Creed - Rocky's Legacy

Creed - Rocky's Legacy





Der Champ reicht die Fackel weiter

Nie wieder "Rambo". Auch wenn niemand mehr das ganz große Spektakel erwartet haben dürfte: Ein bisschen tat es irgendwie schon weh, als Sylvester Stallone kürzlich erklärte, es werde nun doch keinen fünften Teil der Action-Reihe mehr geben. Der kriegsgeschädigte Krawumm-Veteran wurde quasi heimlich in den endgültigen Ruhestand entlassen, der Abschieds-Knall bleibt aus. Umso mehr dürften Fans sich freuen, dass der inzwischen 69-jährige Stallone tatsächlich noch einmal in seine zweite Paraderolle schlüpft: Nach zehn Jahren Leinwandpause muss beziehungsweise darf der Italian Stallion in "Creed - Rocky's Legacy" noch einmal ran. Das sollte man nicht verpassen.

Wer sich die Mühe macht, nachzuzählen: Ja, es ist inzwischen schon der siebte "Rocky"-Film. Diesmal ist allerdings einiges anders. Vor allem anders als 2006 in "Rocky Balboa", als sich ein ergrauter Ex-Champ in einem eher unrühmlichen Film zu einem vermeintlich letzten großen Kampf schleppen musste. Anders, weil Sly diesmal die Finger von Regie und Drehbuch ließ, weil er nicht mehr selbst in den Ring steigt, und weil Rocky, was bei dieser Reihe doch verdammt mutig ist, nur noch die zweite Geige spielt.

Rocky, das Kämpfer-Idol von einst, ist inzwischen voll und ganz im Leben nach der Boxkarriere angekommen. Er kümmert sich nur noch um das kleine Lokal, das den Namen seiner toten Ehefrau Adrian trägt. Etwas Aufregenderes als die tägliche Warenlieferung hat er nicht mehr zu erwarten. Eines Tages jedoch steht plötzlich ein junger Mann in der Tür, um Rocky als Box-Coach anzuheuern: Adonis "Donnie" Johnson (Michael B. Jordan) ist der uneheliche Sohn von Apollo Creed - dem vielleicht einzigen Mann, der Rocky je das Wasser reichen konnte und über die Jahre trotz erbitterter Fights ein guter Freund wurde.

Der alte Box-Champ soll den Filius seines größten Antagonisten zur Weltmeisterschaft führen: Eine auf den ersten Blick so belanglose Geschichte könnte schrecklich nach hinten losgehen, und wo sie letztlich hinführt, kann keine Überraschung sein. Und doch wurde am Ende der beste "Rocky"-Film seit Langem draus. Weil man sich erlaubt, nicht den sportlichen Fight, sondern eher das menschliche Drama in den Vordergrund zu stellen.

Adonis, der seinen längst verstorbenen, legendären Erzeuger quasi nur aus YouTube-Videos kennt, verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Heimen, ehe Apollos Witwe Mary Anne (Phylicia Rashad) ihn bei sich aufnahm. Irgendwann passiert dann natürlich das, was Mary Anne immer fürchtete: Adonis, schon immer ein talentierter Raufbold, schmeißt seinen hart erarbeiteten Bürojob, um Profiboxer zu werden. Nicht so sehr, um Apollo nachzueifern, sondern eher, um seinen Vater auf diesem Weg kennenzulernen, und irgendwie auch auf der Suche nach sich selbst. Diese Suche führt ihn schließlich in Rockys Lokal.

Dass diese Story funktioniert, liegt in erster Linie an dem erstaunlich glaubwürdig gestrickten, feinsinnigen Drehbuch von Aaron Covington und Ryan Coogler (gleichzeitig Regisseur) sowie daran, dass die die beiden äußerst geschickt mit der "Rocky"-Ikonografie umgehen. Eher mit Samt- als mit Boxhandschuhen arbeitend, betten sie ihr neues Kämpferdrama in eine sehr lebendige, detailliert gezeichnete Parallelwelt ein, in der Rocky eben ein großer Star wie Ali oder Foreman ist. Sie nutzen bewährte Motive wie den durchgeschwitzten grauen Trainingsanzug, verflechten die altbekannte "Rocky"-Musik mit modernen HipHop-Beats, lassen Adonis die Stufen des Philadelphia Museum of Art erklettern. All das aber, ohne zu dick aufzutragen. Ein, zwei Durchhänger mag es geben in "Creed", aber nichts, das irgendwie peinlich wäre. Selbst den Nebenplot, der Rocky gegen Ende schwer erkranken lässt, schluckt man wohlwollend runter.

Was diesen Film aber sowohl für eingefleischte Fans als auch für "Rocky"-Neulinge besonders sehenswert macht, ist die Leistung der beiden Hauptdarsteller. Die Chemie zwischen Jordan und Stallone stimmt von Anfang an. Der eine erweist sich mit eindrücklichem Spiel als würdiger Rocky-"Nachfolger", dem seine Hauptrolle kein Gramm zu schwer zu sein scheint, und der andere macht es sich mit herrlicher Lässigkeit und trockenem Humor in der Rolle des gealterten Ex-Champs gemütlich, der niemandem mehr etwas beweisen muss. In Hollywood ist bereits von einer Fortsetzung die Rede. Es könnte dies der Start einer komplett neuen Reihe mit einer neuen Box-Ikone sein. Andererseits: Nach diesem Film könnte Stallone auch seine zweite große Figur endgültig ruhen lassen. Es wäre ein würdiger Abschied.

Quelle: teleschau - der mediendienst