Devid Striesow

Devid Striesow





"Ich bin kein religiöser Mensch"

Ja, Devid Striesow hatte das Buch tatsächlich schon gelesen, als die Anfrage kam, in der Verfilmung des Bestsellers "Ich bin dann mal weg" (Start: 24. Dezember) Hape Kerkeling zu spielen. Anders als im Film, in dem sich Striesow zunächst als Moppel mit Fatsuit über den Jakobsweg quält, fläzt sich beim Interviewtermin im Berliner Hotel de Rome ein sportlicher Typ mit Jeans und schwarzem T-Shirt auf die Couch. Striesow, 42 Jahre alt, saarländischer "Tatort"-Kommissar und als Schauspieler sowohl im Fernsehen als auch im Kino viel beschäftigt, ist schon am frühen Vormittag hellwach und plaudert im Porsche-Tempo über seine erste skurrile Begegnung mit Hape Kerkeling und darüber, warum er trotz seines atheistischen Backgrounds gerne in Kirchen geht.

teleschau: "Ich bin dann mal weg" ist mit fünf Millionen verkauften Büchern der größte Sachbuchbestseller in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie erklären Sie sich den riesigen Erfolg?

Devid Striesow: Ich glaube, dass Hape Kerkeling seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg nicht nur sehr genau beschrieben hat, sondern dass zwischen den Zeilen auch viel Humor durchblitzt. Diese ironische Distanz zu sich selbst nimmt den Leser in den Arm, zieht ihn mit. Ich empfand das beim Lesen jedenfalls so.

teleschau: War es eine besondere Herausforderung, Hape Kerkeling zu spielen? Als Schauspieler sind Sie es ja eher gewohnt, fiktive Charaktere darzustellen.

Striesow: Meine Aufgabe bestand zum Glück nicht darin, den Hape Kerkeling zu zeigen, den das Fernsehpublikum kennt. Wenn er als Comedian selbst in eine Rolle schlüpft, dann ist er so gut, dass ich ihn gar nicht hätte kopieren können. Mir ging es um den Hape Kerkeling, der nicht in der Öffentlichkeit steht. Und dabei konnte ich aus mir selbst schöpfen. Ich musste nicht immer daran denken, wie sich Kerkeling in dieser oder jener Situation vielleicht verhalten würde.

teleschau: Hätten Sie sich auch vorstellen können, den Komiker Kerkeling zu zeigen?

Striesow: Nein, denn genau daran bin ich beim ersten Casting für den Film gescheitert. In einer Szene sollte ich Kerkeling spielen, wie er seinen bekannten Song "Das ganze Leben ist ein Quiz" aufnimmt. Schon bei der Vorbereitung merkte ich: Das schaffe ich nicht. Ich brach das Casting deshalb ab. Ein Jahr später kam noch einmal eine Einladung, und diesmal sollte ich Hape als Privatmann spielen. Das klappte gut.

teleschau: Hatten Sie mit Kerkeling gesprochen, bevor Sie die Rolle übernahmen?

Striesow: Nein, wir trafen uns zum ersten Mal bei der Verleihung der "Goldenen Kamera". Da hatte er den Film schon gesehen, war gerade sehr in Eile. Quasi im Vorbeigehen rief er mir zu: "Wunderbarer Film! Hat mir gut gefallen, wünsche uns ganz viel Glück." Dann war er schon wieder weg. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es ganz gut war, ihn vor dem Film nicht getroffen zu haben. Die Versuchung, ihn zu kopieren, wäre dann größer gewesen. Wenn ich eine Rolle spiele, dann muss ich sie aus mir selbst entwickeln, sonst wird die Figur nicht lebendig.

teleschau: Ihre einzige Quelle für das Rollenstudium war also das Buch?

Striesow: Das Buch und ganz viele Ausschnitte aus Kerkelings Sendungen. Als er im Fernsehen so richtig erfolgreich wurde, nahm ich ihn gar nicht so intensiv wahr - ganz einfach, weil ich nicht viel Fernsehen gucke (lacht). Ich studierte dann im Internet Videoclips mit ihm. Das hatte den Vorteil, dass ich nach Belieben vor- und zurückspulen konnte.

teleschau: Zu Beginn des Buches wie des Films ist Kerkeling körperlich und seelisch ausgebrannt. Er verordnet sich deshalb eine längere Auszeit. Kennen Sie das auch?

Striesow: Eine längere Auszeit würde ich wohl eher nicht nehmen. Bei Hape war es ja so, dass er zu seiner erfolgreichsten Fernsehzeit einen noch viel höheren Stresslevel hatte als vermutlich die meisten Schauspieler. Es ist dann schon verständlich, dass der Körper irgendwann sagt: "Hey, du brauchst jetzt eine längere Pause. Und zwar sofort!" Ich arbeite zwar viel, aber gerade das Spielen gehört für mich zu den leichten und schönen Momenten. Als anstrengend empfinde ich eher das viele Reisen, die Kostüm- und Leseproben. Ich suche mir deshalb jeden Tag kleine Ruhepole, um Energie aufzutanken. Das fängt am Morgen mit 20 Minuten Yoga an.

teleschau: Der Jakobsweg ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine spirituelle Erfahrung. Merkten Sie etwas davon beim Dreh?

Striesow: Für spirituelle Dinge ist so ein Dreh wenig geeignet. Die Fragen, die in "Ich bin dann mal weg" aufgeworfen werden, beschäftigen mich aber schon auch: Was ist Erfolg? Ist das der Erfolg, den ich mir gewünscht habe? Dazu kommt, auch schon in meinem Alter, die Frage nach der eigenen Endlichkeit. Diese Überlegungen waren auch der Grund dafür, warum ich die Rolle unbedingt spielen wollte. Die Art, wie Hape im Buch diese Lebensfragen behandelt, begeisterte mich wirklich.

teleschau: Sind Sie ein religiöser Mensch?

Striesow: Nein, ein spiritueller. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Religion war nicht verboten, aber verpönt, galt als reaktionär. Wenn man in der Kindheit den religiösen Glauben nicht einübt, dann fehlt einem als Erwachsener vermutlich der Zugang. Obwohl ich nicht religiös bin, sind Kirchen für mich allerdings spirituelle Orte. Ich halte mich gerne in ihnen auf.

teleschau: Wie definieren Sie Spiritualität?

Striesow: Ich glaube, dass es etwas gibt, das wir nicht benennen können, weil wir es nicht sehen, eine energetische Form, die uns am Leben hält und antreibt. In dem zur Phrase gewordenen Satz "Der Weg ist das Ziel" steckt für mich daher viel Wahres.

teleschau: Stichwort "Weg": Haben Sie durch den Film eigentlich Lust aufs Wandern bekommen?

Striesow: Nicht wirklich. Ich habe es bisher aber auch nicht richtig ausprobiert. Ich mache regelmäßig Kraft- und Ausdauertraining. Wandern passt in dieses Programm irgendwie nicht rein. Die Wanderschuhe, die ich im Film trug, stehen aber noch bei mir zu Hause. Man weiß ja nie (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst