Die Lochis

Die Lochis





Die virtuelle Welt ist nicht genug

"Video Killed The Radio Star" sangen The Buggles 1979. 36 Jahre später steht das Video kurz davor, auch noch den Fernsehstar zu killen. YouTuber wie Die Lochis stehlen den Helden aus den klassischen Medien nicht nur die Show, sie erobern auch noch deren Terrain: An Heiligabend startet der erste Kinofilm der jungen Rheinhessen, "Bruder vor Luder" heißt er.

2011 begannen Heiko und Roman Lochmann, Sketche, musikalische Parodien und eigene Songs auf YouTube hochzuladen. "Wir leben auf dem Dorf und ab einem gewissen Alter will man keine Baumhäuser mehr bauen, sondern etwas anderes Kreatives machen", erinnert sich Roman im Interview in entspannter Atmosphäre backstage nach einem Konzert in Leipzig.

Kreative Videos auf YouTube zeigen auch Millionen andere Jugendliche. Was die Zwillinge allerdings besonders macht, ist die Tatsache, dass aus ihrem Hobby mittlerweile ein regelrechtes Familienimperium erwuchs. Die Lochis, wie sich die beiden Brüder im Netz nennen, sind in der eigenen Altersgruppe echte Stars. Erwachsene, die beim Stichwort Tablet an einen Kellner denken, tun sich dagegen bisweilen schwer damit, zu begreifen, wie jemand ohne Film, Funk und Fernsehen derart berühmt werden kann.

Das liegt natürlich nicht allein an den Lochis, sondern auch am veränderten Entertainment-Verhalten der Jugend von heute. Lineares Fernsehen ist out und damit auch seine Protagonisten. Stattdessen schaut man, was man will, wann man will und wo man will. Das gilt nicht nur für angesagte US-Serien, deren Sendezeit die Kids selbst bestimmen, sondern auch für YouTube und andere Social-Media-Kanäle. Für die digitale Generation sind Menschen wie Die Lochis daher so etwas wie Stefan Raab für ihre Eltern. Selbst der konservativste Kulturkritiker muss einsehen: Der Erfolg gibt dem dynamischsten Duo unter den deutschsprachigen Digital Natives recht. Über 1,5 Millionen Abonnenten verfolgen auf YouTube, wie Die Lochis Songs von Cro, Sido oder Bruno Mars parodieren, gegeneinander in Gedicht-Aufsage-Duellen antreten, bei verlorenen Wetten Strafaktionen wie "Küss eine Kuh" durchziehen, ihre eigenen Lieder darbieten oder in ihren Videobotschaften Ranking-Listen erstellen zu Themen wie "Typische Ausreden in der Schule" und "Typische Oma-Sprüche".

Langsam wird den Lochis die virtuelle Welt zu klein. Schon heute füllen sie bei ihren Live-Auftritten große Hallen. An Heiligabend startet ihr eigener Kinofilm "Bruder vor Luder", bei dem sie natürlich auch selbst als Co-Regisseure fungierten. Die Daten für die Lochiversum-Tour 2016 stehen ebenfalls bereits fest. Mit ihren selbstkomponierten Sprechgesang-Songs erklommen sie die iTunes-Charts. Nicht zu vergessen: Merchandisingprodukte für den wahren Fan, der den beiden nicht nur auf YouTube, Facebook, Twitter und Instagram folgen will, sondern auch Devotionalen seine Kultfiguren tragen will - von der Original-Lochis-Sonnenbrillen über T-Shirts bis zu Schildkappen und Turnbeuteln.

Eine beachtliche Leistung, insbesondere wenn man bedenkt, dass die berühmtesten Zwillinge Deutschlands erst 16 Jahre alt sind. Andererseits ist ihr Alter auch ein Teil ihres Erfolgsgeheimnisses, denn wenn im Fernsehen ältere Damen und Herren über Themen jenseits der jugendlichen Erfahrungswelt sprechen, sind Videos von Gleichaltrigen, die auf Augenhöhe über den eigenen Erlebnishorizont plaudern, selbstredend die erste Wahl. Für ihre Zuschauer sind Die Lochis und andere YouTuber Idol und Kumpeltypen zugleich. Möglich macht das ihre lockere, authentische Art. "Angefangen hat das Ganze als ein Spaß", erinnert sich Roman. "Und so ist es auch heute noch. Das ist unser Hobby."

