David O. Russell

David O. Russell





Der Traum geht weiter

Wer Filme wie "Silver Linings" (2012), "American Hustle" (2013) und nun "Joy - Alles außer gewöhnlich" (Start: 31. Dezember) dreht, könnte selbst ein schräger Vogel sein. Das entspricht dem Eindruck, den Bill Krohn, Hollywood-Korrespondent der renommierten französischen Filmzeitschrift "Cahiers Du Cinéma", schon früh von David O. Russell gewann. Auf der Toilette seines Chiropraktikers hörte er mit an, wie jemand in der Nachbarkabine manisch ins Mobiltelefon bellt, behauptet, ein mächtiger Produzent hätte gerade sein nächstes großes Filmprojekt über ein populäres Restaurant der 1970er-Jahre schon so gut wie abgesegnet, und anfügt: "Und ich sag' Dir, Julia wird in dem Film mitmachen".

Dieser Irre sei der Autor, Regisseur und Produzent David O. Russell, bekommt Krohn während der Behandlung von seinem Chiropraktiker zu hören. Dieser lasse sich jeden Tag von ihm einrenken und arbeite dann mit seinem Assistenten im Wartezimmer, das sie als Büro nutzen. Tatsächlich sieht Krohn nachher, wie die beiden inmitten des Praxisbetriebs Laptops und Handys traktieren und mit Schauspielern über Rollen verhandeln. Ob sie denn jeden Tag hierherkämen, fragt einer von ihnen. "Ummm", macht Russell zustimmend, "wir würden hier auch gerne eine Espresso-Bar einrichten."

Das war 2004. David Owen Russell hatte mit "Spanking The Monkey" (1994), "Flirting With Disaster - Ein Unheil kommt selten allein" (1996), "Three Kings - Es ist schön, König zu sein" (1999) und "I Heart Huckabees" (2004) vier possenhafte Komödien abgedreht. Gleichzeitig arbeitete und lebte er offenbar selbst in einer. Die Episode beim Chiropraktiker verdeutlicht symbolhaft, wie sich ein vielseitiges Filmtalent eine exzentrische Nische für den eigenen Traum vom Filmemachen geschaffen hat. Was nicht heißt, dass alle großen Wünsche in Erfüllung gingen.

Der heute 57-jährige David O. Russell - mittelgroß, kräftig gebaut, dünnes dunkles Haar auf einem eiförmigen Kopf mit kleinen Augen und ein Gesicht, das trotz einer anders geformten Brille kindliche Unschuld vermittelt - hat bisher weder ein legendäres Restaurant verewigt noch wirkte in seinen Filmen eine prominente Schauspielerin mit dem Vornamen Julia mit. Und der Farce mit ihren Verkleidungen und Verwechslungen, den unwahrscheinlichen oder delikaten Situationen, dem Wortwitz und der bewussten Absurdität ist Russell über weite Strecken zwar treu geblieben, ebenso dem Thema der Emanzipation von familiären und anderen Banden. Trotzdem dürften sich die Fans der ersten Stunde bei seinen letzten Filmen verwundert die Augen gerieben haben.

Wie seine Helden ist der junge David O. Russell ein Suchender. Nach dem College-Abschluss 1981 in Englisch und politischer Wissenschaft ist der New Yorker für die Gewerkschaft tätig und dreht einen Dokumentarfilm über panamaische Einwanderer. In Nicaragua gibt er unter der Herrschaft der marxistischen Sandinisten Literaturunterricht. Doch mit 28 macht er einen Schnitt, schlägt sich mit Catering durch und schreibt das, was er später als "schlechte Drehbücher" bezeichnet.

Seit er als Teenager "Shampoo", "Chinatown" und "Taxi Driver" wieder und wieder gesehen hat, ist für ihn klar, dass seine Streifen wie diese Klassiker des New Hollywood aussehen sollen: "Sie hatten Stars und waren kommerziell. Zugleich waren sie aber auch originell und subversiv." Absurdität und familiäre Dysfunktionalität werden schon in einem frühen Kurzfilm zu Leitmotiven. "Gewisse Angewohnheiten zu exorzieren", nennt Russell als Hauptantrieb für seine Arbeit.

Kommerziell, subversiv, originell: Wenn so der Traum vom Filmemachen des Sohnes eines Vertriebsleiters und einer Sekretärin - beide beim Buchverlag Simon & Schuster - aussieht, hat er ihn bereits in seinen ersten Werken realisiert. Der düstere Independent-Hit "Spanking The Monkey" schockt mit Masturbation und Inzest. Der adoptierte Mel alias Ben Stiller begibt sich in "Flirting With Disaster" auf eine ebenso neurotische wie durchgeknallte Suche nach seinen wahren Eltern. Sein erster großer Kassenschlager kommt mit "Three Kings".

Unter Führung von George Clooney wollen im ersten Golfkrieg amerikanische Soldaten Saddams Gold rauben, aber die Leiden der Zivilbevölkerung unter den Schergen des Diktators bringen sie in Gewissensnöte. Die surrealen Bilder sind wie vom Gift der Gewalt kontaminiert. Doch die Form des Action- und Katastrophenfilms verdeckt ein bisschen die beißende Kritik an amerikanischer Politik. "I Heart Huckabees" mit seinen "existenziellen Detektiven" Dustin Hoffman und Lily Tomlin ist wie der Versuch einer philosophischen Korrektur, stößt aber bei der Kritik auf Unverständnis und spielt sein Geld nur dank David-O.-Russell-Fans ein, die es inzwischen gibt.

Wenn Russell sechs Jahre später wieder als Regisseur eines Spielfilms firmiert, scheint er Teile seines Filmemacher-Traumes gegen den amerikanischen von Reichtum und Glück einzutauschen. "The Fighter" (2010), der Christian Bale und Melissa Leo Nebenrollen-"Oscars" bringt, stützt mit dem Comeback-Boxer amerikanische Heldenmythologie. "Silver Linings", der Jennifer Lawrence den Hauptrollen-"Oscar" beschert, unterschlägt geradezu den Anteil der Familie an Bradley Coopers bipolarer Störung und trägt mit dem gewonnenen Tanzwettbewerb eines psychisch gebeutelten Paares zu dick auf. Und ist an der Gaunerkomödie "American Hustle" subversiv, dass Amy Adams und Jennifer Lawrence unter ihren 1970er-Jahre Kleidern keine BHs tragen? Oder originell, dass die Pointe von "Der Clou" geklaut ist?

"Joy - Alles außer gewöhnlich" feiert nun sogar die Institution des Teleshoppings. Nur wer Jennifer Lawrence´ rebellischen Gang durch die Straßen einer texanischen Kleinstadt sieht, schöpft Hoffnung - oscarformatige Machart hin oder her -, dass der Traum des David O. Russell schon irgendwie weitergeht.

Quelle: teleschau - der mediendienst