen gebe. Sie dagegen arbeiten mit den Vernau-Filmen nun schon an Ihrer zweiten Krimi-Reihe. Noch keine Ermüdungserscheinungen?

Jan Josef Liefers: Für das deutsche Fernsehen entstehen viele Krimis, aber zum Glück gibt es von der Krimikomödie bis zum harten Actionkrimi so viele verschiedene Spielarten ... Das Genre bietet wirklich zahlreiche Möglichkeiten für gute Unterhaltung. Ich selbst bin allerdings eigentlich gar kein großer Krimifan.

teleschau: Wie kam es dann zu den Vernau-Filmen?

Liefers: Das begann mit den Vernau-Romanen von Elisabeth Herrmann. Sie kombiniert heutige Krimihandlung mit lange zurückliegenden, historischen Ereignissen. Und der Ermittler ist kein Polizist, sondern ein Anwalt, der immer zufällig in etwas hineingerät. Ganz anders als beim "Tatort". Vor allem aber finde ich die Figur interessant: Vernau ist Zivilist, er macht seine Regeln selbst. Eine freie Figur, mit der man in viele Richtungen gehen kann. Auch nicht so typisch Deutsch, eher lässig und leicht. Er ist dem süßen Leben nicht eben abgeneigt und sieht die Dinge gerne von der leichten Seite. Trotzdem hat er ein tief eingebautes Gerechtigkeitsgefühl, das ihn antreibt.

teleschau: Im Film geht Vernau als Aushilfslehrer an eine Schule. Wäre das auch ein Job für Sie?

Liefers: Manchmal bewundere ich Lehrer, wie sie so einen Sack Flöhe zusammenhalten können. Heute ist die Schule ja sehr viel anders als früher, man muss nicht mehr die Hände ausstrecken und bekommt mit dem Lineal draufgehauen. Stattdessen wird viel mehr diskutiert, die Schüler haben viel mehr Möglichkeiten. Manchmal vielleicht auch zu viele.

teleschau: Inwiefern?

Liefers: Zu viel Qual der Wahl. "Möchtest Du es so haben oder doch so oder lieber ganz anders?" - Es dauert eine Weile, bis ein Kind alt genug ist, die Vorteile vieler Auswahlmöglichkeiten zu erkennen und gut zu nutzen. Erziehung ist ja kein Diskutierklub, was jeder gerade so am liebsten tun oder lassen will. Kinder folgen auch strengeren Vorgaben gerne, wenn die für sie interessant und faszinierend vermittelt werden. Lehrer, die im heutigen Schulalltag über Jahre mit Hingabe und Leidenschaft durchhalten, sind wirklich bewundernswert. Zumal sie Grundlagen, die in der Familie zu Hause gelegt werden sollten, immer öfter auch noch aufs Auge gedrückt bekommen.

teleschau: Bekommen Sie das bei Ihren eigenen Kindern auch mit?

Liefers: Nein. Wir sind die Basis für unsere Kinder, nicht die Schule. Was es an Regeln und Werten gibt, kommt aus der Familie. Vor allem Liebe, Zuneigung und Verständnis. Unsere Kinder gehen auf eine relativ normale, städtische Schule. Allerdings findet die Hälfte des Unterrichts auf Englisch statt, es gibt viele Kinder von Ausländern dort. Sie haben mit ihren Mitschülern jetzt schon Freunde aus der ganzen Welt und lernen, dass die Welt groß ist und wir kein Kleingartenverein sind, der sich einbunkern sollte. Sie haben keine Angst vor Hautfarben oder Religionen.

teleschau: Auch auf normalen Schulen herrscht mittlerweile oft ein ziemlicher Konkurrenzdruck, es gibt Eltern, die ihren Kindern schon die Hausaufgaben machen, damit sie möglichst gut dastehen ...

Liefers: Würde mir nicht einfallen, das sollen sie mal schön selber. Klar helfen wir, wenn das nötig ist. Am liebsten mit Anregungen. Ein paar Ideen, und sie kriegen das super alleine hin.

teleschau: War Mathe ihr Hassfach in der Schule?