Ein gutbezahltes Hobby, denn auch wenn Die Lochis keine konkreten Zahlen nennen, gehen Insider davon aus, dass erfolgreiche YouTuber mittlerweile im sechsstelligen Bereich verdienen können. "Natürlich spielen mittlerweile auch Geld und berufliche Pläne eine Rolle", sagt Roman. "Aber das ist mega zeitaufwendig, und wenn diese Arbeit nicht unsere Leidenschaft wäre, würden wir das Ganze gar nicht mehr parallel zur Schule schaffen." Seit zwei Jahren machen sie jede Woche zwei Videos, geben Konzerte und bespaßen die Fanbase noch zusätzlich auf Facebook. "Wir arbeiten wirklich sehr hart an dem Projekt Lochis, aber diese Arbeit macht uns viel Spaß", so Roman.

Trotz der Herausforderung an die juvenile Work-/Life-Balance haben die Internet-Zwillinge das Zepter nie aus der Hand gegeben: "Viele Leute denken, dass hinter unserem Erfolg ein Riesenteam stecken muss oder zumindest ein Manager", beschwichtigt Roman. "Aber das ist nicht so. Bei den großen Videodrehs für unsere Singles haben wir ein Team, das uns unterstützt. Ein Freund hilft uns bei Facebook, aber das laufende Tagesprogramm machen wir komplett selbst." Die einzigen Berater, deren Rat die Lochmann-Zwillinge manchmal annehmen, sind die Eltern. "Die haben mittlerweile erkannt, dass es etwas Ernstzunehmendes ist, was wir da machen", sagt Heiko. "Aber sie sagen uns nicht, was wir tun oder lassen sollen. Sie unterstützen uns nur, wenn wir Verträge unterzeichnen müssen." Im Gegensatz zu externen Beratern wisse man bei der eigenen Familie, dass man nicht über den Tisch gezogen wird, erklären die Teenager. Deshalb bleibt das Management komplett Familiensache.

Marktanalyse? Vorab testen von Formaten? Dafür haben Die Lochis keine Zeit. "Vorab testen tun wir gar nichts", gibt Roman zu. "Wir beobachten aber, ob ein neues Format ankommt." Heiko ergänzt, dass man dafür mit der Zeit ein Gespür entwickelt habe. Dennoch müsse man damit leben, wenn man mal daneben liegt. Eine Lockerheit, von der auf Quoten schielende Fernsehmacher nur träumen können. Was allerdings nicht heißt, dass Die Lochis nicht darüber nachdenken, was sie tun. "Uns ist wichtig, dass wir nicht extreme Kinderinhalte machen, sondern das, was wir selbst feiern", sagt Roman. Auch wenn darunter mal etwas umstritten sei. "Gleichzeitig versuchen wir aber natürlich auch, darauf aufzupassen, dass wir die Zuschauer ansprechen." Kids zwischen elf und 17 Jahren sind die Kernzielgruppe der beiden. "Die männlichen Zuschauer sind tendenziell etwas jünger, für die haben wir eine gewisse Vorbildfunktion", analysiert Roman. "Die Mädchen sind meist in unserem Alter, für die fungieren wir dann eher als Schwarm."

Trotz dieses Realismus' und des Wirbels um ihre Person sind die Überflieger auf dem Teppich geblieben. Wenn sie nicht an ihrer digitalen Karriere oder dem Fachabitur arbeiten, treffen sie sich mit Freunden, skaten am Rhein oder chillen als Couchpotatoes bei ihren Lieblingsserien. "Wir wollen das auf jeden Fall noch länger machen und versuchen, uns eine Zukunft aufzubauen", sagt Roman. Auch in diesem Punkt haben Die Lochis den alten Hasen aus dem Medienbusiness gegenüber einen Vorteil: Sie haben noch viel Zeit.

Quelle: teleschau - der mediendienst