Die Melodie des Meeres

Die Melodie des Meeres





Im Rausch der Bilder

Wer für "Die Melodie des Meeres" künstlerisch Pate stand? Offensichtlich: der japanische Regisseur Hayao Miyazaki, der mit "Chihiros Reise ins Zauberland" (2002) ein Stück Filmgeschichte schrieb. Immerhin wurde der Film mit dem Oscar gekrönt. So mystisch und fantasiereich wie die Geschichten von Miyazaki ist auch "Die Melodie des Meeres", wobei die Story hier um Figuren aus der irischen Mythologie kreist. Für die Qualität dieses Kinderfilms, der mit seinem keltischen Bilderreigen auch ältere Semester begeistern dürfte, sprechen neben dem verliehenen Europäischen Filmpreis auch die Oscarnominierung 2015 als bester animierter Spielfilm.

Im Grunde ist es eine traurige Geschichte: Der zehnjährige Ben hat seine Mutter verloren. Und zwar bei der Geburt seiner kleinen, enigmatischen Schwester Saoirse, die mit sechs Jahren noch immer kein Wort von sich gibt. Auch der Vater der beiden hat den Verlust seiner Frau nicht gut überstanden. Zu dritt lebt die zerbröckelnde Familie im Leuchtturm auf einer kleinen irischen Insel und versucht, den Alltag so gut wie möglich zu meistern. Weil sie mit der Entwicklung ihrer Enkel unzufrieden ist, nimmt die resolute Großmutter aus der Stadt die Kinder zu sich.

Doch bereits in der ersten Nacht machen sich die Geschwister heimlich auf den Weg zurück nach Hause. Denn die kleine Saoirse kann dem Ruf der Robben nicht widerstehen. Warum, das wird sie im Laufe des Films erst noch herausfinden. Doch zuvor müssen die Kids einige Abenteuer bestehen: Es gilt, die Welt der Feen zu retten, auch um die Wahrheit über sich selbst zu erfahren.

Inhaltlich knüpft "Die Melodie des Meeres" eine Brücke zwischen zwei konträren Welten - zwischen Meer und Land. Die kleine Saoirse wandelt zwischen diesen beiden Sphären, wie einst ihre Mutter. Mit viel Fantasie und einer überaus kunstvollen Bildsprache entführt Regisseur Moore ("Das Geheimnis von Kells", 2009) in eine faszinierende, bildgewaltige Wasser- und Unterwasserwelt, die jede dagewesene Vorstellung sprengt.

Moore hat dafür nämlich einen eigenständigen, an ein Bilderbuch erinnernden Look geschaffen und beschwört so einen mythischen Kosmos, in dem Feenwesen und andere zauberhafte, nie gesehene Gestalten einer alten keltischen Erzählung leben, die in Vergessenheit zu geraten droht. Insofern geht es in "Die Melodie des Meeres" über die berührende, emotionale Familiengeschichte hinaus auch um Rückbesinnung. Um die Suche nach sich selbst und die Rückkehr zu den eigenen Werten, zur eigenen Geschichte im Kontext der identitätsstiftenden Kultur. Mit dem Trickfilm ist dem irischen Regisseur ein Stück gelungen, das folkloristisch im besten Sinne ist. Und kein Kitsch, nirgends.

Quelle: teleschau - der mediendienst