Remember

Remember





Dement, inkontinent, Killer

Bedenke dein Ende, so könnte für den greisen Zev (Christopher Plummer) das Motto seiner letzten Tage lauten. Stattdessen muss er das Ende anderer Menschen bedenken. Zum Beispiel das Ableben des relativ jungen Mannes, der da vor ihm mit offenem Mund und offenen Augen sitzend gegen die Wand lehnt - gezielt getötet von Kugeln aus Zevs Pistole. Die gequälte Miene des Senior-Killers verrät, dass er sich trotz Alzheimer sehr bewusst ist, was er gerade getan hat. Die Sympathie des Publikums ist ihm sicher. Nicht nur wegen der Umstände der Tat, sondern auch, weil sie dem bisweilen arg gebrechlichen Zev überhaupt gelang. Atom Egoyans Senioren-Thriller "Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern" macht mit seinem hochbetagten Hauptdarsteller das Alter zum superben Mitzitter-Faktor.

Rache kennt keinen Ruhestand. Max (Martin Landau) ist Ende 80, Zev fast 90. Sie leben in einem amerikanischen Altersheim. Nach jahrelangen Recherchen glaubt Max, herausgefunden zu haben, wer einst ihre Familienangehörigen ausgelöscht hat, als sie im Vernichtungslager Auschwitz waren: ein gewisser Otto Wallisch, der unter dem Namen Rudy Kurlander nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nordamerika emigrierte. Da Max selbst an den Rollstuhl gefesselt ist, soll Zev die Aufgabe übernehmen, Wallisch aufzuspüren - und zu töten. Zev begibt sich auf eine lange Reise, die ihn quer durch die USA und bis nach Kanada führen wird.

Reichlich Bargeld, Zugtickets, gebuchte Hotelzimmer, Limousinen-Service und Adressen von renommierten Waffengeschäften: Max hat den Rachefeldzug perfekt geplant. Nur kann sich Zev manchmal kaum auf den wackeligen Beinen halten. Geschweige denn, dass er sich immer genau erinnern könnte, was er als nächstes zu tun hat. Außerdem ist sein Ausbüchsen aus dem Altersheim seinem erwachsenen Sohn Charles (Henry Czerny) gemeldet worden, der nach ihm zu suchen beginnt. Zev entdeckt indes irritiert, dass es nicht nur alte Nazis gibt. Und wer verkörpert den gesuchten von mehreren Rudy Kurlandern, auf die Zev stößt - Bruno Ganz oder Jürgen Prochnow?

Atom Egoyan, kanadischer Filmemacher mit armenischen Wurzeln, ist dafür bekannt, dass er sich den großen Gefühlen zuwendet. In Cannes gewann er den großen Preis der Jury für das Drama "Das süße Jenseits" (1997). Darin ließ sich ein ganzes Dorf aus Schmerz und Zorn über den Verlust fast aller seiner Kinder bei einem tragischen Busunglück von einem gierigen Anwalt zu einer teuren gerichtlichen Klage verleiten. Somit wäre zu erwarten, dass sich Egoyan in "Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern" moralischen Problemen der Rache widmet. Doch dieser Film ist bescheidener. Er beschränkt sich darauf, Spannungs-Maßstäbe neu zu definieren - und das gelingt ihm sehr gut.

"Ruth? Ruth?!" ruft Zev aus. In einer Kleinstadt glaubt er, seine Frau zu sehen. Er hat vergessen, dass sie verstorben ist. Unüberlegt überquert er die Straße und gerät in Lebensgefahr. In "Remember" genügt eine unübersichtliche Kreuzung, um den Zuschauer mit dem Helden bangen zu lassen. Abnehmende körperliche und geistige Fähigkeiten, Inkontinenz und Gedächtnisverlust, jede kleine Anstrengung für Zev wird zum Adrenalintreiber. Zev mit Pistole im Anschlag ist dann kaum noch auszuhalten. Ethische Fragen zur Vergeltung, die allerdings tatsächlich zu kurz kommen, drängen sich erst nach dem Film auf. Wer um Zev fürchtet, wird den Showdown in seiner ganzen brutalen Absurdität empfinden. Die Auflösung von Anfang an geahnt zu haben, ändert daran nichts.

Quelle: teleschau - der mediendienst