Louder Than Bombs

Louder Than Bombs





Die Kunst der leisen Töne

Wie der Tod eines Mitglieds den Rest der Familie aus der Bahn werfen kann, davon wurde im Kino schon viel erzählt. Auch der Norweger Joachim Trier zeigt in dem Drama "Louder Than Bombs" drei männliche Hauptfiguren, die nun schon länger ohne die Ehefrau und Mutter zurechtkommen müssen. Doch erst anlässlich eines Artikels, der über sie geschrieben werden soll, beginnen sie sich zu fragen, wer sie eigentlich genau war und was sie mit den jeweiligen Familienmitgliedern verbunden hat. Diese etwas andere Aufarbeitung inszeniert Joachim Trier geschickt mit Rückblenden, Traumszenen und aus wechselnden Perspektiven.

In seinem auf Englisch mit internationalen Schauspielern in Amerika gedrehten Film erforscht Trier mit großer Sensibilität die Dynamik zwischen drei männlichen Hauptpersonen. Gabriel Bryne spielt den Familienvater Gene als Gegenentwurf zum Klischee des autoritären Oberhaupts, an dem sich die Söhne reiben und sich behaupten lernen müssen. Gene steckte mit seiner Karriere als Schauspieler zurück, um sich mehr um seine Kinder kümmern zu können. Seine Arbeit als Lehrer macht ihn nicht glücklich, und er spürt eine große Leere nach dem Verlust seiner Frau. Diese, gespielt von Isabelle Huppert, machte als kompromisslose Kriegsfotografin Karriere und konnte sich auf Gene verlassen, der ihr den Rücken freihielt. Nach ihrem Tod muss er herausfinden, was er mit seinem Leben anfangen möchte.

Der ältere Sohn Jonah (Jesse Eisenberg) ist schon erwachsen und gerade selbst Vater geworden, was ihn, den Überflieger-Akademiker, emotional auch aus der Bahn zu werfen scheint. Seiner Ansicht nach, war er der Mutter näher als die anderen - eine Vorstellung, die er im Laufe des Films schmerzhaft korrigieren muss. Und dann gibt es noch Conrad (Devin Druid), die interessanteste Figur, zumindest wenn man sich für das Gefühlsleben von Teenagern interessiert. Der zunächst am schutzbedürftigsten wirkende 15-Jährige zeigt überraschende Stärke in unerwarteten Momenten. Er soll bewahrt werden vor einem Geheimnis der Mutter, das im Zuge einer Retrospektive ihres Werkes samt Artikel in der "New York Times" gelüftet werden soll.

Der Film erzählt von einer fast unmöglichen Wahrheitsfindung und der Frage, wie viel "Wahrheit" man denn seinen Liebsten zumuten soll und kann. Dabei baut Joachim Trier eine verschachtelte Erzählkonstruktion um wenig Inhalt auf, die den Film geheimnisvoller und subjektiver erlebt wirken lassen soll. Wechsel der Perspektiven und nicht chronologische Rückblenden sowie Traumsequenzen kommen zum Einsatz. Damit wird um den nicht alltäglichen Beruf der Mutter - die Geschichte hätte auch mit etwas nicht ganz so Überlebensgroßem funktioniert - eine große Künstlichkeit aufgebaut, die die Figur der Mutter sowie die Schauspielerin Huppert wie einen Fremdkörper im Film wirken lassen.

Einen stärkeren Eindruck hinterlassen andere Szenen, wie diese, die den Umgang des Vaters mit Teenager Conrad zeigen. Der scheint nur über Computerspiele erreichbar zu sein. Der Erwachsene erstellt sich einen Avatar, um seinen Sohn online zu treffen. Das bringt damit zwar nicht das Erwünschte, aber immerhin etwas in Gang. Gene lässt sich nicht abschütteln und sucht immer wieder den Kontakt. Selten hat man im Kino dabei das Gefühl, so nah dran zu sein an den emotionalen Verwirrungen eines Pubertierenden, der über interessante YouTube-Filmchen kommuniziert.

Triers rätselhaft angelegter Film entfaltet seine großen Stärken mit den leisen Tönen seiner drei interessanten Hauptfiguren, die gezwungen sind, sich miteinander zu beschäftigen. So steht der Inhalt im Gegensatz zu seinem Titel, der auch auf den Beruf der Mutter anspielt. "Louder Than Bombs" ist ein sehenswertes Familiendrama über Erinnerung und Trauer, das ohne Sentimentalität auskommt.

Quelle: teleschau - der mediendienst