Steve Carell

Steve Carell





"Von Geld verstehe ich nichts"

Wenn Steve Carell einen Raum betritt, dann bemerkt man es kaum. Beim Interview in einem Londoner Hotel saß er plötzlich einfach am Tisch. Ein unscheinbarer Mann, freundlich lächelnd, gelassen und in sich ruhend. Eine einzige Sorge trieb ihn um: was ihm sein Kumpel Ricky Gervais bei der Verleihung der Golden Globes antun würde. Gerade war Carell für seine Rolle in der furiosen Finanzfarce "The Big Short" (Kinostart: 14. Januar) zum achten Mal für den prestigeträchtigen Filmpreis nominiert worden. Der 53-Jährige spielt darin den New Yorker Wall Street-Trader Mark Baum, der als einer von wenigen Finanzexperten den großen Crash von 2008 vorhersah - und davon kräftig profitierte. Eine wahre Geschichte, und Carell wirbt bei aller Kritik am Finanzsystem in einem Gespräch über Geld und Moral für Verständnis: Börsianer seien auch nur Menschen.

teleschau: Können Sie mir eigentlich in einem Satz die Finanzkrise erklären?

Steve Carell: In einem Satz? Wieso nicht nur mit drei Wörtern! Ernsthaft: Das geht nicht.

teleschau: Wie viel von dem Fachjargon der Börsianer, den Sie im Film benutzten, haben Sie eigentlich verstanden?

Carell: Nichts. Ich musste alles lernen, es war wie eine Fremdsprache. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht besonders gründlich lernte. Das war aber nicht so schlimm, da Adam (McKay, der Regisseur, Anm. d. Red.) gerne improvisiert und wir Berater und Finanzgurus am Set hatten. Aber ich wollte die groben Zusammenhänge verstehen.

teleschau: Und haben Sie?

Carell: Zumindest las ich die Buchvorlage ein paar Mal. Das hat mich ehrlich gesagt entmutigt, weil die Sprache so komplex und anspruchsvoll ist. Im Film gibt es eine Szene, in der Ryan Goslings Figur das Publikum fragt, ob es verwirrt sei und sich dumm fühlt. Genau das ist der springende Punkt: Die Banken wollen, dass man als Normalbürger nicht durchblickt. Sie schufen eine eigene Sprache, damit man nichts kapiert und ihre Geschäfte nicht hinterfragen kann. Reden Sie mal mit irgendjemandem von der Wall Street: Nach weniger als fünf Minuten verstehen Sie nur noch Bahnhof.

teleschau: Fühlen Sie sich jetzt wenigstens ein bisschen sicherer? Verstehen Sie den Markt?

Carell: Ob ich den Markt verstehe? Ich bitte Sie! Natürlich nicht. Ich werde in naher Zukunft jedenfalls keinen eigenen Hedgefonds auflegen. Die Finanzwelt ist mir völlig verschlossen geblieben.

teleschau: Also haben Sie keinen Spaß daran, aus Ihrem Geld mehr Geld zu machen?

Carell: Spaß ist sowieso das falsche Wort. Außerdem verstehe ich davon nichts. Um meine finanziellen Angelegenheiten kümmern sich Leute, die klüger sind als ich. Überhaupt muss man den Markt genau studieren, um ihn zu verstehen.

teleschau: Im Film sieht das alles wie ein großes Spiel aus ...

Carell: Weil es ein großes Glücksspiel ist. Es geht im Prinzip nur darum, zu wetten, dass bestimmte Ereignisse eintreten. Die Typen an der Wall Street sind voll mit Adrenalin. Wir haben die echten Leute mal getroffen, waren auf dem Börsenparkett und sprachen mit ihnen. Ich kann Ihnen übrigens sagen: So sexy, wie manche Filme das Leben eines Börsianers darstellen, ist es nicht.

teleschau: Wie ist es denn?

Carell: Das sind Geschäftsleute, die sehr linear denken und in ihrer eigenen Welt versunken sind. Es gab diesen einen Mann, der hat, wenn er nicht arbeitete, die Märkte analysiert, Grafiken ausgewertet, Statistiken gelesen. Er wühlte sich durch - und das meine ich wörtlich - ganze Stapel von Informationen. In seiner Freizeit! Die Leute gehen in ihrem Job einfach auf, für sie sind Zahlen nicht einfach nur Zahlen. Sie können damit was anfangen, sie verbinden, sodass sich ein Bild ergibt. Okay, das mag dann für sie wieder sexy sein. Es ist ihre Welt - und auch sie hatten 2008 Panik, weil sie nicht wussten, ob sie am nächsten Tag noch einen Job hätten oder ob es überhaupt noch eine Wirtschaft gäbe.

teleschau: Sie haben also den Menschen im Finanzexperten entdeckt?

Carell: Interessant an der Story von "The Big Short" ist, dass die Typen gewettet haben, dass Millionen von Menschen ihre Wohnungen und Jobs verlieren. Diese moralische Ambiguität hat mich am Drehbuch gereizt: Einerseits erledigt Mark Baum, den ich spiele, nur seinen Job. Er wird dafür bezahlt, solche Dinge vorherzusehen und daraus Kapital zu schlagen. Anderseits weiß er aber, dass viele Menschen leiden werden, wenn er recht hat.

teleschau: Den Preis dafür bezahlen nicht die Banken.

Carell: Richtig, das erledigen Immigranten und die ärmeren Bevölkerungsschichten, weil sie ihr hart verdientes Geld und ihr Vertrauen in ein betrügerisches System steckten. Ihnen wurde dann auch ganz einfach die Schuld zugewiesen an der Krise. Dabei konnten sie gar nichts dafür, sie wurden geradezu genötigt, Immobilienkredite abzuschließen. Kredite, die sie niemals hätten bekommen dürfen, aber an denen die Banken und die Banker eben gut verdienten.

teleschau: Haben Sie mit Betroffenen gesprochen?

Carell: Nein, das habe ich nicht. Ich kenne aber Leute in meinem persönlichen Umfeld, die von der Krise betroffen waren und bei Null anfangen mussten.

teleschau: Haben Sie sich deshalb irgendwie verantwortlich gefühlt, die Geschichte zu erzählen?

Carell: Das war nicht der ausschlaggebende Grund, warum mich der Film interessierte. Das Drehbuch war zeitgemäß, die Story war wichtig. Besonders interessant fand ich aber die Figuren, weil sie sich in einer Grauzone bewegen. Sind sie die Guten? Sind sie die Bösen? Weder noch. Sie sind irgendwie zwischen den Seiten gefangen und müssen schwerwiegende Entscheidungen treffen. So wie Mark Baum, der am Ende des Films in einem moralischen Dilemma steckt und einfach nicht gewinnen kann, obwohl er mit einem Haufen Geld nach Hause geht.

teleschau: Also gibt es keine Helden?

Carell: Genau diese Frage wurde uns vor ein paar Wochen nach einer Vorführung gestellt. Die Leute waren fast schon aufgebracht. Aber genau das ist die Frage, die "The Big Short" stellt. Der Film zeigt sie nicht als Helden, aber nicht als Bösewichter. Er zeigt nur die Leute und ihr Dilemma, in dem sie stecken, nachdem sie die Wahrheit herausfinden.

teleschau: Sie wurden für Ihre Rolle in "The Big Short" erneut für die Golden Globes nominiert, zum achten Mal. Wird das zur Normalität für Sie?

Carell: Eigentlich befürchte ich nur, dass mich Ricky Gervais wieder durch den Kakao ziehen wird. So wie er es immer tut (lacht). Im Ernst: Wir sind Freunde, er ist ein großartiger Typ.

teleschau: Dabei haben Sie ihm den Job gestohlen ...

Carell: Ach was. Er könnte nicht zufriedener sein, dass die US-Version von "The Office" so gut lief. Immerhin gehört ihm die Show, und er hat ganz gut daran verdient.

teleschau: Sie haben Ihre Karriere mit Komödien angefangen. War das eine bewusste Entscheidung?

Carell: Wenn man als Schauspieler beginnt, ist man von den Rollen abhängig, die man bekommt. Bei mir waren das in Chicago damals eben komische Rollen. Das war eher Zufall als Plan. Ich würde mich auch niemals als Komiker bezeichnen.

teleschau: Mittlerweile sind Sie immer häufiger in dramatischen Rollen zu sehen: Warum haben Sie diese Wende vollzogen?

Carell: Eine Wende war das nicht, so funktioniert das Business nicht. Ich kann nicht einfach sagen: "Ich mache jetzt nur noch Dramas." Und dann werde ich nur für dramatische Rollen engagiert. Wenn Du in einer Schublade steckst, kannst Du die Leute schwer überzeugen, dass Du auch was anderes drauf hast. Man braucht Glück und jemanden, der Dir das zutraut. Bei mir war das bei "Foxcatcher" der Fall, aber auch bei "Little Miss Sunshine". Aber ich werde trotzdem weiterhin Komödien machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst