Anna Loos

Anna Loos





Idealismus oder Politik?

Wenn in der deutschen Fiction von Politik erzählt wird - was selten genug passiert - arbeiten sich Autoren bevorzugt an Angela Merkel-Figuren ab. Dann erzählen sie beispielsweise vom Zwiespalt zwischen machtbewusster Kontrolliertheit und menschlichen Bedürfnissen - die privaten Phantasien dominieren. Ganz anders ist das bei Susanne Kröhmer, stark gespielt von Anna Loos. Die fiktive Anwältin Anfang 40 will zwar noch ein Kind, aber auch Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Dabei muss die idealistische Außenseiterin einiges an Lehrgeld bezahlen. Sie lernt jedoch rasch dazu. Für die 270 Minuten der Miniserie "Die Stadt und die Macht" (ab Dienstag, 12.01., 20.15 Uhr) räumte das Erste drei Primetime-Sendeplätze am Stück frei. Das spannende Polit-Stück dankt es seinen Auftraggebern mit einem konzentrierten, gut recherchierten Blick auf die Praxis des politischen Geschäfts.

teleschau: Erzählt "Die Stadt und die Macht" von einer Idealistin, die das System Politik kaputtmacht?

Anna Loos: Wie sich Idealismus an der Realität abnutzt, ist nur ein Aspekt dieser Serie. Politik ist sicherlich eine Art schleichendes Gift. Susanne Kröhmer, die Politikerin, die ich spiele, versteht von Anfang an das Spiel. Im Laufe ihres Wahlkampfes lernt sie es noch besser: das Korrumpieren, das Benutzen von Menschen, Medien und Methoden. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass sie ihre Ideale sämtlich aufgibt. Wer in der Politik erfolgreich ist, kann kein reiner Idealist mehr sein.

teleschau: Fangen nicht die meisten Politiker einmal als Idealisten an?

Loos: Klar, eine junge Angela Merkel, ein junger Klaus Wowereit - die waren zu Beginn ihrer politischen Laufbahn sicher größere Idealisten. Die haben alle mal unten in der Basis angefangen. Als Rohdiamanten, die vom politischen System geschliffen wurden. Irgendwann haben sie als begabte Politiker erkannt, dass man viele Kompromisse eingehen muss, um Ziele zu erreichen. Ich denke, das ist ein normaler Prozess. Politik zu machen, hat viel mit Realismus zu tun. Um in diesem Job erfolgreich zu sein, muss man die Realität erkennen, darf sie aber nicht immer aussprechen.

teleschau: Also ist Angela Merkel begabter als Barack Obama. Letzterer ist ja mal als Idealist gestartet. Begleitet von euphorischen Erwartungen. Von Angela Merken hat nie jemand Idealismus erwartet ...

Loos: Angela Merkel ist sicherlich ein Spezialfall, weil sie es wie keine andere Politikerin geschafft hat, Emotionen aus der Politik herauszulassen - und damit gut gefahren ist. Obama war am Anfang ein Heißsporn. Vielleicht auch ein Idealist, der vom System extrem ausgebremst und geschliffen wurde. Aber so ist das nun mal in der Demokratie. Man kann als einzelner nicht das System übergehen, alles anders machen oder alleine entscheiden. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so.

teleschau: Das System ist immer stärker als der Idealist?

Loos: Nein, das ist mir zu negativ. Ich glaube, dass ein Idealist ein politisches System auch beleben kann. Wir könnten das in der europäischen und deutschen Politik auch super gebrauchen. Es ist schon alles sehr vorhersehbar, wie Politik und Politiker funktionieren. Ich bin selten überrascht von Dingen, die Politiker sagen. Ich denke, anderen Menschen geht es auch so. Wie dieses Spiel gespielt wird, macht das System Politik schon ein bisschen unattraktiv. Selbst wenn hinter den Kulissen gut gearbeitet wird. Ich habe mir zur Vorbereitung auf diese Rolle sehr viele Interviews und Reden von Wahlkämpfern angeschaut. Von Leuten, die sich um ein höheres politischen Amt beworben haben. Was bei denen fast immer fehlte, waren Überraschungsmomente. Es geht vor allem darum, keinen Fehler zu machen. Dieses Fazit ist frustrierend, wenn man sich klarmacht: Es geht hier um Menschen in Jobs, die unsere Zukunft entscheiden.

teleschau: Versuchen wir doch mal den Perspektivwechsel in einen Spitzenpolitiker hinein. Wenn es vor allem um Fehlervermeidung geht, ist dieser Job dann nicht schrecklich langweilig?

Loos: Nein, das glaube ich nicht. Spitzenpolitiker sind sicher alles andere als gelangweilt. Die haben einen Knochenjob und unheimlich viele Stunden auf der Uhr. Ihre Aufgaben sind durch die Bank weg komplex und anspruchsvoll. Nein, langweilig trifft es nicht.

teleschau: Wollen Politiker geliebt werden?

Loos: Sicher, jeder will geliebt werden. Politiker und auch Schauspieler gehören sicherlich zu den Berufsgruppen, die überdurchschnittlich narzisstisch veranlagt sind. Man sieht es unter anderem daran, dass Politiker am Ende ihrer Amtszeit immer noch mal ein, zwei Projekte raushauen, mit denen sie in Erinnerung bleiben möchten. Ein Gesetz, das nach ihnen benannt ist oder so etwas Ähnliches. In der Lokalpolitik kann man dieses Phänomen fast noch besser beobachten. Da gibt es immer so ein großes Ding, mit denen sich die Leute aus dem Amt verabschieden wollen. Klar, der letzte Eindruck bleibt haften. Und da will natürlich jeder gut dastehen.

teleschau: Woher kommt die Politikverdrossenheit der Menschen?

Loos: Das ist eine schwierige Frage - weil ich selbst Politikverdrossenheit emotional nicht nachvollziehen kann. Wir leben in sehr politischen Zeiten. Es gäbe eine Menge, über das man sich Gedanken machen, das man anpacken müsste. Und doch kann ich Politikverdrossenheit erklären, glaube ich: Viele Menschen denken einfach, dass sie ohnehin nichts ändern können. Dass ihre Einflussnahme so begrenzt ist, dass man erst gar nicht versuchen braucht, etwas zu bewegen. Das Gefühl der Ohnmacht erzeugt Politikverdrossenheit. Allerdings hat der Bürger das auch irgendwo selbst zu verantworten. Wir haben uns diese Demokratie ein bisschen aus der Hand nehmen lassen. Weil sich die meisten von uns doch ins Private und Bequeme zurückgezogen haben.

teleschau: Aber entsteht Politikverdrossenheit nicht auch aus einer vergleichsweise großen Informiertheit heraus? Nach dem Motto: Weil wir heute so viel über die Welt wissen, vor allem so viel Schlechtes, haben wir den Eindruck, dass wir eh nichts tun können?

Anna Loos: Ich glaube, da ist etwas dran an Ihrer Theorie. Nehmen wir die Flüchtlingskrise. Wenn sich jemand wirklich damit oder den anderen großen Krisenherden dieser Welt beschäftigt, wird man schnell ziemlich ratlos. Wenn man sieht und überblickt, was da noch kommen wird in den nächsten Jahren und an welchen kleinen Dingen die Politik in Deutschland jetzt schon scheitert , da kann einem angst und bange werden. Eine Folge dieser globalisierten Welt ist, dass man nur noch nach sich guckt, weil einen alles andere komplett überfordert. Das einzige, was dann im Sinne der Demokratie funktioniert, ist, dass man sich um etwas kümmert, was vor der Haustür passiert: Fluglärm, die Straße vor der Tür soll umgebaut oder ein Flüchtlingslager in der Nachbarschaft eingerichtet werden. Passieren derlei Dinge, sind die Menschen heute ruckzuck mobilisiert.

teleschau: Wovor haben Sie Angst in der Politik?

Loos: Zum Beispiel vor den Wahlen 2017 in Deutschland. Ich fürchte, wenn das so weitergeht, wird es einen extremen Rechtsruck geben. Ich sehe es förmlich vor mir, wie alle bei der ersten Prognose oder Hochrechnung in ihren Wohnzimmern sitzen, die Hände vors Gesicht schlagen und sagen: "Oh Gott, das kann doch nicht sein." So wird es aber kommen, wenn sich nichts ändert. Wir müssen der Realität ins Auge sehen und dürfen uns nicht länger in die Tasche lügen. Deutschland wird sich durch die weltweiten Flüchtlingsströme massiv verändern. Das ist eben so und auch gut. Aber wir werden extrem viel Geld ausgeben müssen, um diese Menschen zu integrieren. Wenn wir das gut machen, werden wir alle am Ende davon profitieren. Erst einmal wird es Geld kosten, das ist doch klar. Es gibt dazu aber keine Alternative. Nur sagen darf man das als Politiker nicht, sonst wird man nicht mehr gewählt.

teleschau: Ist das eine der bitteren Lehren aus Ihrer Beschäftigung mit dem Politbetrieb - wer die Wahrheit sagt, wird abgewählt?

Loos: Es scheint leider so zu sein. Die Leute suchen doch immer noch den Heilsbringer - oder zumindest die abgespeckte Version davon. Wer sagt, wie es wirklich ist, hatte selten Erfolg beim Wähler. Offensichtlich wollen wir belogen werden. Offensichtlich wollen wir, dass Politiker uns unrealistische Visionen malen. In dieser Hinsicht macht es Angela Merkel ja ganz gut, indem sie mit ihrer Art der Politik wenig Platz zum Träumen lässt.

teleschau: Anders als jene Politikerin, die Sie in "Die Stadt und die Macht" spielen. Wie realistisch schildert die Serie den Politikbetrieb?

Loos: Ich glaube, ziemlich realistisch. Wir hatten mit Frank Stauss einen der erfahrensten deutschen Wahlkampfberater als Berater an unserer Seite. Der hat den politischen Teil des Drehbuchs unserer Serie schon sehr intensiv begleitet. Er kam auch ganz oft ans Set, um zu schauen, ob dieses Setting, diese Szene nun auch die Realität widerspiegelt. Was natürlich verdichtet erzählt wird, ist die private Geschichte meiner Figur. Keiner könnte unter derlei Belastungen einen Wahlkampf durchstehen, glaube ich (lacht). Aber man braucht diesen privaten Strang, damit die Serie emotional packt und den Zuschauer mitnimmt.

teleschau: Und nach den sechs Teilen und ordentlichen Quoten wird "Die Stadt und die Macht" fortgesetzt?

Loos: Nein, das ist nicht geplant. Wir haben gesagt, lass uns diese Geschichte als Miniserie erzählen und das war's dann. Sicherlich würde irgendjemand einen Kniff finden, wie man weitererzählen könnte, aber das will eigentlich keiner der Beteiligten. Man muss auch mal etwas stehen lassen können. Abgeschlossene Miniserien sind für mich das Fernsehen der Zukunft. Sie bieten mit ihrer Erzählweise, die eben über 90 Minuten hinausgeht, so viel Potenzial für die Entwicklung und die Feinarbeit der Geschichten und Charaktere. Man sieht dieses Format auch international immer öfter. Was gibt es denn sonst noch? Ein bisschen Sport im Sinne des Live-Events, bei dem viele dabei sein wollen. Reality TV? Das will doch keiner mehr sehen. Ich glaube, das wird sich bald erledigt haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst