Frank Sinatra

Frank Sinatra





Der Jahrhundert-Mann

Er stand auf der Bühne mit Bing Crosby, Elvis Presley und Michael Jackson. Allein das zeigt, dass Frank Sinatra als Entertainer ein Jahrhundert umspannte. Der Sohn italienischer Einwanderer schlief mit den schönsten Frauen der Welt, hing mit US-Präsidenten ab und erfand während seiner schwersten Lebenskrise den Mythos Las Vegas. Sinatra galt als Alkoholiker und Mann, der selten glücklich war. Nur wenn er Frauen nachjagte, eine seiner größten Leidenschaften, wich die Melancholie für kurze Zeit aus seinem Leben. Ein zweites Glück war, wenn ihm ein Song gut gelang - was ziemlich oft passierte. 1.200 Lieder nahm Frank Sinatra auf. 1.196 davon seien sehr gut geworden, soll er selbstbewusst behauptet haben. Am 12. Dezember wäre Frank Sinatra, der sechs Jahrzehnte der amerikanischen Unterhaltungsindustrie prägte, 100 Jahre alt geworden.

Viele von denen, die heute mittelalt sind, vielleicht in ihren Vierzigern, können sich nur noch an den "New York, New York"-Sinatra erinnern. Ein älterer Herr mit Toupet und gerötetem Gesicht, die Stimme leicht brüchig, der beinahe bis zu seinem Tod im Mai 1998 durch Stadien und große Hallen tourte. Eigentlich hatte sich der einst beste Sänger der Welt da schon über 20 Jahre vom Showbetrieb zurückziehen wollen. Am 13. Juni 1971 gab der damals 55-Jährige im "The Ahmanson Theatre" in Los Angeles sein "Retirement"-Konzert. Zuvor waren einige Alben des Sängers gefloppt. Die Welt der Hippies und ihrer Musik, deren Texte man "aufgrund der schlechten Aussprache einfach nicht verstehen konnte" (O-Ton Sinatra) verstand er nicht, weshalb der zu Depressionen und Alkohol neigende Sänger beschloss, seiner Karriere ein Ende zu setzen - natürlich nicht ohne die ganz große Geste.

Angesagt von einer brüchig-bewegten Stimme der Schauspielerin Rosalind Russell sollte der letzte Auftritt Sinatras elf Songs umfassen, anhand derer er sein Leben erzählte. Lieder wie "I've Got You Under My Skin", "The Lady Is A Tramp" und natürlich "My Way". Jedoch nicht als Nummernrevue, sondern mit klaren Bezügen zur bewegten Biografie des Sängers. Ein hollywoodreifer Auftritt war das, ebenso wie die ernsten Schauspielrollen des Voll-Autodidakten. Oscarprämiert wurde Sinatra als Soldat in "Verdammt in alle Ewigkeit" (1953), auch als Drogenwrack in "Der Mann mit dem Goldenen Arm" (1955) beeindruckte er. Typisch für den Wankelmut Sinatras war jedoch, dass er zwei Jahre nach dem groß inszenierten Bühnenabschied auf selbige zurückkehrte. Am 13. Oktober 1974 sang Sinatra vor 20.000 Menschen im New Yorker Madison Square Garden. Im Rahmen eines großen Boxkampfes. Der Stadien-Sinatra war erfunden und damit die gut 20-jährige Abschiedstournee des amerikanischen Sängers.

Begonnen hatte dessen Berufskarriere nicht besonders verheißungsvoll. Sinatras Eltern kamen als bettelarme italienische Immigranten um die Jahrhundertwende in die USA. In Hoboken, vor den Toren New Yorks, lebte man damals in jüdischen, irischen, schwarzen oder eben italienischen Gettos. Wobei die Italiener im damaligen US-Gesellschafts-Ranking nur knapp vor den "Negern" rangierten. Beide gehörten im Weltbild der Amerikaner nordeuropäischer Herkunft zu jener Sorte Mensch, die viel sang, tanzte und immer fröhlich war - aber ansonsten nichts Besonderes auf die Beine stellt. Die Erfahrung von Rassismus und Ausgrenzung prägte Sinatra früh und machten ihn ein Leben lang zum engagierten Kämpfer gegen diese Ungerechtigkeit. Sinatra war das Einzelkind einer herrischen Mutter, die in Hoboken vor den Toren New Yorks als Hebamme arbeitete und ihrem Sohn ziemlich ambivalent begegnete. Er hätte nie gewusst, ob sie ihn liebkosen oder schlagen wollte, wenn sie zu ihm kam, erzählte Sinatra später mit Bitterkeit aus seiner Kindheit.

