Frank Plasberg

Frank Plasberg





Das Fernsehen als Lagerfeuer

Die Flüchtlingskrise, der Germanwings-Absturz, die Anschläge von Paris, der nicht enden wollende Syrien-Krieg: 2015 war ein Jahr der Katastrophen. Dennoch blickt Frank Plasberg, wie jedes Jahr seit 2008, auch 2015 mit der vergnüglichen Familienshow "Das Quiz" (Dienstag, 29. Dezember, 20.15 Uhr) zurück auf die vergangenen zwölf Monate. Kann man das, darf man das? Ja, bekräftigt der 58-jährige Moderator und Journalist im Interview, man darf sich auch in diesen Zeiten den Spaß nicht verderben lassen. Dass er eigentlich aber ein Mann der ernsteren Themen ist, beweist Plasberg nun schon seit 15 Jahren: So lange ist er mit seinem Polit-Talk "Hart aber fair" bereits auf Sendung, anfangs noch im WDR-Fernsehen, seit 2007 im Ersten. Zeit, auf anderthalb bewegte Jahrzehnte zurückzublicken und sich darauf zu besinnen, was das Fernsehen in Krisenzeiten bieten kann: einen Platz am Lagerfeuer.

teleschau: Herr Plasberg, wie kann man auf ein Jahr wie dieses mit einem vergnüglichen Quiz zurückblicken?

Frank Plasberg: Indem man sich daran erinnert, was auch die Menschen in Paris gesagt haben: Ihr habt den Tod, wir die Freude am Leben. Wir machen das Quiz wie jedes Jahr als vergnüglichen, augenzwinkernden Jahresrückblick. Nur weil mit Günther Jauch und mir zwei Journalisten die Show machen, heißt das nicht, dass wir einen journalistischen Jahresrückblick machen. Es geht natürlich um Dinge, die objektiv betrachtet nicht so wichtig sind, die die Menschen aber zum Schmunzeln gebracht haben. Politische Jahresrückblicke gibt es auch, aber das sind andere Veranstaltungen. Der Zuschauer weiß da genau zu unterscheiden.

teleschau: Man soll sich also den Spaß nicht durch den Terror verderben lassen?

Plasberg: So ist es. Ich mache "Das Quiz" schon seit 2008 und kann mich nicht an ein Jahr erinnern, in dem sich diese Frage nicht gestellt hätte.

teleschau: Was hat Sie persönlich im zu Ende gehenden Jahr am meisten bewegt?

Plasberg: Das Jahr 2015 liegt auf der nach oben offenen Skala der Schrecklichkeiten natürlich ganz weit oben. Ich hoffe nur, dass man im kommenden Jahr nicht sagen muss, 2015 sei ja gar nicht so schlimm gewesen. Mich persönlich hat die Frage bewegt, wie dieses Land mit Flüchtlingen umgeht und was Flüchtlinge mit diesem Land machen. So eine Entwicklung, wie wir sie heute sehen, habe ich in meinem Berufsleben bislang nicht erlebt.

teleschau: Wie haben Sie das Jahr 2015 ganz persönlich erlebt?

Plasberg: Als sehr anstrengend, aber auch als sehr schön. Ich habe das Glück, dass meine beiden Eltern noch leben, und dass es meinen Kindern gut geht. Ein Höhepunkt für mich war es, mit meiner Frau, mit meinem jüngsten Sohn und mit meiner 86-jährigen Mutter in den Süden zu fahren. Meine Mutter ist auf den Rollstuhl angewiesen, da war es natürlich ein Risiko, in ein Flugzeug zu steigen. Aber es war schön, diesen Urlaub mit ihr gemacht zu haben, und nicht immer nur darüber zu reden, was man gerne einmal machen würde.

teleschau: Weiß man angesichts der vielen schrecklichen Ereignisse in diesem Jahr solche Momente mehr zu schätzen?

Plasberg: Ja, das ist so. Manchmal braucht man den Kontrast, um sich klarzumachen, wie gut es einem eigentlich geht, und auf welchen Rücken wir unser Leben zum Teil austragen. Das machen uns die vielen Flüchtlinge, die zu uns kommen, noch einmal deutlich.

teleschau: Was macht Ihnen eigentlich mehr Spaß - Politsendungen wie "Hart aber fair" oder Unterhaltungsshows?

Plasberg: Unterhaltungsshows wie "Das Quiz" sind eine Kür, die für mich am Ende des Jahres steht. Die Show dauert über drei Stunden, die Proben sind intensiv, und am nächsten Tag spüre ich die Anstrengungen. Aber am Abend selbst ist das wie ein Flug, wie ein Rausch. Ein wunderbarer Abschluss. Man weiß, dass das Jahr gelaufen ist und man einen Haken darunter setzen kann.

teleschau: "Hart aber fair" wurde erstmals im Januar 2001 im WDR ausgestrahlt, Sie starten jetzt also ins 16. Jahr. Gibt es eine Sendung aus den vergangenen anderthalb Jahrzehnten, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Plasberg: Wir haben erst vor kurzem eine Sendung gemacht, in der nur Menschen zu Gast waren, die zuvor niemand kannte, nämlich Helfer in der Flüchtlingskrise. Das war ein Risiko, denn das Publikum reagiert fast immer mit Abneigung auf ein komplett fremdes Panel in einer politischen Talkshow. Aber es hat funktioniert. Dass die Zuschauer das mitgemacht haben, hat mich sehr berührt. Eine weitere Sendung, die mir in Erinnerung geblieben ist, war zum Thema Scientology, im Anschluss an einen Fernsehfilm über die Sekte. Nach einem Fiction-Stück eine Talkshow zu machen, die journalistischen Standards genügt, ist nicht leicht. Aber ich glaube, das ist uns gelungen. Und wir hatten acht Millionen Zuschauer, das war irre.

teleschau: Gab es auch Sendungen, die rückblickend total in die Hose gegangen sind?

Plasberg: Solche Sendungen gibt es jedes Jahr. Da muss man dann sein Krönchen richten und weitermachen. Ich erinnere mich an eine Sendung, das war damals noch im WDR-Fernsehen, da hatten wir einen zuständigen Minister zu einem Verkehrsthema im Studio. Nach einer Viertelstunde war mir klar, dass die Sendung extrem langweilig ist und es wohl auch bleiben würde. Da bin ich in Schweiß ausgebrochen, das hatte ich so noch nicht erlebt. Ich bin stolz darauf, damals nicht mit einem Gähn-Kollaps in der eigenen Sendung zusammengebrochen zu sein. Es war furchtbar!

teleschau: Wie hat sich in den vergangenen 15 Jahren die politische Talkshow-Kultur gewandelt?

Plasberg: Eines ist konstant geblieben: Kritiker finden die Talkshows bestenfalls überflüssig, und das Publikum findet sie gut. Das ist einfach ein unlösbarer Widerspruch. Ich glaube aber, dass sich politische Talkshows heute weniger wichtig nehmen, und auch das Publikum weiß, dass es sich dabei nicht um ein Ersatzparlament handelt. Eine politische Talkshow ist aber noch immer eine Veranstaltung, in der Unvorhergesehenes passiert, wo Menschen gezwungen werden, mit ihren Vorurteilsschubladen aufzuräumen. Ich kenne das von mir selbst, dass ich einen Gast, den ich noch nie in der Sendung hatte, schon vorher zu kennen glaube - und dann kommt der Überraschungsmoment. Wenn das auch beim Zuschauer passiert, bin ich glücklich.

teleschau: Die Medienwelt ist heute schneller als noch vor 15 Jahren. Kann man angesichts von ständig auf uns einprasselnden Eilmeldungen noch ausgewogen über ein Thema diskutieren?

