Lichtgestalten

Lichtgestalten





Alles auf Anfang

Das Kino als Raum der Möglichkeiten veranlasst den deutschen Regisseur Christian Moris Müller in seinem Film "Lichtgestalten" ein spannendes Experiment zu starten. Seine Protagonisten, ein gut etabliertes und immer noch verliebtes Berliner Paar, wagen einen radikalen Bruch mit dem eigenen Leben. Sie wollen aus ihrer jetzigen Existenz verschwinden, alles hinter sich lassen und einen Neuanfang als andere Menschen an einem anderen Ort wagen. Nur eines soll gleich bleiben: ihre Liebe füreinander.

Ob das eigentlich schon jemand mal gemacht habe? Das fragt sich Steffen (Max Riemelt) als er und Katharina (Theresa Scholze) mit dem Gedankenspiel zum Ausstieg aus ihrem jetzigen Leben beginnen. Der Regisseur Christian Moris Müller kennt die Antwort, denn er erlebte, wie sein eigener Vater vor 20 Jahren noch einmal von vorne begann - beruflich und finanziell. Welche sich nicht mehr verdrängen lassenden Gedanken hinter solch einem Schritt stecken, welche Emotionen in einem erwachen und wie es sich anfühlt, wenn man kurz davor steht, alles wegzuwerfen, was einem bisher wichtig war. Das hat Müller versucht in Bilder zu fassen. Denn "Lichtgestalten" ist nicht nur ein Film, in dem die Protagonisten uns an ihren Überlegungen verbal teilhaben lassen.

Der Raum, in dem alles stattfindet, ist eine über Jahre sanierte Dachgeschosswohnung in Berlin, in der beruflich erfolgreiche Vertreter der Generation Y sich verwirklicht haben. Sie sind angekommen, doch statt zu einer Befriedigung führt das bei ihnen zu der Frage, wie sie ihre Leben noch führen könnten, was sich erreichen ließe, wenn alles anders wäre. Doch verhöhnt man dadurch nicht alle, die vor dem Nichts stehen, wenn man wegwirft, was man hat? Solche Fragen werden durchaus diskutiert, unter anderem mit einem schwulen Freunde-Paar, das zufällig hinter Katharinas und Steffens Plan kommt. Und auch im Netz inszenieren sie sich mit ihrer Revolution gegen das eigene Sein, bei der sie sich selber als "Lichtgestalten" filmen.

Was jetzt vielleicht noch etwas verkopft klingt, kommt auf der Leinwand anders rüber. Christian Moris Müller versteht sich auf die Kunst der Auslassung. Interessante Kamerablickwinkel und abrupt abgebrochene Szenen verleihen dem Gezeigten etwas Unfertiges. Man ist sich nicht sicher, wird der Bruch hier nur geprobt, inszenieren die beiden für sich und andere ein Was-wäre-wenn-Szenario? Das lustvolle Zersägen der Gegenstände ist real, ebenso das Geld, das sie von der Bank holen, um es zu verteilen, das in der Badewanne versenkte Smartphone, der Job, der unwiderruflich an die Wand gefahren wird. Die Situation verselbständigt sich und die Veränderungen lassen sich nicht mehr stoppen, auch wenn Gefühle wie Zweifel auftauchen. Das betrifft auch ihr Verhältnis zueinander, Steffen und Katharina drohen, sich zu verlieren.

Die Figuren filmen sich ständig selbst, das stellte für die Schauspieler eine große Herausforderung dar, denn schließlich sollte das Bild nicht ständig wackeln. Allerdings fragt man sich, warum das Menschen tun sollten, die gerade dabei sind, loszulassen und auch ihre digitale Existenz auslöschen. Regisseur Müller erreicht mit diesem Stilmittel jedoch den Effekt, dass der Zuschauer ins Geschehen mit hineingezogen wird. Er erlebt intime Momente der Erinnerung ebenso nah mit wie die Inszenierung der Zerstörung.

Mit "Lichtgestalten" sieht man einen Film, der sich einer philosophischen Frage auf neuem Weg widmet. Das Thema wird interessant künstlerisch erhöht und überzeugt mit einer anspruchsvollen Bildgestaltung. Die Frage, wer oder was man noch sein könnte und ob jedem Neuanfang Zerstörung des Alten innewohnen muss, sorgt sicher für angeregte Diskussionen nach dem Kinobesuch.

Quelle: teleschau - der mediendienst