Annette Frier

Annette Frier





Die Weihnachtsgeschichte vor unserer Tür

Weihnachtsman oder Christkind - was ist besser? Und gibt es eigentlich ein Rezept, wie man sich als Familie an Weihnachten nicht auf die Nerven geht? Anlässlich ihrer Festkomödie "Weihnachts-Männer" (Freitag, 25.12., 20.15 Uhr, ARD) spricht die Kölner Volksschauspielerin über jene besonderen Tage im Jahr, in denen wir alle mit steinalten Emotionen zu kämpfen haben. Wie dieser Kampf ausgeht und ob man gestärkt oder deprimiert daraus hervorgeht, hat sicher damit zu tun, wie man als Familie miteinander umgeht. Dazu ein paar Wahrheiten aus dem Hause Frier.

teleschau: Können Sie sich noch an jenen Moment erinnern, als Sie von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes erfuhren?

Annette Frier: Da kann ich mich noch sehr gut daran erinnern! Ich komme aus einer sehr katholischen Kölner Familie. Meine Mutter sagte beim ersten Weihnachtsmann, den ich in meinem Leben sah: "Du Annette, den Weihnachtsmann gibt's überhaupt nicht. Das Christkind kommt an Weihnachten."

teleschau: Hat Sie Ihnen auch erklärt, wie das Christkind aussieht?

Frier: Das Christkind ist eigentlich nur ein Geräusch - nämlich das einer Glocke. Es ist so schnell unterwegs, dass man es gar nicht sehen kann. Wie lange ich an diese Geschichte glaubte, weiß ich nicht mehr. Das Christkind ist aber auf jeden Fall nicht so konkret. Eher mystisch - eben christlich. Daran soll ich ja heute noch glauben (lacht).

teleschau: Ihre Mutter wusste sehr genau, was gut für Sie ist?

Frier: Ja, das wusste sie. Bei uns wurde zum Beispiel nie Muttertag gefeiert. Weil sie sagte: "Das ist eine Erfindung aus dem Dritten Reich." Und der Weihnachtsmann kam ihr eben auch nichts ins Haus. Dafür kam der Nikolaus. Ich erinnere mich daran, dass ich mit sechs oder sieben auf der Nikolausfeier vom Voltigieren war. Und da sah ich glasklar: Der Nikolaus, das ist doch der Reitlehrer. Damals befiel mich ein grundsätzlicher Zweifel an mythischen Figuren, der mich bis heute nicht mehr losließ.

teleschau: Ihre eigenen Kinder sind jetzt sieben Jahre alt. Glauben die noch an Christkind oder Weihnachtsmann?

Frier: Da bin ich ehrlich gesagt sehr gespannt drauf. Meine Kinder sind ja jetzt total schulverdorben, da wird sehr viel kritisches Zeugs geredet. Also einerseits tun sie ziemlich cool, andererseits haben sie doch einen Heidenrespekt, wenn plötzlich der Nikolaus im Garten auftaucht. Bei uns kommt er tatsächlich immer von hinten vom Garten in Richtung Haus gestapft.

teleschau: Und hinter dem Nikolaus verbirgt sich jemand, den Sie kennen?

Frier: Letztes Jahr sah er meinem Schwager Dirk ziemlich ähnlich. Da sagten die Kinder dann: "Mama, der redet genau wie der Dirk!" Auch mein Mann wurde entlarvt, als er im Kindergarten als Weihnachtsmann auftauchte. Aber irgendwie wollen die ja trotzdem dran glauben. Es ist so ein Kampf um die letzten Tage bei ihnen - habe ich das Gefühl.

teleschau: Ist das auch ein Abschied für Sie - wenn die Kinder nicht mehr an derlei Dinge glauben?

Frier: Ja, natürlich. Andererseits bin ich eine Mutter, die sich über jeden Schritt freut, den die Kinder nach vorne tun. Dass sie immer mehr wissen, immer mehr Persönlichkeit entwickeln - das ist doch toll. Eltern können dabei zuschauen, wie sich ein Mensch entfaltet. Ich habe noch nie zu klein gewordene Klamotten hochgehalten und geheult: "Ach wie traurig, jetzt passt das nicht mehr." Am Anfang habe ich mir im Gegenteil immer gewünscht, meine Kinder wären schon größer. Da dachte ich schon, es stimmt etwas nicht mit mir. Später nahm ich dann jede Phase einfach so an. Einzig gegenüber dem Kindergarten habe ich melancholische Gefühle. Dieses kleine Behütete im Gegensatz zum Gebrülle auf dem Schulhof - das ist schon eine ziemliche Umstellung.

teleschau: Wie feiern Sie in diesem Jahr Weihnachten?

Frier: Bei uns ist Weihnachten eigentlich immer sehr schön. Ganz ehrlich! Wir sind ja auch sonst sehr verbunden: Meiner Mutter, meine Schwestern und ich. Dazu kommen deren Familien und meine beiden Schwager. Wir sind als Gruppe ziemlich eingespielt. Riskant wird es immer dann, wenn sich Menschen treffen, die sich ansonsten nicht sehen und dann aufeinanderknallen. Die fallen dann an Weihnachten in irgendwelche Muster von früher - obwohl das keiner will -, und dann wird's ungemütlich. Diese Gefahr besteht bei uns nicht, weil wir uns ohnehin oft sehen.

teleschau: Sie verbringen Sie die gesamten Festtage zusammen?

Frier: Nein, am Ersten Weihnachtsfeiertag treffen wir uns dann mit der Familie väterlicherseits. Da sind dann auch meine Kusinen und so. Auch alles Menschen, auf die ich mich freue. Es ist lange her, dass ich mich an ein Weihnachten erinnere, das ich als stressig empfand. Damals lebte mein Großvater noch. Da musste dann der Braten auf den Punkt sein, und meine Mutter war vorher total angespannt. Aber das ist vorbei.

teleschau: Feiern Sie immer am gleichen Ort?

Frier: Wir feiern meistens bei meiner Mutter. Die ist in Sachen Dekoration extremer als Chevy Chase in den "Schöne Bescherung"-Filmen. Wir haben auch schon mal bei uns gefeiert. Man muss aber feststellen: Meine Mutter ist in Sachen Weihnachtsambiente eine schwer zu schlagende Gegnerin. Deshalb ist das Feiern bei ihr auch allseits so beliebt.

teleschau: Nun spielen Sie selbst in einem Weihnachtsfilm mit. Haben Sie einen Favoriten in diesem Genre?

Frier: Eigentlich habe ich keine Filmrituale an Weihnachten. Dafür aber an Silvester. Da gucke ich den ganzen Tag 3sat. Die zeigen von morgens bis abends Konzerte von Größen aus dem Showgeschäft. Das ist mein Kult an diesem Tag. Da schaue ich eigentlich von vorne bis hinten zumindest mit einem Auge zu.

teleschau: Und einen Weihnachtsfilm können Sie nicht empfehlen?

Frier: Ich mag "Die Familie Stone" mit Sarah Jessica Parker sehr gern. Das ist eine ganz bezaubernde melancholisch-scharfsinnige Weihnachtskomödie. Und natürlich "Harry und Sally", wenn man den als Weihnachtsfilm bezeichnen will.

teleschau: Sind gute Weihnachtsfilme zeitlos?

Frier: Sie sollten es sein. Man merkt aber auch, dass an manchen der Zahn der Zeit stärker nagte als an anderen. Insbesondere Komödien fällt es schwer, gut zu altern. Das liegt daran, dass sie oft mit dem Zeitgeist arbeiten - in Sachen Tempo, Sprachwitz und so weiter. Die ein oder andere Screwball-Komödie kann man sich heute noch prima anschauen - wegen der überragenden Dialoge. "Sein oder Nichtsein" natürlich. Alle Filme, die historische Themen behandeln, fallen aus dem Zeitgeist heraus und haben bessere Chancen auf glanzvolles Altern. "Doktor Schiwago" kann man sich heute ebenso gut noch anschauen wie "Zurück in die Zukunft". Diese Filme nehmen einen ohnehin mit auf eine Zeitreise.

teleschau: In welche Kategorie passt Ihr Film "Weihnachts-Männer" - zeitlos oder zeitgeistig?

Frier: Der Film ist auf keinen Fall zeitgeistig. Wir hatten ja einen italienischen Film als Vorlage, der einfach eine gute Geschichte erzählt. "Weihnachts-Männer" ist ein bisschen pompös, aber auch ein kleiner Theaterfilm. Wir haben da diese Kammerspiel-Situation, weil ich als Kommissarin eine Gruppe Männer im Weihnachtsmannkostüm im Verhörraum habe, die verdächtigt werden, eine berüchtigte Bande von Einbrechern zu sein. Die streiten das ab, und wir versuchen, die Wahrheit herauszufinden. Von Genre her ist das klassische Familienunterhaltung. Ein sehr liebevoll gemachter, altmodischer Film. Auch die Musik ist sehr altmodisch. Für mich ist es ein Weihnachts-Retrofilm.

teleschau: Ist es nicht das, was alle an Weihnachten suchen - ein Retrogefühl?

Frier: Ganz klar, ja: Retro ist überall an Weihnachten. Selbst im Pop, einer explizit zeitgeistigen Veranstaltung, werden die alten Lieder geträllert, denken Sie nur an "Last Christmas" -oh Gott! Die Menschen wollen sich an Weihnachten in etwas wohlfühlen. Sie haben eine Sehnsucht nach zu Hause, was auch immer das ist.

teleschau: Es ist fast unmöglich, sich diesem Gefühl zu entziehen. Selbst wenn man keine Lust auf Weihnachten hat, ist es unmöglich, sich davon emotional frei zu machen. Warum eigentlich?

Frier: Weil selbst der Weihnachtshasser Chris Reas "Driving Home For Christmas" im Autoradio oder der Fußgängerzone hören muss. Es fährt halt auch jeder irgendwo hin. Und sei es nur, weil die Firma für ein paar Tage zumacht. Nein, vor Weihnachten gibt es kein Entkommen. Das ist eine kollektive Erinnerung, die so mächtig ist, dass jeder irgendwie damit klarkommen muss. Ich bin mal sehr gespannt auf dieses Weihnachten. Weil unser Land das erste Mal in einer etwas anderen Situation ist.

teleschau: Sie meinen die Flüchtlingskrise?

Frier: Ja, die Weihnachtsgeschichte steht sozusagen eins-zu-eins vor unserer Tür. Für mich fühlt sich Weihnachten zum ersten Mal im Leben wirklich anders an. Die Not ist endgültig in unserer direkten Nachbarschaft angekommen. Ich finde, das verändert eine ganze Menge. Man kann und man sollte nicht so tun, als wäre alles wie immer.

Quelle: teleschau - der mediendienst