Silbermond

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Die gute Band

Silbermond gelten als "ehrliche Haut" unter den deutschen Charts-Schwergewichten. Die Band aus der sächsischen Provinz spielt seit Schülertagen zusammen, man sieht sich als traditionelle Künstlergemeinschaft und pflegt einen authentischen Umgang mit Fans sowie der Öffentlichkeit. Bestes Beispiel hierfür: das sympathische Wirken der mütterlichen Sängerin Stefanie Kloß in der Jury der immer noch famosen Sangesshow "The Voice of Germany". Jedoch brannte hinter den Kulissen der Band nach vier Alben wohl der Baum. Silbermond standen kurz vor der Auflösung. Über die komplexen Gründe dafür und den Weg des Neuanfangs "outen" sich zum Erscheinen des neuen Albums "Leichtes Gepäck" Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak.

teleschau: Was ist leichtes Gepäck?

Stefanie Kloß: Im Moment ist es vor allem unsere fünfte Platte, deshalb lässt sich diese an sich schwierige Frage gerade ziemlich konkret beantworten (lacht). Natürlich steht es uns allen gut zu Gesicht, darüber nachzudenken, wie man Ballast abwerfen kann. Herauszufinden, was man wirklich im Leben braucht. Ein guter Anfang wäre, sich einfach mal hinzusetzen und darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. So machten wir es auch als Band. Die letzten zehn Jahre vergingen für uns wie im Flug. Und dabei hat sich einiges an Ballast angesammelt, den wir dringend loswerden mussten.

teleschau: Welcher Ballast war das?

Kloß: Als wir 2004 gleich mit dem ersten Album großen Erfolg hatten, waren wir logischerweise total euphorisch. Wir waren 19, 20 und wollten erst mal alles dafür tun, um diesen Erfolg zu rechtfertigen. Damit wuchs über die Jahre aber auch der Druck auf uns selbst. Das ging nicht alles spurlos an uns vorbei. So etwas merkt man allerdings nicht sofort, sondern erst mit den Jahren. Ich hatte das Gefühl, dass wir dringend aus unserem Leben das Tempo herausnehmen, dass wir die Pausentaste drücken müssen.

teleschau: Woran merkten Sie konkret, dass es sich nicht mehr gut anfühlt?

Andreas Nowak: Die Leichtigkeit ist uns abhandengekommen. Wir fühlten uns unsicher, wurden ängstlicher. Das wirkte sich leider auch auf die Musik aus. Wir waren an einem Punkt, an dem niemand wusste, ob wir noch mal ein Album zusammen machen würden.

teleschau: Silbermond hatten doch, zumindest von außen betrachtet, nie eine Krise?!

Kloß: Am meisten zählt immer der Anspruch, den man an sich selbst hat. Mit dem dritten Album besitzt man nicht mehr den Status einer Newcomer-Band. Plötzlich gucken sehr viele Leute, was man da macht. Und die gucken dann auch sehr genau. Als etablierte und erfolgreiche Band muss man gefühlt mehr leisten, als eine junge Band. Wir reagierten darauf leider irgendwann ein bisschen ängstlich. Wir trauten uns weniger. Das mussten wir dringend ändern.

teleschau: Ist es der Fluch des Besitzes, dass man desto ängstlicher wird, je mehr man sein Eigen nennt?

Kloß: Ja, das ist leider so. Am Anfang hat man nichts zu verlieren. Je mehr man dann gewinnt, desto größer wird die Angst, dass es wieder abhandenkommt. Wir mussten aber erst mal erkennen, dass wir als Band in diese Falle getappt waren. Wir wurden verbissen, schotteten uns ab, verloren uns in tausend Aufgaben. Obwohl die Band größer geworden war, wollten wir uns um fast alles persönlich kümmern. Irgendwann war der Rucksack dann tatsächlich sehr voll. Wir standen da, alle mittlerweile 30 Jahre alt, und mussten feststellen: "Mensch, wir sind doch eigentlich Musiker. Warum beschäftigen wir uns kaum noch mit Musik?"

teleschau: Wie bekamen Sie diese Krise in den Griff?

Nowak: Wir machten wieder viel mehr Musik. Und das meiste Drumherum, die geschäftlichen Sachen, die überließen wir anderen Leuten. Das war schon mal eine sehr kluge Entscheidung - im Sinne der Musik.

Kloß: Wir wechselten zum ersten Mal nach zehn Jahren den Produzenten, weil wir in der alten Konstellation zu eingefahren waren. Wir brauchten dringend frischen Wind, arbeiteten mit viel mehr Leuten zusammen. Zum Beispiel fanden wir Gefallen an Poetry-Slams. Da waren wir in Berlin auf vielen Veranstaltungen und saßen mit Künstlern, die das machen, zusammen, um über Tricks und Kniffe beim Texten zu reden. Wir probierten insgesamt wieder viel mehr aus und das fühlte sich sehr gut an.

teleschau: Gerade die ersten drei Songs fassen für sie ungewohnte, erwachsene und komplexe Themen an: "Die Mutigen", "Leichtes Gepäck" und "B96". Ist Letzteres so eine Art Heimatlied?

Kloß: Ja, kann man so sagen. Die B96 ist eine Straße, die von meinem Dorf bei Bautzen direkt nach Berlin führt. Das Lied handelt von den schönen, aber auch den schwierigen Gefühlen, die man hat, wenn man wieder in die alte Heimat zurückkommt. Meine Eltern ließen sich früh scheiden, und wir zogen weg aus dem Dorf. Mein Vater starb dann auch relativ früh. Das sind alles Erinnerungen, die hochkommen, wenn ich dort hinfahre. Meine Schwester wohnt heute in dem Haus, in dem wir aufgewachsen sind. Sie hat dort eine neue Familie gegründet. Wenn ich dort hinkomme, wird mir irgendwie dieser Kreislauf bewusst, in dem sich das Leben abspielt.

teleschau: Und das ist eher ein gutes oder ein bedrückendes Gefühl?

Kloß: Beides. Es ist ambivalent. Und sehr stark. Das habe ich ja versucht, in dem Lied auszudrücken. Ich fahre sehr gerne zu meiner Schwester, aber ich könnte nicht in mein altes Dorf zurückziehen. Die Erinnerungen wären zu krass für mich. Und natürlich würde ich mich da auch zu beobachtet fühlen. Es ist eine Gegend, in der man auch mal länger am Gartenzaun steht und guckt, sollte da ein Auto vorbeifahren, das man nicht kennt (lacht).

teleschau: Kommen wir noch mal zum "leichten Gepäck" zurück. Was kann man im Leben tun, damit der eigene Rucksack nicht zu schwer wird?

Nowak: Wer die Fähigkeit entwickelt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, hat schon mal ganz viel geschafft. Wenn du dir bei allem, was du tust, die Frage stellst, ob es dich in deiner Persönlichkeit, in deinem Wohlbefinden bereichert, bist du gut unterwegs. Meistens sind es nicht die materiellen Dinge, die das leisten.

Kloß: Es klingt total mädchenmäßig, aber mir tut es tatsächlich gut, ab und zu mal den Kleiderschrank auszumisten. Ich habe neulich eine Riesentasche mit Kleidern weggegeben und mich danach einfach gut gefühlt. Oder ich habe Geburtstag gefeiert und bat die Leute, mir nichts zu schenken, außer ihre Zeit. Materiell kann ich mir alle Wünsche, die ich habe, selbst erfüllen. Sich aber gegenseitig Zeit zu schenken, wird im heutigen Leben immer seltener. Man sollte diese Aufgabe bewusst angehen, finde ich, denn es lohnt sich extrem.

teleschau: Was ist bereichernd am Erfolg und was ist weniger schön?

Nowak: Wir haben durch die Band viele Freunde gefunden. Wir sind ja Landeier, beziehungsweise aus Bautzen, einer kleinen Stadt. Die Band hat es uns ermöglicht zu reisen und viele tolle Menschen kennenzulernen.

teleschau: Aber das könnte man auch als Rucksacktourist erleben. Dafür bräuchte man den Erfolg nicht, oder?

Kloß: Als Musiker unterwegs zu sein, ist schon etwas anderes. Wenn man sieht, dass einen die Leute sehen wollen, dass sie in irgendeiner fremden Stadt extra zum Konzert gekommen sind, um deine Lieder zu hören - das empfinde ich schon als sehr bereichernd.

teleschau: Und dieses gute Gefühl ist nun wieder da?

Kloß: Ja. Es gelang uns, sich durch eine Phase zu kämpfen, in der wir tatsächlich nicht mehr wussten, ob es ein nächstes "Silbermond"-Album geben würde. Und dabei spielten sicher keine materiellen Gründe eine Rolle. Es ging rein darum, ob wir vier es schaffen würden, wieder eine Band zu werden. Dazu gehörte auch, dass jeder von uns neue Sachen außerhalb der Band machtet. Dass wir uns gegenseitig und auch selbst erlaubt hatten, andere Dinge zu tun und alten Träumen nachzugehen.

teleschau: War es da nicht schwierig für Sie, dass sie mit einem Bandmitglied auch privat liiert sind?

Kloß: Ja und nein. Es war auf der einen Seite gut, dass es eine vertraute Person gab, die das alles teilt. Da muss man abends nicht erklären, was jetzt heute wieder los war. Man weiß einfach, warum der andere so drauf ist, wie er drauf ist. Mein Freund und ich kennen uns, seit wir 14 sind. Da sind viele Dinge einfach selbstverständlich. Unsere Beziehung kam aber ja erst viel, viel später. Und das ist auch gut so!

teleschau: Welche neuen Dinge außerhalb der uralten Bandgemeinschaft aus Teenie-Tagen probierten Sie aus?

Kloß: Ach, das waren ganz unterschiedliche Sachen. Nowi (Schlagzeuger Andreas Nowak. Anm. d. R.) wollte zum Beispiel endlich mehr fotografieren. Er brachte ja dann auch ein Fotobuch heraus. Ich wollte rausgehen und mal mit anderen Leuten arbeiten. Diese Chance habe ich bei "The Voice of Germany". Ich wollte wissen, ob mir das Spaß macht, wenn ich mich dort mit den Talenten beschäftige. Die Band bestärkte mich, das auszuprobieren.

teleschau: Bereichterte Sie die Arbeit dort persönlich?

Kloß: Ich empfinde die Show als spannende Angelegenheit. Natürlich ist es ein ganz anderer Kosmos, als mit meiner Band zu arbeiten. Es geht aber tatsächlich um Musik - und das finde ich toll. Die Show ist kein Fake. Ich bin beim Vocal-Coaching sehr nah an den Talenten dran und kann wirklich mit ihnen arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich sie auf dem Weg begleiten kann und dass diese Menschen, egal, wie weit sie kommen in der Show, nach Hause gehen und sagen: "Hey, das hat mir wirklich etwas gebracht."

Quelle: teleschau - der mediendienst