Benjamin Sadler

Benjamin Sadler





Fernsehen auf neuen Wegen

Benjamin Sadler, 44, ist eine zuverlässige Größe im deutschen TV. Auch international kennt sich der zweisprachig aufgewachsene Schauspieler aus. Nun spielt er einen Familienvater im Zeugenschutzprogramm - im extralangen ARD-Thriller "Das Programm" (Montag, 04.01., 20.15 Uhr, ARD). 180 Minuten dauert dieses TV-Stück, das aber weder Serie, Mehrteiler oder Monumentalfilm sein will. Das ungewöhnliche Format, mit dem die ARD ihr Fiction-Jahr 2016 beginnt, bringt das Interview irgendwann von der Psychologie des Zeugenschutzprogramms auf die dramatischen Veränderungen, die das klassische Fernsehen gerade erschüttern.

teleschau: Dürfen Schauspieler erfahren, wie ein Zeugenschutz-Programm wirklich funktioniert?

Benjamin Sadler: Ich denke, dass wir relativ viel erfahren haben. Jener Experte, der das Zeugenschutz-Programm in Deutschland überhaupt erst aufbaute, war Berater des Films. Die Einführung solcher Programme wurde erst 1998 vom Bundestag beschlossen. Es ist in Deutschland eine recht neue Methode, um organisierte Kriminalität zu bekämpfen.

teleschau: Sie empfinden Ihren Film als realistisch?

Sadler: In den Details, wie das Programm funktioniert, sind wir schon ziemlich realistisch. Das Einzige, was aus dramaturgischen Gründen geändert wurde, ist, dass Beamte, die Menschen im Programm betreuen, nicht auch gleichzeitig im selben Fall ermitteln. Unser Fall selbst ist natürlich dramaturgisch zugespitzt.

teleschau: Dass man nach erfolgreicher Umsiedlung einer Familie, den neuen Ort nach einiger Zeit wieder verlassen muss, weil er nicht mehr sicher ist - wie oft kommt so etwas vor?

Sadler: Man hat uns gesagt, dass so etwas durchaus vorkommen kann. Wenn die neue Identität aufzufliegen droht, kann es passieren, dass diese Menschen nach ein, zwei Jahren vielleicht noch einmal in eine neue Identität starten müssen.

teleschau: Was ja eine ungeheure psychische Belastung sein muss!

Sadler: Absolut, das ist dann fast schon so etwas wie eine Flüchtlingsrealität.

teleschau: Wobei ein Flüchtling immer noch seine Identität behält, Ihre Familie jedoch auch neue Namen, Berufe und biografische Daten erhält, die alles Alte ersetzen ...

Sadler: Ja, das hat dann schon etwas Schizophrenes und muss ungeheuer belastend sein. Die Idee dahinter ist aber klar: Kappe das Wurzelwerk deines Lebens, damit du über keinerlei Verbindungen gefunden werden kannst. Ich habe mit niemandem sprechen können, der in einem solchen Programm ist. Insofern sind meine Gedanken dazu spekulativ. Aber - klar, es ist ein breites Kaleidoskop extremer Emotionen, die einen in einer solchen Lebenssituation überkommen. Davon können Sie ausgehen.

teleschau: Welche Gefühle waren Ihnen dabei als Schauspieler wichtig zu transportieren?

Sadler: Ich wollte zeigen, wie verunsichert sich jemand fühlen muss, der in einer solchen Situation steckt. Und natürlich auch, wie abhängig man sich von denen fühlt, die dieses neue Leben für einen organisieren. Ich glaube, dabei kann eine enge, eigenartige Form der Bindung zwischen den beiden Seiten entstehen.

teleschau: Wissen Sie denn, ob das Zeugenschutz-Programm funktioniert?

Sadler: Offenbar schon. Ich hatte mich selbst gefragt, ob man nicht doch immer irgendwie auffindbar bleibt? Zum Beispiel über die Eltern meiner Figur, die ja im Film eben nicht in ein neues Leben verpflanzt werden. Man sagte mir, dass organisierte Kriminalität in der Regel nach Business-Regeln funktioniert. Das heißt, man muss nur die schützen, die wirklich etwas wissen. Die Gefahr für die Verbrecher, die enormen Aufwand betreiben müssten, um jemanden zu finden, wird erstaunlicherweise recht kühl abgewogen. Dem Rachegedanken stehen logische und gewinnorientierte Überlegungen entgegen. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch Psychopathen da draußen gibt, denen der Aufwand egal ist. Ich denke, jeder Fall ist unterschiedlich.

teleschau: Wie lange müssen Menschen in einem solchen Programm leben?

Sadler: Auch das ist sehr unterschiedlich. Im Extremfall, ein Leben lang. Zum Beispiel der italienische Autor Roberto Saviano. Der "Gomorrha" geschrieben hat, wird, so weit ich weiß, regelmäßig umgesiedelt und ständig bewacht. Das wird sich bei ihm vielleicht nie ändern. Solche Leute verbringen ihr Leben als Gejagte. Bei anderen Menschen im Zeugenschutz ist die Bedrohung vielleicht nach ein, zwei Jahren nicht mehr da, und sie können in ihr altes Leben zurück.

teleschau: Auch Sie führen, im unspektakulären Sinne, ein Doppelleben als Schauspieler. Ihre Mutter ist Engländerin, Sie sind zweisprachig aufgewachsen und arbeiten auch auf Englisch. Wie gut funktioniert das?

Sadler: Grundsätzlich ist das es natürlich toll, diese Option zu haben. Ich habe auch einen Agenten in London, der mich dort vertritt. Dadurch mehren sich für mich die Chancen, interessante Projekte zu machen. Wobei Sprache und Ort für mich dabei nicht entscheidend sind.

teleschau: Als jemand, der den internationalen, vor allem den englischsprachigen Markt gut kennt, muss man fragen: Ist es richtig, dass die Qualität, vor allem die der Serien, dort tatsächlich viel besser ist als in Deutschland?

Sadler: Auch dort gibt es natürlich Müll, aber in der Spitze trifft das zu - ja. Serielles Erzählen findet in Amerika oder England auf einem deutlich höheren Niveau statt. In Sachen Film und Fernsehfilm haben wir Deutschen tolle Sachen zu bieten, aber bei den Serien tun wir uns immer noch schwer. Man versucht gerade eine ganze Menge, um das zu ändern. Projekte mit längeren Spannungsbögen und entsprechend komplexerer Charakterzeichnung. Es ist schon ein Unterschied, ob du eine Geschichte in 90 Minuten oder eben über einen Spannungsbogen von acht, zwölf oder sogar 36 Folgen erzählen kannst. "Das Programm" ist immerhin drei Stunden lang und somit gewissermaßen Teil dieses Trends, dass man im deutschen Fernsehen mit längeren Spannungsbögen experimentiert - und das dann eben auch am Stück sendet.

teleschau: Dass die Deutschen in Sachen Top-Serien dem Markt hinterherhinken, wird viel beklagt. Aber kann man auch erklären, warum das so ist?

Sadler: Dafür gibt es wohl unterschiedliche Gründe. Einer ist die Qualität des Free-TV. Dass in Amerika so etwas wie HBO entstandt, hat auch damit zu tun, dass das freie Fernsehen dort eine Krise hatte und vieles nicht mehr funktionierte. Und dann bilden sich Traditionen und Erfahrungen heraus, die eben Zeit brauchen. Schauen Sie sich Dänemark an, wo immer wieder gute Filme und Serien herkommen, obwohl das ein kleines Filmland ist. Die haben das systematisch aufgezogen: exzellente Schulen für Drehbuchautoren, viel Zeit und Sorgfalt, die man in die Entwicklung der Produktionen hineinsteckte. Die Dänen waren da viele, viele Jahre unterwegs, bevor sie Früchte ernteten. Mittlerweile hat man sich einen Ruf erarbeitet, der auf Knowhow beruht. Was es sicher nicht gibt, ist ein deutscher Mangel an Talent. Es gibt tolle Leute hier. Aber die müssen sich finden und irgendwann eine Chance bekommen.

teleschau: Ist es typisch Deutsch, dass man immer nur darauf schaut, was bei uns alles nicht funktioniert? Oder gibt es einen Grund, warum qualitativ gute Serien zumindest vom Massenpublikum im hiesigen TV nicht angenommen werden?

Sadler: Was heißt denn Erfolg? Eine gute Quote? Sicherlich auch, aber nicht nur. Auf jeden Fall nicht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und dann, nach welchem Maßstab? In Zeiten von Netflix, Mediatheken und so weiter muss man sich das ganze Spektrum ansehen. In anderen Ländern gab und gibt es ebenfalls enorme Rückschläge und frustrierende Wartezeiten bis ein Publikum sich neu findet. "Im Angesicht des Verbrechens" hat vielleicht nicht sofort den Erfolg gehabt - in den gewohnten Kategorien. Aber der Ansporn für andere Geschichtenerzähler in diesem Land, die DVD- Verkäufe oder auch, wie die Wiederholungen angekommen sind - das ist doch kein Misserfolg. Da müssen wir dran bleiben. Nicht kopieren, sondern die eigenen Geschichten, eine eigene Ästhetik des filmischen Erzählens finden. So etwas passiert nicht über Nacht.

teleschau: Wie könnte die zum Beispiel aussehen?

Sadler: "Deutschland 83", "Blochin" oder "Weinberg" bieten schon positive kreative Entwicklungen. Dort sind der Wunsch und die Kraft schon sichtbar, hiesige Geschichten aufzugreifen und ein Publikum unterhalten und herausfordern zu wollen. Dort werden aber auch Zuschauer angesprochen die nicht unbedingt Punkt "viertel nach" vor dem Fernseher sitzen. Da gilt es auch, auf die anderen Abspielmöglichkeiten zu schauen um den Erfolg zu messen. Um mit innovativen Projekten Erfolg zu haben, bedarf es mehr Mut und Kraft von allen Beteiligten. Die Talente dazu haben wir ja. Die großen Mythen auch.

teleschau: Der russische Schriftsteller Wladimir Kaminer hat mal gesagt: Die Deutschen seien Waldmenschen, das säße in ihren Genen. Wen man sieht, wie beispielsweise der Regisseur Christian Petzold in seinem Münchener "Polizeiruf: Kreise" oder in seinem "Dreileben"-Film den Wald großartig und geheimnisvoll inszenierte, will man sagen: Warum nicht öfter so!

Sadler: Ich weiß, dass in Skandinavien Autoren so ausgebildet werden, dass sie immer erst einmal nach einer solchen übergreifenden Idee suchen, bevor die konkrete Geschichte entsteht. Das ist ein durchaus interessanter Ansatz. Ich erwähne unsere nordischen Nachbarn so oft, weil ich finde, dass es da gewisse Parallelen zu den Deutschen gibt. Zum Beispiel diese seltsame Hybrid-Kultur aus freudloser protestantischer und dann doch auch katholischer Historie. Das sind Menschen, die sehr analytisch vorgehen und trotzdem - natürlich - eine Menge Gefühle haben, die irgendwo hinmüssen. Die Dänen haben ihre Qualitätsserien und Filme ganz akribisch entwickelt. Die haben das eigentlich sehr deutsch gemacht, wie Ingenieure - aber mit großer Lust am Geschichtenerzählen.

teleschau: Glauben Sie, dass sich Deutschland in Sachen serielles Erzählen auf einem guten Weg in die Zukunft befindet?

Sadler: Ich sehe Bewegung und glaube schon, dass eine ganze Menge passiert und passieren wird. Wenn man merkt, dass man ins Hintertreffen geraten ist, findet ein Selbstfindungsprozess statt. Man überlegt, was man falsch macht und wie man es ändern kann. Solche Selbstfindungsprozesse sind auch schmerzhaft. Aber - sie sind notwendig, und wir sind mittendrin.

Quelle: teleschau - der mediendienst