Liefers: Es ging so. Eines war auf jeden Fall Staatsbürgerkunde. Da sollte uns die Überlegenheit des Sozialismus, durch die tiefrote DDR-Ideologie-Brille betrachtet, eingetrichtert werden. Damit schöne, neue, sozialistische Menschen entstehen. Und das war so schrecklich durchschaubar. Es war kein Unterricht, in dem man wirklich interessante Fragen hätte stellen können, sondern es wurde nur erwartet, dass man da was über die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus herbeten sollte.

teleschau: Hatte diese Abneigung auch mit Ihrem eigenen Elternhaus zu tun? Ihre Eltern waren ja beide Schauspieler und sicher ein wenig freigeistiger als üblich ...

Liefers: Gut möglich. Es war einfach zu blöde. Jeder, der in der DDR gelebt hat, wusste ja, was es für einen Unterschied gibt zwischen dem, was in der Zeitung steht, und dem, was im wahren Leben stattfindet. Mit dieser Diskrepanz hat man gelebt, und Staatsbürgerkunde war das gleiche.

teleschau: Sie hatten allerdings nicht nur in der Schulzeit, sondern auch später im Studium noch gewisse Probleme mit dem System ...

Liefers: Man konnte problemlos anecken. Und da war die Stasi-Beobachtung. Mein Vater hatte eine Begegnung mit einem Stasi-Offizier, der versuchte, ihn unter Druck zu setzen - unter anderem mit Informationen über mich. Wir wohnten zwar in der gleichen Stadt damals, hatten aber nicht jeden Tag Kontakt. Eines Tages kam er zu mir und sagte: "Die wissen ja besser Bescheid über dich, als ich."

teleschau: Ist es Ihnen damals trotz der Beobachtung gelungen, gewisse Geheimnisse zu bewahren? Hatten Sie überhaupt Geheimnisse, die bewahrt werden mussten?

Liefers: Klar, wer hat die nicht. Aber die sind geheim. Was ich heute erzählen kann, ist ein Geheimnis, das ich vor meinen Eltern bewahrt habe.

teleschau: Und das wäre?

Liefers: Als ich anfing zu rauchen. Ich habe keine Zigaretten geraucht, sondern Pfeife. Erst mal musste ich mir heimlich so ein Ding besorgen, das war gar nicht so einfach. Und dann musste ich es natürlich zu Hause gut verstecken. Geraucht wurde natürlich nur auswärts.

teleschau: Aber das roch man doch sicher trotzdem an der Kleidung?

Liefers: Naja, so sind Sprösslinge - sie denken, die Eltern sind ein bisschen plemplem. Das ist ja das Schöne daran, die Töchter und Söhne sind so stolz: "Meine Eltern haben das alles nie mitgekriegt!" Und die Papas und Mamas lächeln und denken sich: "Ist klar. Du denkst auch, wir sind auf der Wurstsuppe daher geschwommen ..." (lacht)

teleschau: Lassen Sie Ihren Kindern Ihre Geheimnisse, auch wenn Sie sie durchblicken?

Liefers: Klar. Auch junge Menschen brauchen diesen Raum, diesen kleinen, geheimen Ort, zu dem Andere erst mal keinen Zugang haben.

teleschau: Und was ist mit Ihnen? Brauchen Schauspieler Geheimnisse, um als Projektionsfläche für den Zuschauer zu taugen?

Liefers: Klar! Ich spiele ständig andere Rollen, dafür ist es gut, wenn ein Zuschauer nicht alles über mich weiß. Außerhalb meiner Arbeit wäre mir Verstellung aber zu anstrengend. Ich mag Leute, die so sind, wie sie sind, und das auch zeigen, selbst wenn sie dabei das Risiko eingehen, anzuecken. Die sind mir lieber als andere, die immer allen alles recht machen wollen. Ein gewisses Maß an Diskretion gehört zum Beruf. Manchmal wirst du ja durch die Presse gejagt, wie die Sau durchs Dorf. Und wenn du dann einen Film drehst, und jeder sitzt da drin und denkt: "Ach, das war doch der, der sein Ferienhaus angezündet hat, um bei der Versicherung abzukassieren, und der da hatte doch eine Affäre mit der und der ... " - So was steht dann dem Film im Weg, dann kann man nicht mehr einfach nur zuschauen. Manchmal ist ein Geheimnis das bessere Entertainment.

Quelle: teleschau - der mediendienst