Die dunkle Seite des Mondes

Die dunkle Seite des Mondes





Das Tier im Manne

Ob der Schweizer ein noch größerer Control Freak ist als der Deutsche? Fast könnte man es annehmen, denn nach "Homo Faber", Max Frischs 1957 erschienenem Standardwerk zum Thema, schoss Martin Suter 2000 "Die dunkle Seite des Mondes" nach. Auch in diesem Buch des Schweizer Bestsellerautors geht es um einen erfolgreichen Mann mittleren Alters. Wie einst "Homo Faber" glaubt auch er, die Welt um sich herum und natürlich sich selbst kontrollieren zu können. Wie man sich denken kann: Suters Romanheld, in der Verfilmung von Stephan Rick wird er grandios von Moritz Bleibtreu verkörpert, scheitert an dieser Aufgabe. Der 44-jährige deutsche Kinostar spielt den erfolgreichen Frankfurter Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Nachdem sein kluger Schachzug einen Konkurrenten seines Auftraggebers ins wirtschaftliche Abseits stellte, schießt sich der Geschädigte vor Blanks Augen in den Kopf. Das Leben des Juristen gerät danach mehr und mehr aus den Fugen.

Am Anfang ist es nur eine Ahnung. Die Suche nach einem Leben, das mehr sein muss, als das Aushecken vertraglicher Winkelzüge, die körperliche Selbstoptimierung im Fitnessstudio oder der Drink zum Smalltalk seines kunstsinnig kühlen Freundeskreises. Als sich Urs Blank kurzzeitig im Wald verirrt, lernt er die freigeistige Lucille (Nira von Waldstätten) kennen. Fasziniert von der jungen Frau mit dem so gänzlich anderen Lebensstil verlässt Urs seine Frau Evelyn (Doris Schretzmeyer) und zieht zu der jüngeren Geliebten.

Eine gemeinsame Exkursion zu einem Waldguru (André Hennicke) dient einer Gruppen-Selbsterfahrung mit halluzinogenen Pilzen. Doch der Trip ist heftiger als gedacht. Der Genuss des Gewächses bringt die dunkle Seite Urs Blanks hervor. Nach seiner Rückkehr aus dem Wald übernehmen zunehmend Gewaltfantasien und bösartige Ausbrüche die Kontrolle über das Leben des ehemals so rationalen Wirtschafts-Facharbeiters. Als sich sein Zustand immer weiter verschlechtert, zieht sich der Rest von dem, was einmal Urs Blank war, in den Wald zurück. Er begibt sich auf die Suche nach jenem extrem seltenen Pilz, der seinen psychotischen Schub verursacht haben soll ...

Erstaunlich ist, dass "Die dunkle Seite des Mondes" erst 15 Jahre nach ihrem Erscheinen verfilmt wird. Zu bedeutend ist dieser Roman, der erfolgreichste Martin Suters. Und thematisch so verheißungsvoll mit seinen Bezügen zu unserer globalisierten, selbstoptimierten und global-humanistisch scheiternden Lebenswirklichkeit. Doch es gab auch Dinge, die gegen eine Verfilmung sprachen: Das Geschehen, eine irre Freak Show, spielt sich vorwiegend im Kopf des Protagonisten statt. Die vielen psychedelischen Elemente der Story könnten den ein oder anderen Filmemacher abgeschreckt haben. Nicht so Stephan Rick, 1974 in Rosenheim geboren, und bislang eher durch nicht sonderlich herausragende Fernseharbeiten und den kleinen Kinofilm "Unter Nachbarn" (2010) mit Charly Hübner und Maxim Mehmet aufgefallen.

Rick kleidet die von Bleibtreu mitreißend, ja fantastisch gespielte Wandlung der Figur in ebenso edle wie düstere Bilder, die das wohl eher kleine Budget des Films völlig vergessen machen. Tatsächlich trägt Bleibtreu diesen Film nahezu im Alleingang. Auch sorgt er dafür, dass dieser über weite Strecken sehr stimmungsvolle Psychothriller sogar mit seinem räuberpistoligen letzten Drittel nicht zu einem schlechten Film mutiert.

Quelle: teleschau - der mediendienst