Adam Driver

Adam Driver





Die dunkle Seite der Hipster

"Als Soldat ist man sich seiner Sterblichkeit sehr bewusst, so wie man sich in Hollywood immer am Rande des Karrieretodes bewegt": Wer so einen Satz im Interview mit dem "Playboy" zum Besten gibt, kann eigentlich nur ein erfahrener harter Hund des Filmgeschäfts sein. Oder aber: ein verwegener Shootingstar wie Adam Driver, der seinen kometenhaften Aufstieg gern mit selbstbewusstem Pathos reflektiert. Dass der Ex-Marine dabei oft Vergleiche zu seiner Army-Zeit zieht, erscheint wie eine Art Schutzmechanismus. Irgendwie muss der 32-Jährige seine unwirklich rasant voranschreitende Filmkarriere schließlich einordnen und auch relativieren. Gerade einmal vier Jahre nach seinem Kinodebüt betritt Driver, der bislang vor allem als Badboy-Hipster-Rolemodel reüssierte, in Gestalt des neuen "Star Wars"-Schurken heiligen Hollywood-Boden.

Irgendwie mag das Bild, das von Adam Driver gezeichnet wird, nicht so recht zusammenpassen - aus europäischer Sicht wenigstens. Auf der einen Seite der langhaarige Hollywood-Hipster, der in seinen Figuren fast immer einen hedonistisch-verweigernden Lebensstil repräsentiert. Auf der anderen die Tatsache, dass jener junge Mann sich nach den Anschlägen des 11. September 2001 freiwillig für den Dienst bei der US-Army meldete.

Natürlich spielt es eine Rolle, dass zwischen dem Beitritt zu den Marines und seinem Filmdebüt gut zehn Jahre lagen. Junge 18 war Adam Driver damals, was sicher einiges erklären kann. Ebenso wie die Umgebung, in der das Scheidungskind aufwuchs: In San Diego geboren, verbrachte er seine Kindheit im tiefsten mittleren Westen in einer Kleinstadt in Indiana. Sein Stiefvater wirkte dort als Baptistenpastor, entsprechend wurde der Junge konsequent religiös erzogen, sang im Kirchenchor - und übernahm erste kleine Rollen in Bühnenstücken.

Es sollte wohl als großes Glück angesehen werden, dass Driver nach über zweieinhalb Jahren als Marine im Einsatz in Afghanistan infolge eines Mountainbike-Unfalls zwangsweise aus dem Militär austreten musste. So entging er einerseits den Schrecken des Irak-Krieges, der in jenen Monaten begann. Vor allem aber konnte der talentierte junge Mann an der renommierten Juilliard School ein Schauspielstudium beginnen. Dort im Lincoln Center, im Herzen Manhattans, muss Driver jene lässig-abfällige New-York-Attitüde entwickelt haben, mit der er sich in die Herzen der Casting-Menschen und Zuschauer spielte. Halbe Sachen macht Driver nicht: 2011 gab er in "J. Edgar" sein Kinodebüt unter Regie keines Geringeren als Clint Eastwood.

Natürlich war es New York und dessen unvergleichlicher Sog, die dem Jungen aus der Provinz zum Durchbruch verhalfen. Zum Darling der Großstadt-Twens wurde er ab 2012 mit seiner Rolle in Lena Dunhams Brooklyn-Hipster-Serie "Girls". Mit der unnachahmlichen Mischung aus verranztem Künstler-Einsiedler und arroganter Stil-Ikone verlieh er seiner Figur, die möglicherweise nicht zufällig ebenfalls Adam hieß, einen unvergleichlichen Charakter - und schärfte als Schauspieler sein außergewöhnliches Profil: als flapsiger, fast boshafter Avantgardist, der unwissend geschmackssicher nicht viel von gesellschaftlicher Konvention oder Rücksichtnahme hält. Und trotzdem oder dennoch von allen geliebt wird.

Er habe die Rolle in "Girls" erst ablehnen wollen, verriet Driver einmal. Ebenso wie die ihn verehrenden Twenty- und Thirtysomethings zwischen Williamsburg und Kreuzberg dachte er nämlich, "Fernsehen sei böse". Gewiss, das war vor dem Serien-Hype, der ihm ironischerweise den Weg geradewegs ins große Kino freimachen sollte. Auf sein markantes Gesicht mit der großen Nase, den abstehenden Ohren und dem frechen Kinn anspielend, behauptete Driver außerdem, er laufe "keine Gefahr, männliche Hauptrollen zu bekommen". Noch, will man ihm entgegnen, und: Dafür erhält er die interessanteren und steht auf den Wunschzetteln der Regie-Legenden ganz oben.

Nach Eastwood kam Steven Spielberg und gab ihm eine Rolle in "Lincoln". Bei dessen Premiere soll unter den Unter-Dreißigjährigen beim Anblick Drivers auf der Leinwand im Saal wissendes Lachen aufgekommen sein. So richtig konnte man sich den "Girls"-Star als ernsthafte, verantwortungsbewusste Figur 2012 noch nicht vorstellen. Bei seiner Zusammenarbeit mit einer weiteren Regiegröße griff er so wieder auf seine bewährten Skills zurück: In Noah Baumbachs Millenials-Generationen-Porträts "Frances Ha" (2013) und "Gefühlt Mitte Zwanzig" (2014). Dass auch die Coen-Brüder von Driver begeistert sind und ihn 2013 in "Inside Llewyn Davis" aufspielen ließen, scheint nur folgerichtig.

Nun, gerade einmal vier Jahre nach seinem Kinodebüt, hat es Adam Driver wohl selbst überrascht, dass er so fix aus den Arthouse- und Serien-Gefilden in die höchsten Hollywood-Höhen katapultiert wurde. Mit seiner Rolle als Kylo Ren in "Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht" (Start: 17. Dezember) wird ihm nicht nur die Ehre zuteil, zur neuen Generation des weltweit wohl legendärsten Hollywood-Epos zu gehören. Passender noch: Adam Driver scheint als Nachfolger Darth Vaders trotz seiner bisherigen Künstlerrollen geradezu prädestiniert. Ja, man könnte gar sagen: In seiner Person kulminiert die inzwischen zur Farce geratene Ironie der Hipsterkultur mit dem märchenhaften Bösen der Traumfabrik zu einer Art dunklem Stadtneurotiker, den man sich immer schon auch mit Lichtschwert vorstellen konnte.

Driver geht auf in dieser Ambivalenz. Deren Ursprung liegt sicher zu großen Teilen in seiner Zeit bei der Army, die er im Grunde nie verlassen hat. Das zeigt sich auch daran, dass der Veteran eine Non-Profit-Organisation namens "Arts in the Armed Forces" gründete, die den Soldaten mit Theaterperformances die schönen Künste ein wenig näher bringen will. Was sich auf den ersten Blick ein wenig zu beißen scheint, gehört für Driver wenigstens der Form nach zusammen. Schließlich sei bereits die unmittelbare Realität der Schauspielkunst mit dem Militärdienst vergleichbar: "Eine Gruppe von Menschen auf begrenztem Raum, die sich demselben Ziel verschrieben haben. Natürlich ist bei der Army das Catering nicht so üppig." Doch um schlechte Essensversorgung muss sich Adam Driver nach "Star Wars" wohl erst einmal keine Sorgen mehr machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst