Coldplay

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Das Leben feiern

Sie gehören längst zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt: 100 Millionen Tonträger haben die Briten Coldplay in ihrer Karriere verkauft. Doch Erfolg ist nicht alles. Zuletzt setzte Sänger Chris Martin die Scheidung von Gwyneth Patrow schwer zu. Nach dem introvertierten Trennungsalbum "Ghost Stories" hat Martin seinen Spirit nun wieder gefunden: Das neue und mittlerweile siebte Coldplay-Album "A Head Full Of Dreams" klingt fröhlich und aufgedreht. Ihr letztes, wie einst angekündigt, scheint es nun doch nicht zu sein.

Im Bild: ein schmächtiger junger Brite. In der Morgendämmerung spazierte er am Strand entlang. Die Haare klatschnass vom Regen, der Wind so stark, dass er ihn fast umpustete. Normalerweise hätte sich niemand groß nach ihm umgedreht. Doch dann fing er an zu singen, mit dieser klaren und makellosen Stimme: "Look at the stars, look how they shine for you / And everything you do, yeah, they were all yellow". Von einem Moment auf den anderen waren Indie-Kids auf der ganzen Welt verliebt. Der Name jenes jungen Mannes: Chris Martin.

15 Jahre sind vergangen, seit er und seine einstigen Studienkollegen Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman mit ihrer Band Coldplay das beschriebene Video zu ihrer Durchbruchssingle "Yellow" veröffentlicht haben. 15 Jahre, in denen Coldplay langsam aber sicher vom Indie-Newcomer zu einer der erfolgreichsten Gruppen der Welt wurden. Mit "A Head Full Of Dreams" erscheint nun ihr mittlerweile siebtes Album. Die Songs sind bunt und fröhlich, aufgedreht und experimentell. Man könnte auch sagen: Coldplay feiern das Leben.

Dabei sah Chris Martins Welt vor gut eineinhalb Jahr noch ganz anders aus. "Depressiv und verwirrt" sei er gewesen, als Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow und er nach zehn Jahren das Ende ihrer Ehe eingestehen mussten. Das Resultat im Mai 2014: "Ghost Stories", ein von Liebeskummer geprägtes, nachdenkliches Album. "Das war eine sehr persönliche Platte, ein Kopfhörer-Album", erklärte Martin. "Ich war in jener Phase nicht so drauf, dass ich gerne der Frontmann sein wollte, der diese Songs präsentiert." Deswegen sei die Band mit dem Album auch nicht auf Tour gegangen.

Martin blieb lieber daheim und leckte seine Wunden. Eines Tages dann gab ein Freund ihm ein paar Bücher. Neben den Memoiren des Psychologen und KZ-Überlebenden Viktor Frankl war darunter ein Gedichtband von Jalal al-Din Rumi, einem der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters. Vor allem das Gedicht "The Guest House", in dem es darum geht, auch dunkle Gedanken zuzulassen, hat Martin bewegt. "Es hat mein Leben verändert", sagte der 38-Jährige dem amerikanischen "Rolling Stone". "Im Grunde sagt das Gedicht aus, dass alles, was dir geschieht, okay ist. Die Idee dahinter ist, zu akzeptieren was passiert, statt davor wegzulaufen - und darauf zu vertrauen, dass die Dinge schon wieder werden."

Kein Wunder, dass das Gedicht nun sogar einen Platz auf "A Head Full Of Dreams" gefunden hat: Das psychedelisch anmutende Instrumentalstück "Kaleidoscop" enthält eine Spoken-Word-Passage mit einem Auszug aus "The Guest House". Und das ist bei Weitem nicht die einzige Überraschung auf dem Album. Das fast sieben Minuten lange "Up & Up" zum Beispiel enthält ein Gitarrensolo von Noel Gallagher und gospelartigen Chören, während "Army Of None" als epische Ballade beginnt und sich mittendrin plötzlich in ein reduziertes Elektro-Pop-Stück verwandelt. Das erklärte Ziel, das Coldplay bei diesem Album hatten: Sie wollten all die Musik vereinen, die sie mögen - von Oasis bis zu Drake.

Um jenem Ziel näher zu kommen, engagierten sie neben ihrem langjährigen Wegbegleiter Rik Simpson das norwegische Produzentenduo Stargate, das unter anderem für seine Arbeit mit Rihanna bekannt ist. Aufgenommen wurde das Album dann in Malibu, Los Angeles und London. "Wir leben mittlerweile auf unterschiedlichen Kontinenten: Einige in England, andere in Amerika", so Gitarrist Jonny Buckland. "Meist machen wir es so, dass wir uns alle drei Monate für ein paar Wochen in England oder Amerika treffen. Das hat wirklich gut funktioniert, weil wir uns jedes Mal wirklich freuen, wenn wir uns wieder sehen."

Zudem holten sich Coldplay tatkräftige Unterstützung ins Studio. Auf keinem vorigen Album der Band war die Gästeliste so lang wie auf diesem. Neben Gallagher luden sie auch die schwedische Sängerin Tove Lo ein. Das R'n'B-Stück "Hymn For The Weekend" derweil ist ein Duett mit Beyoncé - deren Tochter Ivy Blu man dann auch gleich für einen Chor verpflichtete, in dem auch die Kinder von Martin zu hören sind. Ja, und sogar Gwyneth Paltrow singt auf dem Album ein paar Zeilen: in der wunderbaren Ballade "Everglow", die zweifellos der Höhepunkt des Albums ist. "Jeder, den wir gebeten haben, auf unserem Album zu singen, spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben", so Martin. "Was ich versuche in meinem Leben zu lernen, ist der Wert eines jeden Menschen. Auch das geht auf das Gedicht 'The Guest House' zurück."

Chris Martin hat also alle Lieben um sich geschart. Und eins ist ihm dabei am Ende herzlich egal: Was andere von "A Head Full Of Dreams" oder auch von einem Duett mit Beyoncé halten. "Die Leute, die gerne hätten, dass wir eine Rock-Band sind, sind enttäuscht. Aber ich finde eh nicht, dass wir eine Rock-Band sind", sagt er. "Wir fühlen uns damit, dass uns nicht jeder mag, mittlerweile sehr wohl." Was wohl auch damit zu tun hat, dass es sich bei der neuen Platte wohl doch nicht um den Schwanengesang des Quartetts handeln dürfte. Vergangenes Jahr noch mit einer Harry-Potter-Parabel als solches bezeichnet, nach dem Motto "Alles hat ein Ende", ist nun davon nicht mehr die Rede. Es geht erst einmal auf Tour, für die großen Stadien scheint die Platte ohnehin geschrieben zu sein. Und so gut gelaunt gibt es eh keinen Grund für ein Bandende zu geben.

Coldplay auf Tournee:

01.06., Gelsenkirchen, Veltins-Arena

29.06., Berlin, Olympiastadion

01.07., Hamburg, Volksparkstadion

Quelle: teleschau - der mediendienst