Die Vorsehung

Die Vorsehung





Wenn Blumenstengel Visionen auslösen

Ob er okay sei? "Ich bin okay", gibt der Psychologe Dr. John Clancy (Anthony Hopkins) stets auf die oft gestellte Frage zurück. Und lügt damit ein bisschen. Denn wenn er jemanden berührt, hat er unter Umständen Visionen von den schrecklichen Dingen, die der anderen Person zustoßen. Und wirkt dabei wie entrückt. Ihm geht's gut - dem Gegenüber aber vielleicht bald nicht mehr. Dass der Mystery-Thriller "Die Vorsehung" neben Clancy sogar noch mehr Hellseher bietet, ist einerseits visuell vielversprechend. Andererseits birgt es das Risiko, das Erhabene des Übersinnlichen mit dem Lächerlichen zu verwechseln oder zu überstrapazieren. Die thematisierte ethische Abwägung, ob Töten gerechtfertigt ist, wenn es Leid erspart, erscheint vor diesem Hintergrund müßig.

Ein rascher, tiefer Stich in den Nacken, der sofort zum Tode führt - immer wieder stoßen FBI-Agent Joe Merriweather (Jeffrey Dean Morgan) und seine Kollegin Katherine Cowles (Abbie Cornish) auf Opfer, die auf diese Art ermordet wurden. Beim letzten Mal liegen noch ein paar seltsam klingende, mit der Schreibmaschine getippte Zeilen dabei. Die Beamten gehen von einem Serienkiller aus. Doch nach welchem Muster er seine Opfer auswählt, ist ihnen schleierhaft.

Nur widerstrebend können sie Dr. Clancy zur Unterstützung bewegen, der nach dem Krebstod seiner Tochter und dem Zerwürfnis mit seiner Frau wie ein Einsiedler lebt. Nicht zuletzt dank seiner übernatürlichen Sehergabe erkennt er, dass bei allen Opfern der Ausbruch einer tödlichen Krankheit bevorstand. Doch Clancy ist nicht der einzige Seher: Auch der Täter besitzt jene übernatürliche Fähigkeit. Man nimmt Kontakt auf. Bei einem persönlichen Treffen kostet der Schuldige Charles Ambrose (Colin Farrell) genüsslich aus, dass er mehr sieht als der alte Doktor, macht aber auch auf sein hehres Motiv für die Taten aufmerksam.

Wie gesagt: Hellseher taugen für einen Film ebenso als Segen wie Fluch. Eine Bahnstation, ein neonrotes Kreuz in der Dunkelheit, davor Charles Ambrose in einer herausfordernden Haltung - mit dieser bisweilen variierten Bilderkaskade aus Dr. Clancys Kopf darf Regisseur Afonso Poyart immer wieder aufwarten, ohne dass daran Anstoß zu nehmen wäre. Ebenso kann jemand direkt von einer Kugel in die Stirn getroffen werden und im nächsten Bild dennoch leben - es war eben nur eine Vision! So lässt sich jeder Einfall zweimal verwerten.

Anthony Hopkins inszeniert außer seinem Silberhaar eine sehr feine Artikulation, wenn seine inneren Vorstellungen mal nicht plastisch werden, sondern als kunstvoller Wortschwall über die Lippen strömen. Wenn er jedoch bei Berührung auch aus Blumenstengeln ohne Blütenkopf Info-Bilder holen kann, wird's doch einigermaßen parodistisch.

Ab wann schadet das Hellsehen dem Thriller? Oder dessen Fehlen? Warum weiß Dr. Clancy nicht im Vorhinein, dass gleich bei einer Routinekontrolle ein Polizist erschossen wird? Und warum kennt Ambrose die Zukunft und muss sie doch inszenieren? Indem Hellsehen alles und doch nicht genug erlaubt, gerät "Die Vorsehung" untragbar unglaubwürdig. Das Bekenntnis des Täters, mit dem Wissen um das grausame Leiden nicht mehr fertig zu werden und deshalb die Todeskandidaten erlösen zu wollen, soll von solchen Fragen ablenken, tut es aber nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst