Alex Diehl

Alex Diehl





"Genug geredet, du musst was tun!"

"Aus Angst wird Hass, aus Hass wird Krieg, bis die Menschlichkeit am Boden liegt", singt Alex Diehl (28) in seinem Hit "Nur ein Lied". Das Werk des bayerischen Singer/Songwriters ist eine direkte Reaktion auf die verheerenden Anschläge in Paris vom 13. November. Diehl hat den zugehörigen Clip auf Facebook hochgeladen und mit dem schlichten, schwarz-weiß gehaltenen Handyvideo innerhalb von kürzester Zeit Menschen weltweit berührt - über sechs Millionen Klicks zählt "Nur ein Lied" inzwischen. Im Interview spricht der Musiker über seinen plötzlichen Ruhm, rechte Auswüchse wie Pegida und der Forderung, er möge beim ESC für den geschassten Xavier Naidoo einspringen.

teleschau: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Knall während des Länderspiels Frankreich-Deutschland im Fernsehen hörten?

Alex Diehl: Mir war sofort klar, dass da was nicht stimmt. Ich schnappte mir mein Smartphone und aktualisierte immer wieder die News-Seiten. Erst hieß es, es sei eine Schießerei, dann war von einer Geiselnahme und schließlich von einem Bombenanschlag die Rede. Aber das Schlimmste an dieser Katastrophe ist für mich, dass sie von der Politik missbraucht wird, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen.

teleschau: Was sind die Lehren, die wir aus den Anschlägen von Paris ziehen sollten?

Diehl: Wir müssen alles hinterfragen und dürfen uns nicht von der Politik abspeisen lassen. Das Beste, was wir tun können, ist die Opfer von Paris in Erinnerung zu behalten - ihr Tod soll nicht umsonst gewesen sein! Es ist meiner Meinung nach total falsch, jetzt mit Gewalt und Krieg zu reagieren. Dieses ewige "Du tötest 100 von mir, ich töte 1.000 von dir" muss endlich aufhören. Wir müssen akzeptieren, dass es andere Kulturen jenseits unserer vermeintlich zivilisierten westlichen Welt gibt. Nur weil wir mit Messer und Gabel essen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir nicht auch blind drauflos ballern und selbst zu Kriegstreibern werden können.

teleschau: "Nur ein Lied" schrieben Sie innerhalb von zehn Minuten. Wie stellten Sie das an?

Diehl: Ich habe bereits vor den Bombenanschlägen von Paris online gegen Hasspostings gekämpft. Als dann diese Katastrophe passiert ist, war mir klar: Genug geredet, du musst was tun! Also tat ich, was ich immer tue, wenn etwas meine Seele verstopft. Ich schrieb ein Lied und beschloss nach zwei Tagen, es online zu stellen. Normalerweise erreichen meine Videos etwa 2.000 Menschen nach 14 Tagen. Doch dieses Mal war alles anders. Gleich am nächsten Morgen sah ich auf Facebook, dass mein Song sehr viel Zuspruch erhält.

teleschau: Kann Musik wirklich helfen, dieses Trauma zu verarbeiten?

Diehl: Ja, denn die Menschen brauchen einen Ort, an dem sie sich aufgehoben und verstanden fühlen. Musik kann diesen Ort bieten, während die Politik und auch die Religionen meist nur mit Regeln und Gewalt drohen. Songs wie "Nur ein Lied" oder auch Enyas "Only Time" nach den Anschlägen vom 11. September können dazu beitragen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Durch die vielen positiven Reaktionen auf meinen Song habe ich die Hoffnung gewonnen, dass viele Menschen keine Lust auf Hetze und Krieg haben.

teleschau: Was denken Sie über die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa?

Diehl: Die Flüchtlingskrise hat uns vor Augen geführt, dass es eine Welt außerhalb Deutschlands gibt und dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Was wir in Paris erlebt haben, kennen viele Flüchtlinge aus ihrem grausamen Alltag. Da denke ich mir: Keinem von uns würde es schaden, die fünfte Scheibe Salami vom Brot zu nehmen. Jeder kann etwas tun, um die Geflüchteten zu unterstützen.

teleschau: Was halten Sie von neuen rechtspopulistischen Gruppierungen wie Pegida und der AfD?

Diehl: Als ich den AfD-Mann Björn Höcke in der Talkshow von Günther Jauch gesehen habe, lief es mir kalt den Rücken runter. Ich dachte nur: "Haben wir denn nichts gelernt?" Diese Zeile kommt ja auch in meinem Song vor. Rechte Auswüchse wie Pegida und die AfD nutzen die fehlende Transparenz der Politik, um Stimmung zu machen und auf Wählerfang zu gehen. Wahre Alternativen können sie aber nicht bieten. Wenn man die Leute in Dresden fragt, warum sie bei Pegida mitmarschieren, können die meisten gar keine Antwort geben. Es gibt einfach viele, die sich benachteiligt fühlen. Ich kann das verstehen, ich bin ja schließlich auch nur ein kleiner Musiker. Aber ich zeige nicht auf andere.

teleschau: Was sagen Sie als Bayer zur Flüchtlingspolitik der CSU?

Diehl: Ich war schon als Jugendlicher politisch interessiert, und wer mich kennt, der weiß ganz genau, dass ich kein Fan der CSU bin. Transitzonen und Grenzzäune halte ich für den falschen Weg.

teleschau: Fühlen Sie sich denn in Deutschland noch sicher?

Diehl: Ja. Ich habe auch keine Angst vor Anschlägen bei meinen Konzerten. Ansonsten würde ich genau das zulassen, was ich in meinem Lied anprangere. Aber beim Schreiben des Songs hatte ich schon Angst - nicht vor Anschlägen, sondern davor, dass die Stimmung in unserem Land kippt. Dass wir Deutschen die neuen Terroristen werden.

teleschau: Ihre Musik spendet vielen Menschen Trost. Haben Sie einen Song, der eine ähnliche Funktion für Sie hat?

Diehl: Alles von Coldplay aus den Jahren 2003 bis 2006. "Fix You", "Trouble" und "The Scientist" sind einfach großartige, handgemachte Songs, die mich stark prägten. Auch ich bin als Musiker analog unterwegs, spiele Klavier und Gitarre.

teleschau: Die Einnahmen aus "Nur ein Lied" spenden Sie komplett an "Save the Children". Warum gerade an diese Hilfsorganisation?

Diehl: "Save the Children" leistet seit 100 Jahren großartige Arbeit - und das ganz ohne Skandale! Die Organisation setzt sich unter anderem für Kriegswaisen in Syrien ein. Wenn ich also mit meinem Lied nicht nur Hoffnung geben, sondern wirklich etwas verändern kann, bin ich mehr als glücklich.

teleschau: Sie stehen gerade im Studio, um Ihr Album aufzunehmen. Wovon handeln Ihre Songs?

Diehl: Es geht um alles, was den Menschen ausmacht - mal himmelhoch jauchzend, mal höllisch traurig. Es wird kein seichtes Pop-Album, das man mal eben zwischen Rihanna und Ellie Goulding einsortieren kann. Meine Songs sind melancholisch und erzählen Geschichten, die mir wirklich passiert sind.

teleschau: Es gibt den Vorschlag, dass Sie statt des geschassten Xavier Nadioo für Deutschland beim Eurovision Song Contest antreten sollen. Wäre das etwas für Sie?

Diehl: Das habe ich gerade erst erfahren! Ich wäre sofort dabei, wenn die ARD einen dicken Bayern mit schütterem Haar zum ESC schicken möchte! Aber ganz egal, wer nächstes Jahr nach Stockholm fährt, es sollte jemand sein, der eine Message hat. Schließlich gab es doch vor über 30 Jahren schon mal eine gewisse Sängerin mit weißer Gitarre, die für "Ein bisschen Frieden" gekämpft hat ...

teleschau: Was denken Sie über die Entscheidung der ARD, die Nominierung von Xavier Naidoo zurückzuziehen?

Diehl: Ich finde es schade, wie das gelaufen ist. Ich lernte Xavier Naidoo schon persönlich kennen und spielte als Vorband für ihn. Er scheint mir ein neugieriger Mensch zu sein, der aber vielleicht nicht immer angepasst ist. Die Aussagen, die ihm nun vorgeworfen werden, kenne ich so nicht. Aber ich denke schon, dass Xavier jemand ist, der für den Frieden eintritt. Und das ist wichtig in Zeiten wie diesen.

Quelle: teleschau - der mediendienst