Katrin Müller-Hohenstein

Katrin Müller-Hohenstein





"Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen"

Die in Erlangen geborene Katrin Müller-Hohenstein ist das weibliche Aushängeschild der ZDF-Sportberichterstattung. Am Sonntag, 20. Dezember, moderiert die 50-Jährige die "Sportler des Jahres"-Gala in Baden-Baden für den Sender, der zeitversetzt, ab 22.00 Uhr, eine Aufzeichnung sendet, und im nächsten Jahr feiert sie ihr "Zehnjähriges" als Moderatorin der samstagabendlichen Traditionssendung "Das aktuelle Sportstudio". Seit dem 28. Januar 2006 ist sie dort als Nachfolgerin von Rudi Cerne im wöchentlichen Wechsel mit Sven Voss und Jochen Breyer im Einsatz. Im Interview gewährt "KMH", wie sie ihre Fans kurz nennen, Einblicke in ihr Gefühlsleben nach den Attentaten von Paris, betrachtet kritisch die sportlichen Großereignisse und verrät, wem sie den WM-Titel im letzten Jahr besonders gegönnt hat.

teleschau: Frau Müller-Hohenstein, die "Sportler des Jahres"-Gala, die Sie moderieren werden, steht am 20. Dezember an. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Katrin Müller-Hohenstein: Das läuft das ganze Jahr über. Man geht mit offenen Augen durch die Welt und schnappt hier und da Eindrücke auf. Ich habe meine persönlichen Favoriten, stimme aber nicht mit ab. Oft ist das deckungsgleich, manchmal auch nicht. In den Jahren, die dazwischen liegen, ist die Wahl immer besonders spannend, da die Fußballer als Preisträger oft ausfallen, sodass die vermeintlich kleinen Sportarten zum Zuge kommen.

teleschau: Liegen Ihnen einige Sportarten besonders am Herzen?

Katrin Müller-Hohenstein: Es gibt sicher Sportarten, die ich lieber sehe als andere. Aber mir liegen ohnehin eher die Sportler am Herzen. Eine Christina Schwanitz, die Kugelstoßerin, die einen mit ihrer Lebensfreude und ihrer positiven Art umhaut. Menschen wie sie packen mich in kürzester Zeit. Es gibt viele dieser Beispiele, wo mich der Sportler beeindruckt.

teleschau: 2015 ist für Fußballfans mal wieder eines dieser Übergangsjahre zwischen WM und EM. Der Ausblick auf die kommenden EM in Frankreich fällt nach den Anschlägen in Paris, von denen auch das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland betroffen war, schwierig aus. Sie müssen sich beruflich damit auseinandersetzen. Wie gehen Sie damit um?

Katrin Müller-Hohenstein: Das ist eine gute Frage. Die Situation, wie sie sich darstellt, ist noch sehr neu. Ich glaube, der Mensch neigt dazu, anfangs alles komplett infrage zu stellen, wenn aber etwas Zeit ins Land gezogen ist, denkt er vielleicht anders drüber. Ich traue mir heute noch keine Wertung zu. Im Geiste sehe ich mich in Frankreich und freue mich drauf - den Rest schiebe ich noch beiseite. Eine Bewertung will ich erst später abgeben. Es sind noch sieben Monate, in denen wahnsinnig viel passieren kann - oder auch gar nichts.

teleschau: Lassen Sie uns stattdessen zurückblicken. Wie erinnern Sie die Weltmeisterschaft in Brasilien?

Katrin Müller-Hohenstein: Das war das Größte, was mir in meinem beruflichen Leben widerfahren ist. Als dieses Finale vorbei war, wusste ich, dass ich etwas finden musste, um das zu konservieren. Etwas, das ich nie wieder vergesse. Ich saß mit einem Bier auf den Stufen des Produktionsmobils und habe mich ganz bewusst umgeschaut: Es war warm und dunkel, der Mond über mir, links das Maracanã und geradezu leuchtete auf dem Berg die Jesus-Statue. Dieses Gefühl kann ich heute eins zu eins wieder abrufen. Ich bin froh, dass ich das damals gemacht habe.

teleschau: Ein Moment der Besinnung ...

Katrin Müller-Hohenstein: Das wollte ich für mich. Das war der Moment. Gar nicht so sehr das Spiel, das habe ich nur halb wahrgenommen. Ich bin ganz schlecht, was das Aushalten von Spannung angeht. Das kann ich leider gar nicht.

teleschau: Da war das Spiel eine echte Prüfung, oder?

Katrin Müller-Hohenstein: Wenn ich arbeite, ist das abstrakt, aber das Finale hat die ARD übertragen. Ich war im Wissen da, danach keine Interviews führen zu müssen.

teleschau: Es bilden sich Bindungen über die Jahre, in denen man diesen Zirkus begleitet. Gab es einen Menschen, für den Sie sich besonders gefreut haben?

Katrin Müller-Hohenstein: Ja. Bastian! Keine Frage. Es gibt ein Foto von Bastian Schweinsteiger nach dem Finale, das sagt alles. Er steht da mit geschlossenen Augen, blutet aus der Wunde unter seinem Auge und reckt die Fäuste gen Himmel. Dem habe ich das so gegönnt. Den anderen auch, aber ihm ganz speziell. Es gab Phasen in seiner Karriere, da hatte er viel Pech und sie waren teilweise ungerecht zu ihm, "das Chefchen" und so weiter. Ich schätze den Mann sehr, weil er unheimlich reflektiert ist. Und ich mag ihn einfach. Bastian hat eine bemerkenswerte Entwicklung in den letzten zehn Jahren genommen. Schauen Sie sich Fotos von vor zehn Jahren an und dann von heute. Joachim Löw natürlich auch, der hat vorher auch viel abbekommen ... Mich hat gefreut, dass er sich dem nie wieder stellen muss.

teleschau: Sie haben sich mit Brasilien schon im Vorfeld der WM auseinandergesetzt. Was glauben Sie, bleibt für das Land?

Katrin Müller-Hohenstein: Ich glaube, das können wir erst nach Olympia sagen.

teleschau: Muss man die beiden Ereignisse zusammen betrachten?

Katrin Müller-Hohenstein: Ja. Aber die beiden Großereignisse könnten unterschiedlicher nicht sein. Bei der WM waren wir in den einzelnen Städten, Olympia konzentriert sich auf Rio. Man muss darüber reden, wieviel Sinn es macht, nach Manaus ein Fußballstadion zu stellen, in dem dreimal gespielt wird und das war es dann. Diese Diskussion muss man mit vielen Ländern führen. Das war in Russland mit Olympia nicht anders, genau wie bei der WM 2010 in Südafrika. Ich war seitdem nicht mehr da, ich sehe mir das nächsten Sommer wieder an. Ich würde mit meinem Urteil warten, bis Olympia vorbei ist.

teleschau: Dass Länder so Ihre Weltmeisterschaften austragen, hat mit der FIFA zu tun. Das System implodiert gerade. Sie müssen damit umgehen, wie abstrahieren Sie das?

Katrin Müller-Hohenstein: Das muss ich nicht. Es ist da - ob es mir gefällt oder nicht. Das ist eine Facette dessen, was ich tue. Ich muss mich damit befassen, und das ist nicht immer schön. Nur weil es mir nicht gefällt, kann ich es nicht ignorieren. Eigentlich wollen wir uns dem Sport widmen, aber wenn andere Themenfelder den Sport dermaßen überlagern, ist das frustrierend. Das ist wahr. Wir befassen uns mit Sportpolitik, das hat bei uns einen großen Stellenwert und das ist richtig so.

teleschau: In Ihrem Beruf werden Sie, ähnlich wie Joachim Löw und seine Mannschaft, permanent beurteilt. Eine WM oder eine EM bringen das größtmögliche Fernsehpublikum mit sich und damit einen ebenso großen Expertenstamm. Genießen Sie das?

Katrin Müller-Hohenstein: Nein. Ich mache einen Job. Die Bühne habe ich nie gesucht, aber der Job findet in der Öffentlichkeit statt. ich könnte ganz gut ohne diese Nebengeräusche. Ich kann das einordnen, genau wie ein Joachim Löw das einordnen kann. Das gehört halt dazu.

teleschau: Ist das eine Schnittstelle zur Showbranche? Tritt man nicht auch auf, bei solchen Events?

Katrin Müller-Hohenstein: Ich versuche das zu vermeiden. Ich bin nicht Teil des Sports und sehe mich eher in einer Vermittlerrolle. Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Es geht in erster Linie darum, was im Sport passiert, egal ob das Fußball oder Eiskunstlaufen ist. Wir sollten uns um die Sportler bemühen.

teleschau: Wie bewerten Sie die sozialen Netzwerke, die auch genutzt werden, um Dampf abzulassen? Marcel Reifs Beispiel ist das prominenteste ...

Katrin Müller-Hohenstein: Wer den Kopf zum Fenster rausstreckt, muss damit rechnen, auch mal eine draufzukriegen. Mittlerweile passiert das so inflationär, dass ich das nicht mehr ernst nehmen kann. Der Ton hat sich gewandelt, ist rauer geworden. Wenn es denen hilft, Druck abzulassen, ist das so. Die haben das Recht, zu schreiben, aber ich habe das Recht, es nicht zu lesen. Mich erreicht wenig davon. Ich bin weder bei Facebook noch bei Twitter.

teleschau: Wie schwer war es, als Frau eine Rolle im Sport zu finden?

Katrin Müller-Hohenstein: Gar nicht, das lag auch daran, dass sie damals explizit eine Frau gesucht haben. Als Mann hätte ich keine Chance gehabt. Wenn Sie so wollen, bin ich eine Quotenfrau. Ich bin damals über die Quote reingerutscht, aber wenn ich nur eine Quotenfrau wäre, hätte ich den Job schon lange nicht mehr.

teleschau: Sind Quoten für die Gleichberechtigung von Mann und Frau hilfreich?

Katrin Müller-Hohenstein: Ich möchte auf der einen Seite sagen, ich möchte keine Quote, weil ich glaube, dass die Frauen gut genug sind, auf der anderen Seite gibt es Momente, da glaube ich, dass sie keine Chance kriegen. Die müssen sie erst mal haben. Ich bin da sehr ambivalent. Es gibt für beide Seiten gute Argumente. Ich bin heilfroh, dass ich das nicht entscheiden muss.

Quelle: teleschau - der mediendienst