Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu





Der extreme Mensch

"Die dunkle Seite des Mondes" ist einer der düstersten Trips der jüngeren deutschsprachigen Literaturgeschichte. Martin Suters Bestseller-Roman über einen Wirtschaftsanwalt, der die Kontrolle über sein Leben verliert, wurde nun zum Kinofilm (Start: 14. Januar). Moritz Bleibtreu verkörpert einen durch und durch rationalen Erfolgs-Spießer, der nach Genuss eines seltsamen Pilzes zum gewalttätigen Freak verkommt. Der 44-jährige Hamburger spielt diese Figur mit enormer Wucht. Man kann sagen: Dieser Part ist sicher eine der am schwersten zu spielenden Rollen, die man in diesem Jahr im Kino zu sehen bekommt. Ein Interview über das Gute und Böse im Menschen - und was das alles mit Schauspielerei sowie dem Kino zu tun hat.

teleschau: "Die dunkle Seite des Mondes" ist der erfolgreichste Roman des Bestsellerautors Martin Suter. Er ist aber bereits 15 Jahre alt. Warum hat es so lange gedauert, bis der Stoff verfilmt wurde?

Moritz Bleibtreu: Wenn Bücher sehr erfolgreich sind, sind die Rechte oft sehr teuer und kompliziert. Das könnte ein Grund sein. Aber ich weiß es in diesem Fall nicht genau. Gleichzeitig ist es ähnlich wie bei Patrick Süßkinds "Das Parfüm" auch eine Frage des Stoffs. Das Thema von "Das Parfüm" war der Duft. Auch da hat es ewig gedauert, bis Tom Tykwer es verfilmte und versuchte, Gerüche durch Farben darzustellen. Bei Martin Suter geht es nun um halluzinogene Pilze (lacht) - deren Wirkung verfilmt werden soll. Das ist tatsächlich schwer zu transportieren. Es ist so, als wenn Sie jemand fragt: "Wie ist es, einen Joint zu rauchen?" Es ist irre schwer zu erklären.

teleschau: Buch und Film erzählen vor allem von der Innenwelt Ihrer Figur. Die ist doch sicher wichtiger als die Frage, wie genau Drogen wirken?

Bleibtreu: Nein, die Droge ist nur der Versuch meiner Figur, sich selbst zu begegnen. Das eigentliche Thema ist Empathie - und wie wichtig sie in unserer Sozialgemeinschaft ist. Es wird immer gesagt, dass alles so wahnsinnig kalt wäre in dieser Welt. Mir geht es oft andersherum. Bei all dem Ungleichgewicht von Wohlstand, der ganzen Armut, gäbe es noch viel mehr Grund, sich gegenseitig abzuschlachten. Ich wundere mich eigentlich, wie gut wir miteinander klarkommen. In "Die dunkle Seite des Mondes" wird nun die Frage gestellt, was passiert, wenn diese Verabredung, die wir Menschen mal getroffen haben, eine bestimmte soziale Umgangsform miteinander zu pflegen, einfach nicht mehr da ist. Man könnte auch sagen: Es geht um die dunkle Seite, die in jedem Menschen wohnt und die auch da sein muss. Weil sie am Ende des Tages natürlich auch die Kraft ist, die das eigene Leben verteidigt, wenn's drauf ankommt ...

teleschau: Erzählt wird von einem Mann, der die Kontrolle über sich selbst verliert. Er und der Zuschauer rätseln darüber, woran das eigentlich liegt. Wissen Sie es?

Bleibtreu: Es gibt Extremzustände im Leben, die dazu führen können, dass man die Kontrolle über sich selbst verliert. Das ist eine unheimlich, erschreckende Vorstellung - für uns alle. Nicht mehr Herr der eigenen Emotionen und Taten zu sein. Das ist aber auch etwas sehr Existenzielles. Etwas, das jeder in sich trägt. In Japan sagt man - wahrscheinlich ist das so ein Samurai-Gedanke - dass du dich selbst umbringen musst, um jemand anders zu töten. Ich glaube, genau das passiert. Wenn du jemandem das Leben nimmst, nimmst du dir auch einen Teil des eigenen Lebens. Oder wie es im Koran heißt: Wenn du einen Menschen tötest, tötest du die gesamte Menschheit. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen immer mehr die Empathie füreinander verlieren. Das ist sehr gefährlich für unsere Zukunft, auch für unsere Zukunft als Rasse.

teleschau: Im Film erleben wir Sie auf einem ziemlich üblen Psychotrip. War das so anstrengend zu spielen, wie es beim Zuschauen aussieht?

Bleibtreu: Es war schon insgesamt ziemlich heavy. Zum einen ist das ein Film, den wir mit sehr wenig Geld machten. Wir haben lange und viel gearbeitet. Es war sehr kalt. Dazu wurde sehr viel im Wald gedreht, was nach fünf Wochen auch nicht mehr wirklich schön ist. Der Film ist hochemotional. Es gibt kaum Szenen, die irgendwie ruhig oder gut gelaunt sind. Es war schon auch physisch ein ziemlich anstrengender Part, muss ich sagen ...

teleschau: Eines von Martin Suters Grundthemen ist die Orientierungslosigkeit des Menschen in unserer modernen Gesellschaft. Ein Thema, mit dem Sie etwas anfangen können?

Bleibtreu: Ja, sicher gibt es das. Orientierungslosigkeit ... ich nenne das jetzt mal ein Luxusproblem. Schauen Sie mal, wie klein jener Teil der Welt ist, der diese Probleme hat, mit denen wir uns hier herumschlagen. Und wie groß der restliche Teil der Welt ist, der ganz andere Probleme hat. Der sich sicher keine Gedanken darüber macht, ob er zwei Liter Wasser am Tag trinken soll und wie er das am besten schafft. Und der sicher auch nicht darüber diskutiert, ob Ampelmännchen bald ein anderes Geschlecht haben müssen, damit sich niemand diskriminiert fühlt.

teleschau: Bleiben wir trotzdem noch mal in unserer vergleichsweise sorgenfreien Welt. Es sind ja dennoch viele Menschen unglücklich - auch wenn es ihnen materiell vielleicht nicht schlecht geht. Was stabilisiert uns - und was bringt unser System zum Entgleisen?

Bleibtreu: Viele behaupten ja, dass Routine und das Eingebundensein - also beispielsweise eine feste Arbeit - uns stabilisiert. Ich denke, das ist überhaupt kein Schutz. Oder vielleicht nur bis zu einem bestimmten Grad. Klar, wenn du dich tagtäglich um deine Familie kümmern musst, machst du dir nicht ganz so schnell klar, dass du seit 15 Jahren einen Beruf machst, den du voll scheiße findest (lacht). Ich glaube, was uns auf den Gleisen hält, hat vor allem mit Leidenschaft und Liebe zu tun. Sie sind der einzig wirkliche Schutz davor, sinnlos traurig zu sein. Weil man da wirklich etwas hat, an dem man sich festhalten kann. Ich sehe es als Riesengeschenk, dass ich da mit der Schauspielerei vom Leben bekommen habe. Dass ich relativ früh mit dem, was ich liebe, erfolgreich war. Dass ich mir deswegen solch grundsätzliche Fragen nicht stellen musste. Ich denke, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft gute 70 Prozent der Menschen tagtäglich damit beschäftigt sind, Dinge zu tun, die sie voll scheiße finden. Und das kann dann natürlich auch mal eine Konsequenz haben - irgendwann.

teleschau: Sie haben gesagt, wenn man bedenkt, wie ungerecht es auf der Welt zugeht, gehen wir eigentlich ganz gut miteinander um. Andererseits stimmt das global betrachtet ja nicht. Überall herrschen Kriege, wir erleben gewaltige Flüchtlingsströme. Also: Wo bitte gehen wir gut miteinander um?

Bleibtreu: Ich rede über die Bobachtung von Menschen im Alltag. Wenn Sie durch die Straßen gehen, kommen keine zehn Barbaren auf Sie zugelaufen, die Ihnen die Hände abhacken wollen. Im Gegenteil. Die meisten Leute auf der Welt sind sehr höflich zu ihren Nachbarn. Sie nehmen Rücksicht aufeinander und so weiter. Wir Menschen haben gute Herzen. Mindestens 90 Prozent von uns sind empathische Wesen. Das Problem ist, dass es diese zehn Prozent gibt, oder vielleicht noch weniger, die das nicht sind. Die einfach ein dunkles Herz haben. Natürlich ist die Energie dieser Leute bei weitem größer als die Kraft derer, die ein gutes Herz in sich tragen. Es ist wie in einem Obstkorb. Es braucht nur eine faule Birne, dann ist bald der ganze Korb faul. Aber es sind nicht die Birnen an sich. Es ist die eine, einzige Birne gewesen. Genau so funktioniert das mit negativer Energie. Sie ist einfach stärker, weil sie skrupelloser ist.

teleschau: Kann man die Welt mit Filmen verändern?

Bleibtreu: Ich glaube überhaupt nicht daran, die Welt verändern zu können. Ich glaube nur daran, mir und meinen Lieben in meinem engsten Umfeld Gutes zu tun. Wenn alle Menschen dies mehr auf dem Plan hätten, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie wir den Planeten retten können, würde es uns allen vielleicht noch besser gehen.

teleschau: Sie sagen, Sie arbeiten nicht daran, die Welt zu verändern. Dennoch haben Sie als Schauspieler mit großem Publikum viel Ausstrahlungskraft. Denken Sie nie daran, was Sie mit dem, was sie tun, erreichen können?

Bleibtreu: Nein, das ist nicht mein Beweggrund. Mein Beweggrund ist ein egoistischer. Ich habe die Schauspielerei nicht als Beruf gewählt, weil ich sage: Ich mache das für dich oder ich mache das für irgendeine Sache. Das wäre gelogen. Ich mache es nur für mich. Was nicht heißt, dass meinen Figuren emotional nicht alles geben würde. Uneitel und mit all meiner Kraft. Als Schauspieler bin ich ohnehin nur Glied in einer Kette, die so ein Film immer darstellt. Es ist kein autonomer Beruf, den ich da ausführe. Ich bin Teil von einem großen Ganzen. Für manchen Kollegen ist die Schauspielerei sicherlich eine narzisstische Angelegenheit. Bei mir ist sie es nicht. Ich kann aber nicht sagen, dass ich es für Menschen da draußen mache, denn es wäre gelogen (lacht). Ich mach' das für mich und habe das große Glück, dass man mich lässt, ich auch noch dafür bezahlt und teilweise sogar dafür bewundert werde. Letzteres ist für mich ziemlich absurd. Weil eigentlich ist die Schauspielerei ein Egotrip.

teleschau: Wenn Sie auf Ihre bereits sehr lange Liste von Filmen zurückblicken, die Sie gedreht haben - gibt es Projekte, wo Sie sagen: Ja, da habe ich echt was damit bewegt?

Bleibtreu: Also, wenn es da etwas gibt, sind das definitiv keine sozialen oder gesellschaftlich relevanten Dinge. Höchstens Emotionen, also kleine Sachen. Wenn es gut läuft, kommt ein Mensch aus dem Kino und sagt: Ich denke jetzt über Dinge nach, über die ich so noch nicht nachgedacht habe. Dasselbe gilt aber für jede andere Erfahrung, die man im Leben machen kann, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Wir Filmmenschen sind doch nur Geschichtenerzähler. Was wir machen, ist ein riesiger Kindergarten ...

teleschau: Sie bewerten Ihre Filme also nie in Bezug auf Ihre Wirkung?

Bleibtreu: Wie will man die Wirkung von Filmen bewerten? Außer wir reden über wirtschaftlichen Erfolg, was ich okay fände. Insofern würde man keinen - in Anführungsstrichen - wichtigen Film finden, der nicht auch populär gewesen ist. Unterm Strich glaube ich jedoch nicht, dass es so etwas gibt: einen wichtigen Film. Filme sind nicht wichtig. Wichtig sind andere Dinge. Filme sind schön, Filme sind eine Bereicherung, Filme sind Luxus.

Quelle: teleschau - der mediendienst