Ich bin dann mal weg

Ich bin dann mal weg





Pilgern für Anfänger

Bekannter deutscher Comedian pilgert knapp 800 Kilometer auf dem spanischen Jakobsweg, sucht sich selbst (und ein bisschen Gott) und trifft unterwegs mal nervige, mal amüsante bis interessante Mitreisende. Klingt nicht besonders sexy, ist aber kurz gefasst der Plot des größten bundesdeutschen Sachbucherfolgs überhaupt. Fünf Millionen Mal wurde Hape Kerkelings Selbstfindungstrip "Ich bin dann mal weg" seit seinem Erscheinen 2006 verkauft. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Großproduzent wie Nico Hofmann des Stoffs annehmen und ihn verfilmen würde. Jetzt liegt das Ergebnis vor. Und wir reiben uns verwundert die Augen.

Das Buch ist ein Phänomen, der Film ein halbwegs cleverer Marketingcoup. Pünktlich zum Weihnachtsfest startet das Werk von Julia von Heinz mit Devid Striesow in der Hauptrolle in den Kinos. Nach dem Adventsstress darf es auf der Leinwand 100 Minuten lang ein wenig besinnlich werden - das ist das Kalkül. Hape Kerkelings Pilgerreise ist dafür der ideale Stoff. Das Buch trifft den Nerv unseres säkularen Zeitalters, beschreibt es doch das Unbehagen an einer Welt, der die religiösen Gewissheiten abhanden gekommen sind.

Kerkeling zeigt sich in seinem Buch als Sinnsucher, als Mensch mit einer großen Sehnsucht nach Spiritualität und einem gesunden Misstrauen gegenüber institutionalisierter Religion. Der Erfolg von "Ich bin dann mal weg" beruht aber wohl in erster Linie darauf, dass sich Kerkeling mit Witz und Selbstironie vor dem Leser entblättert, eigene Unzulänglichkeiten ebenso pointiert beschreibt wie seine spirituellen Erlebnisse auf dem Pilgerweg von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela.

Als Buch funktioniert das wunderbar, in der Filmfassung leider überhaupt nicht. Das hat Gründe. Der wichtigste: Im Buch gibt es keine Dramaturgie. Es braucht keine. "Ich bin dann mal weg" ist in Tagebuchform geschrieben. Kerkeling skizziert und räsoniert, er meditiert über Erlebnisse auf der Reise und was sie in ihm innerlich auslösen. Äußerlich passiert in "Ich bin dann mal weg" wenig. Das ist für einen Film natürlich tödlich. Gleich drei Drehbuchautoren haben die Vorlage deshalb umgeschrieben. Sie haben gerafft, gestrafft und aus der Vielzahl der im Buch vorkommenden Personen zwei Charaktere destilliert, die Hape auf dem Weg begleiten: Stella (Martina Gedeck) pilgert in Gedenken an ihre Tochter, mit der sie vor Jahren auf dem Jakobsweg unterwegs war. Die Tochter hatte Krebs, musste die Reise abbrechen und starb kurz darauf. Stella stürzte in eine tiefe Lebenskrise, verlässt ihren Mann und nutzt die Pilgerreise für sexuelle Abenteuer.

Während Martina Gedeck Stella eine gewisse Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen kann, hat Karoline Schuch die undankbare Aufgabe, einen komplett ausgedacht wirkenden Charakter spielen zu müssen. Lena ist als Journalistin auf dem Jakobsweg unterwegs, soll darüber eine Reportage schreiben. Die junge Frau muss sich immer wieder sexueller Avancen männlicher Mitpilger erwehren, bis sie von Stella und Hape unter die Fittiche genommen wird. Gemeinsam pilgern sie die letzten Etappen. Kurz vor ihrem Ziel Santiago de Compostela machen sie in einem traumhaft gelegenen Landhaus Station. In weinseliger Stimmung entwickelt sich eine philosophische Diskussion, in der die drei Pilger den anderen ihre Ängste, Träume und Sehnsüchte verraten.

Wer Kerkelings Buch nicht gelesen hat, wird sich nach dem Film mit einiger Sicherheit fragen, wie "Ich bin dann mal weg" zu einem überragenden Erfolg werden konnte. Das liegt vor allem an der biederen Inszenierung - angefangen bei der langatmigen Exposition, die redundant Kerkelings Motivation für die Pilgerreise ausbreitet, bis hin zum schwülstigen Finale in Santiago de Compostela. Gelungen sind immerhin die in die Geschichte verwobenen Rückblenden in Kerkelings Jugend (mit Katharina Thalbach als patenter, wunderbar schnoddriger Großmutter), die den jungen Hape als frühreifen Gottsucher zeigen, der den Pfarrer in der Firmvorbereitung mit religiösen Fragen löchert.

Vom Geist der Vorlage ist trotz des wie so oft großartigen Devid Striesow kaum etwas geblieben. Szenen, die den Leser des Buches berühren, kommen in der Verfilmung komplett unvermittelt. Jeder Pilger werde auf dem Weg mindestens einmal weinen, wird Hape Kerkeling zu Beginn der Reise vorhergesagt. Mitten in den kastilischen Weinbergen ist es dann soweit. Hape kullern Tränen über die Wangen. Was im Buch wunderbar beschrieben und erklärt wird, zeigt im Film kaum Wirkung. Kerkeling glaubt, in diesem Moment mit Gott verbunden zu sein. "Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann", schreibt Kerkeling. Der Film transportiert diesen Moment nicht, löst im Zuschauer nichts aus. Das Buch lässt vieles in der Schwebe, die Verfilmung dagegen ist bestrebt, alles zu zeigen. Und verfehlt damit komplett die spirituelle Dimension der Vorlage.

Quelle: teleschau - der mediendienst