Kirschblüten und rote Bohnen

Kirschblüten und rote Bohnen





In der Seelenküche

Im Kochfilm "Kirschblüten und rote Bohnen" der Cannes-Gewinnerin Naomi Kawase treffen zwei einsame Menschen aufeinander: der melancholische Sentaro und die schelmische Tokue. In Sentaros Imbissbude finden sie bei der Zubereitung von Pfannkuchen und Bohnenpaste zu ihrer Zufriedenheit zurück.

Sentaro (Masatoshi Nagase) liebt nicht, was er tut. Jeden Tag backt er in seiner keinen Imbissbude, in der er sich kaum um die eigene Achse drehen kann, auf seiner gusseisernen Herdplatte kleine, dicke Pfannkuchen. Immer zwei Küchlein bestreicht er mit roter, süßer Bohnenpaste und legt sie aufeinander. Dorayaki heißt dieses japanische Gebäck, und die Paste nennt sich An. Ihre Zubereitung dauert Stunden und ist ein Akt der Aufmerksamkeit, der Ehrfurcht, ja der Liebe. Gefühle, die Sentaro abhandengekommen sind. Als die Kirschbaumallee über seine Bude blüht, bewirbt sich eine alte Dame (Kirin Kiki) mit einer Box frischer Paste bei Sentaro. Seine traurigen Augen füllen sich beim Genuss dieser persönlichen Kreation mit Leben. Er stellt die alte Tokue als Aushilfe ein.

Hektische Kameraschwenks durch Großküchen, in denen saftige Steaks brutzeln, meterweise Gerichte auf ihre Ausgabe warten und Köche ihre Belegschaft anbrüllen, gibt es in Kawases Küchenfilm nicht. Die Zubereitung der süßen Bohnenpaste gleicht einer meditativen Übung, und die Kamera kommt dem Kessel, in dem sich die Hülsenfrüchte langsam mit dem Zucker verbinden, so nahe, als würde sie ein Geheimnis ergründen wollen. Tokue beobachtet die Wandlung ihrer Zutaten und fühlt sich ein, wie die Bohnen unter Regen- und Sonnentagen wuchsen. Sie verbindet sich im Kochen mit dem Wandel und Vergehen des Lebens. Ein spiritueller Akt.

Schon immer ist Kochen in Filmen à la "Kiss the Cook" (2015), "Chocolat" (2000) und "Bittersüße Schokolade" (1992) mehr als pragmatische Kulturtechnik: Kochen ist künstlerischer Schaffensprozess, Hexenwerk oder erotische Verführungskunst. Kochen ist eine Sprache, mithilfe derer sich Menschen verständigen und verbinden können. Auch die Außenseiter Tokue und Sentaro finden bei der Zubereitung der An einen Weg aus ihrer Einsamkeit. Doch eines Tages bleibt die Schlange an der Imbissbude aus. Ein Gerücht macht die Runde: Tokues vernarbte und verwachsene Hände seien Zeichen einer Lepra-Erkrankung. Aber Sentaro will die alte Dame nicht entlassen: Seit sie bei ihm arbeitet, kann er wieder lächeln und vergessen, dass er die Bude führen muss, um seine horrende Verschuldung bei den Pächtern abzuarbeiten.

Unfassbar zärtliche Momente hat dieser Film. Einmal bittet Tokue eine Schülerin, die täglich im Imbiss zu Gast ist, das Piepen ihres Kanarienvögelchens nachzuahmen, wenn ihm sein Essen geschmeckt hat. Zu Hause aber muss die Schülerin den glücklichen Vogel zum Schweigen bringen, weil der Nachbar droht, beim Vermieter die verbotene Haustierhaltung anzuzeigen. Wie Puzzleteile ergeben die kleinen Nebengeschichten und fast unmerklichen Zeichen nach und nach ein Ganzes: Die vernarbten Hände Tokues verraten den Schmerz, den sie ihr Leben lang als Verstoßene empfand und in ihre Lebensphilosophie umwandelte. Sentaros kurzes Lächeln verrät das Glück, das Tokue in sein Leben bringt. Die blühenden Kirschbäume über seiner Bude lassen alle auf Neubeginn hoffen. Erinnern sie aber auch an ihre Vergänglichkeit.

Allerdings erschöpfen sich Tokues Naturbeobachtungen, die Bilder wehender Äste und regennasser Gräser irgendwann. Ihre Figur muss die Sehnsucht gestresster Großstädter nach einer "Alles ist einfach"-Religion erfüllen und große Erklärungen liefern. Dabei ist Kawases Film genau in jenen Momenten schön, in denen er sich in uneindeutigen Nebengeschichten verliert.

Quelle: teleschau - der mediendienst