Plasberg: Wir hatten dieses Jahr tragischerweise zweimal die Situation, dass wir mit "hart aber fair" schnell auf ein tragisches Thema reagieren mussten: einmal am Abend nach den Angriffen auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion und dann am Tag nach den Anschlägen in Paris vom 13. November. Ich habe bei solchen Sendungen nicht den Anspruch, Großanalysen durchzuführen. Wir versuchen stattdessen, mit klugen Menschen eine Art Lagerfeuer zu bilden, bei dem Gedanken geteilt und ausgetauscht werden. So wird das Fernsehen in solch schrecklichen Tagen noch einmal auf die Rolle zurückgeworfen, als Ort der Kommunikation zu dienen, so wie es früher das Lagerfeuer war.

teleschau: Gibt es Themen aus den vergangenen Jahren, bei denen Sie sich heute wundern, wie das eigentlich ein Diskussionsthema gewesen sein konnte?

Plasberg: Ich glaube, dass wir uns noch über manche vergangene Sendung zum Thema Integration wundern werden: welche Peanuts-Probleme wir da hatten, im Vergleich zu dem, was noch als Aufgabe auf uns zukommt!

teleschau: Wie gehen Sie als Moderator mit einem Gast wie der AfD-Chefin Frauke Petry um?

Plasberg: Bei aller kritischer Auseinandersetzung, wir müssen jeden Tribunalcharakter vermeiden. Die AfD lebt davon, sich als Opfer zu stilisieren; das dürfen wir nicht befördern. Andererseits können wir die Vorsitzende einer Partei, die auf die Zweistelligkeit zugeht, nicht ignorieren. Die AfD ist zwar noch keine ganz normale Partei, sondern mehr ein Phänomen, aber auch das muss man spiegeln. Das ist ein schwieriger Balance-Akt, der von vielen nicht verstanden wird. Den zu meistern, ist die Königsdisziplin.

teleschau: Frauke Petry ist eine Frau, an der viele Argumente abprallen. Ist man da als Moderator manchmal am Verzweifeln?

Plasberg: Verzweiflung im Studio darf nicht passieren. Ein Talkshowgast sitzt bei mir mit seiner ganzen Persönlichkeit und mit seiner eigenen Art, auf Diskussionsbeiträge zu reagieren. Es ist ein Irrglaube, dass man in einer Livesituation jemanden zum Offenbarungseid treiben könnte. Sie können jemand in eine Position bringen, in der sich der Zuschauer ein Bild über Inhalt und Charakter dieser Person machen und zu einem Schluss kommen kann. Aber es ist gefährlich, wenn eine Partei sich - Stichwort "Lügenpresse" - zum Opfer stilisiert; das darf man nicht zulassen.

teleschau: Wie konnte es passieren, dass heute so viele Menschen von der "Lügenpresse" sprechen?

Plasberg: Das weiß ich nicht; das wird man erst mit einigem Abstand beurteilen können. Ich finde diese Entwicklung aber bestürzend. Viele Kollegen in allen Medien haben dokumentiert, wie offen tatsächlich berichtet wird. Trotzdem ist der Begriff der "Lügenpresse" wieder in der Welt.

teleschau: Warum stehen ganz besonders die Öffentlich-rechtlichen in der "Lügenpresse"-Kritik?

Plasberg: Ich glaube nicht, dass sie das tun. Der Vorwurf betrifft alle.

teleschau: Wie gehen Sie persönlich mit dieser Kritik um?

Plasberg: Es fällt mir schwer, gelassen zu bleiben, wenn mich jemand mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Ich werde manchmal von Leuten gefragt, wer mir die Fragen diktiert, die ich in meiner Sendung stelle, und wer die Themen festlegt. Das Kanzleramt, der Regierungssprecher, der Intendant? Nein, das machen wir selbst. Wenn wir dabei Mist bauen, kriegen wir einen auf den Deckel, wenn's gut läuft, werden wir gelobt. Der Zuschauer ist da ein großes Korrektiv. Wenn mir die Zuschauer Parteilichkeit vorwerfen, die sich in jeder Sendung aber auf ein komplett anderes politisches Spektrum bezieht, weiß ich, dass alles im grünen Bereich ist. Es ist eine sehr menschliche Eigenschaft, sich immer nur Bestätigung holen zu wollen für das, was man sowieso denkt. Unsere große Aufgabe ist es, nicht nur diese Bestätigungskultur zu liefern, sondern auch für Irritationen zu sorgen.

Quelle: teleschau - der mediendienst