Franks Vater war Berufsboxer und später Kneipenwirt. Bereits als Sportler, aber auch als Unternehmer gab er sich einen irischen "Künstlernamen" - was viel erzählt über das Image der Italoamerikaner jener Jahre. Der Aufstieg des Sohnes zum größten Sänger der Welt begann mit einem geschenkten Radio. Als Einzelkind besaß der Junge ein eigenes Zimmer. Hier konnte er ausgiebig den Sängern seiner Zeit lauschen, darunter Bing Crosby, dem größten Crooner jener Jahre und Sinatras Vorbild. Bald sang Frank in der Kneipe der Eltern. Seine Mutter kaufte ihm mitten in der Depressionszeit ein Auto und eine Verstärkeranlage, was den jugendlichen Sänger tatsächlich irgendwie auf den Weg brachte. Mit der Gesangsgruppe The Hoboken Four hielt er es nicht lange aus. 1939 holte der damals populäre Bandleader Harry James Frank Sinatra in sein Orchester. Bereits 1940 wechselte der junge Mann mit der betörenden Stimme jedoch zum Starorchester des Tommy Dorsey. Einzelne Sänger als Stars gab es damals noch nicht. Nur in einem Orchester konnte man als Vokalist glänzen.

Eben das änderte sich aber in jenen Jahren: Frank Sinatra wurde schnell zum größten Teenie-Idol und Sänger jener Jahre. Bald folgten Hollywoodrollen in leichten Unterhaltungsfilmen. Der fleißige und ehrgeizige Sinatra lernte tanzen, um neben Stars wie Gene Kelly zu bestehen - was ihm erstaunlich gut gelang. Verheiratet war er seit 1939 mit seiner Jugendliebe Nancy Barbato. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: die spätere Sängerin Nancy (geboren 1940), Orchesterleiter Frank jr. (1944) und die Filmproduzentin Tina (1948). Dennoch galt Sinatra nie als Familienmensch. Er hielt es selten zu Hause aus, und wenn er es doch versuchte, war er ruhelos und unausgeglichen. Ehefrau Nancy war seine "Italian wife", wie es ein Biograf einmal schrieb - also jene Frau, die die Familie zusammenhielt und schwieg, wenn Frank seine fast schon manisch betriebenen Affären hatte. Die bekannteste jener Affären war die mit der aufstrebenden Filmschönheit Ava Gardner. Sie sorgte mit für das Ende der ersten großen Karriere des Frank Sinatra.

Weil sich Sinatra für Ava Gardner, seiner wohl lebenslangen, großen unglücklichen Liebe, von seiner Frau scheiden ließ, verachtete ihn das damals konservative Nachkriegsamerika. Auch die wohl substanzlosen Gerüchte einer Mitgliedschaft in der Mafia bescherten dem Entertainer wenig Sympathien. Anfang der 50-er verlor Sinatra seinen Platten- und Filmdeal. Er trank - mit Gardner - man stritt sich, kämpfte miteinander und hatte Versöhnungssex. Während die Schauspielerin jedoch immer weiter im Filmbusiness aufstieg, galt der Sänger spätestens mit dem Siegeszug des Rock'n'Roll als Mann von gestern. Irgendwann ließ Gardner Sinatra gänzlich fallen. Ein Schock, der den schließlich vierfachen Ehemann den Rest seines Lebens prägte.

Es kamen die künstlerisch bemerkenswerten Jahre beim Label Capitol, die den ehemaligen Popstar Sinatra als großen Jazzsänger und Erzähler etablierten. Sein bis heute herausragendes Comeback-Album "In The Wee Small Hours" (1955) bezeichnete Sinatra selbst als "sein Ava-Album". Zudem gilt das für jene Zeit geradezu unfassbar melancholische Werk als erstes Konzeptalbum der Geschichte. Nach der Trennung von Ava Gardner und den bis heute gefeierten Jazzalben folgte die Zeit mit dem Rat Pack in Las Vegas. Während an anderen Orten Rock'n'Roll und Beat regierten, war die Glitzerstadt in der Wüste Nevadas Rückzugsort für gereifte, aber coole Männer mit Whiskyglas, Zigarette und Anzug. Bis heute lebt die Unterhaltungsindustrie dort vom Mythos Frank Sinatras und seiner Spießgesellen Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Co. Während der 60-er galt Sinatra als größter Entertainer der Welt. Erst gegen Ende des Jahrzehntes ereilte ihn seine zweite schwere Erfolgskrise, die zum "Retirement Concert" 1971 und 1974 zum zweiten Comeback führte.

Warum aber ist Frank Sinatra bis heute bedeutend? Weil uns seine Songs zutiefst menschlich bewegen, könnte man es kurz auf den Punkt bringen. Weil Sinatra sein Leben lang ein Mann des Zweifels geblieben ist, schrieb mal einer seiner Biografen. Weil er sich nicht schämte, die Welt an diesen Zweifeln teilhaben zu lassen. Frank Sinatra konfrontierte als erster großer Entertainer die Welt mit totaler Traurigkeit. Er sang von unglücklicher Liebe und tiefer Melancholie. Vor ihm war man im Showbusiness höchstens mal schlecht drauf, weil einem der Partner abhanden gekommen war. Sinatra, der reifere Herr mit Hut, machte aus seinem Weltschmerz berückend ehrliche, tiefgründig empfundene Vokalkunst. Sie wird ihre Hörer so lange bewegen, wie Menschen Ohren und Tränen haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst