Legend

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Zwillingsbindung brutal

Vorbilder gibt es durchaus: Van Damme versuchte es mäßig beindruckend 1991 in "Double Impact", Armie Hammer vor fünf Jahren recht überzeugend in "The Social Network". Noch nie jedoch wurde die Herausforderung einer Zwillingsbrüder-Rolle von einem Schauspieler so eindrücklich umgesetzt wie von Tom Hardy im Gangster-Drama "Legend". Der 38-jährige Brite verkörpert die Gebrüder Ronald und Reginald Kray, die sich im pulsierenden London der 60er-Jahre zu Königen der Unterwelt aufschwangen. Dass das auf wahren Begebenheiten basierende Biopic keinen Wert auf eine realistische Darstellung des Gangster-Milieus legt, sondern sich in herrlichsten Klischees und Überzeichnungen verliert, kommt der Geschichte dabei zugute.

Zwischen Beatniks und Protestbewegung setzte sich im London der 60er-Jahre eine gute alte Tradition fort, die das Leben der quirligen Metropole schon immer begleitete: Die legendäre Unterwelt der englischen Hauptstadt prägte eine Art Parallelgesellschaft, in der nicht Eleganz und Höflichkeit, sondern Gewalt und Rücksichtslosigkeit den Ton angaben. Dennoch vor edler Kulisse, versteht sich. Ebenso stilsicher wie brutal verstanden es zu jener Zeit die Zwillingsbrüder Kray, sich vor allem im Londoner East End als gefürchtete Gangsterbosse zu etablieren.

Seinen Ruf, so zeigt das Biopic "Legend" hoffnungslos überzeichnet, erlangte das berüchtigte Bruderduo nicht nur durch skrupellose kriminelle Aktionen, sondern auch durch seine äußerliche, charakterliche und psychische Ambivalenz: Während der gutaussehende Reggie den Umständen entsprechend Vernunft walten lässt, kluge Strategien entwickelt und dem Clan mit vorausschauendem Händchen fürs Geschäft den Weg nach oben ebnet, repräsentiert sein psychopathischer Bruder Ron ungefähr das genaue Gegenteil: Unkontrolliert gewalttätig lebt der erst aus der Psychiatrie Entlassene seine kranken sadistischen und und jähzornigen Neigungen bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit aus - und gefährdet damit das Gangster-Imperium.

Tom Hardy gelingt es hervorragend, sein Charakterspiel auf die immer größer werdende Diskrepanz zwischen den Zwillingen zulaufen zu lassen. Diese verstärkt sich, als Reggie in Frances (Emily Browning) die große Liebe findet, die ihn alsbald vor die Wahl zwischen aufrichtigem Leben und Solidarität zu seinem inzwischen völlig ausgetickten Bruder stellt. In dieser sich klassisch zuspitzenden Konstellation schafft Hardy durch Mimik und Gestik, Ausdruck und Sprache auf beeindruckende Weise zwei gegensätzliche Figuren, deren inneres Blutsband jedoch immer wieder durchscheint.

Man mag einwenden, die Gegensätzlichkeit der Krays sei in Brian Helgelands Werk plakativ, übertrieben und Schwarz-Weiß geraten. Ist sie ohne Zweifel - und genau das macht "Legend" aus. Nicht nur in seiner polarisierenden Charakterzeichnung, sondern auch in seiner pointierten 60er-Jahre-Ästhetik, seinem perfekt ausgeleuchteten Untergrund-VIP-London und in seinen klischeehaften Bildern vom Gangsterleben und -milieu. Rons Ausraster, Flaschenprügeleien, kaltblütige Morde - alles Schlechte scheint in dieser Welt beinahe zwingend notwendig, ja, überaus anziehend gar.

Kein realitätsnahes Biopic soll hier entstehen, sondern ein überzeichnetes Gangster-Epos, dass die in Wirklichkeit natürlich hochproblematische Devianz der Krays kaum verurteilt, sondern als lässige Attitüde verkauft. Keine hochsensible Arthouse-Charakterstudie, sondern eine gewaltreiche Preisung einer Ästhetik und Erzählkunst, die einst in den Gecko-Brüdern aus "From Dusk Till Dawn" ihren Idealtyp schuf, und sich inzwischen auch in Serien wie "Peaky Blinders" (das in der selben Unterwelt Londons nur 50 Jahre zuvor spielt) findet. In dieser Tradition ist "Legend" ein sarkastischer, ein böser, ein klischeehafter und deshalb unwahrscheinlich cooler Film.

Quelle: teleschau - der mediendienst