Moritz A. Sachs

Moritz A. Sachs





"Klausi" forever

"Helga Beimer kehrt vom Einkauf zurück. Ihr kleiner Sohn Klausi liegt mit Masern krank im Bett und langweilt sich. Viel lieber wäre er jetzt in der Schule." Klingt reichlich banal. Aber für Moritz A. Sachs haben diese drei Drehbuchsätze die Weichen für sein ganzes Leben gestellt. Mit sieben Jahren hatte er seinen ersten Auftritt in der ersten Folge des TV-Kults "Lindenstraße" - und ist bis heute dabei. Nach 30 Jahren ist er für viele Zuschauer mit der Rolle des Klaus Beimer regelrecht verwachsen, eine "richtige" Schauspielkarriere mit verschiedenen Rollen blieb ihm verwehrt. Für Sachs, der auch in der live gespielten und gesendeten Jubiläumsfolge am Sonntag, 6. Dezember, 18.50 Uhr, im Ersten, mit von der Partie ist, kein Problem - im Interview verrät der entspannte Kölner, warum.

teleschau: Sie haben mal gesagt, "Ich werde noch mit 60 Jahren der Klausi sein". Finden Sie das schön, oder hadern Sie damit?

Moritz A. Sachs: Das ist völlig okay. Das wusste ich nicht, als ich mit sieben anfing, aber schon mit 15, 16 war klar, dass diese Rolle jede Schauspielkarriere immer wieder überlagern wird. Aber im Grunde ist das ein gutes Zeichen, das heißt, dass ich meine Sache gut mache und die Leute mich mögen. Und wer weiß? Vielleicht werde ich den Klaus ja auch wirklich noch mit 60 spielen. (lacht)

teleschau: Wobei sie mit sieben Jahren noch nicht selbst über den Einstieg entschieden haben. Haben Ihre Eltern sich damit schwergetan?

Sachs: Wir haben das sehr häufig diskutiert, schon zu Beginn und dann in stoischer Regelmäßigkeit, bis ich 18 war. Es wäre ja immer möglich gewesen zu gehen. Wir hatten auch Kinderschauspieler, die als Teenager einfach keine Lust mehr hatten.

teleschau: Ihr von Christian Kahrmann gespielter Filmbruder Benny ist nicht mehr da.

Sachs: Ja, mit 24 oder 25 haben sie ihn sterben lassen.

teleschau: War das ein harter Abschied oder ein ganz normaler Kollege, der vom Set verschwindet?

Sachs: Das ging ganz gut, da wir ja einen gewissen Altersunterschied hatten. Wenn sechs Jahre dazwischenliegen, hat man nicht so viel miteinander zu tun - nicht mal wirkliche Geschwister. Bei Gleichaltrigen oder Kollegen, mit denen ich sehr viel gedreht habe, war es schon schwieriger, aber auch da gewöhnt man sich mit den Jahren ans Kommen und Gehen.

teleschau: Standen Sie auch schon mal kurz vor dem Absprung?

Sachs: Die Filmfigur ja, mit neun Jahren. Da wollte man erzählen, dass Mutter Beimer ein Kind verliert. Aber das hat sich dann kurzfristig zerschlagen. Und danach kam das Thema nie wieder auf.

teleschau: Nie?

Sachs: Naja, nach der Schule habe ich natürlich darüber nachgedacht, wie es weitergehen soll. Kurz darauf hatte ich ein Jahr Pause, in dem ich eine Weltreise gemacht habe.

teleschau: Ein Ausbruchsversuch?

Sachs: Nein, es war klar, dass ich zurückkomme. Nur das Wie: Als Nebenjob neben dem Studium? Oder als Sprungbrett in eine Karriere? Dafür war es nötig, einfach mal rauszukommen, den Kopf freizukriegen, nicht immer überall erkannt zu werden. Da hatte ich eigentlich schon mit dem Jurastudium angefangen. Aber als ich zurückkam, war für mich klar, dass ich Film mache, egal wie.

teleschau: Allerdings auf der anderen Seite der Kamera.

Sachs: Genau. Ich habe bei der "Lindenstraße" von Anfang an viel von den anderen Gewerken mitbekommen. Als Kind geht man da ja auch anders ran, verfolgt etwa den Kameramann mit Fragen - "Was machst du da? Warum? Wie geht das?" So habe ich mehr über die Abläufe mitbekommen als manch ein Kollege, der nach der Schauspielschule hierherkam und sofort anfing zu drehen. Angefangen habe ich als Regieassistent, später war ich Aufnahmeleiter, Produktionsleiter, habe selbst mal was produziert ... Das ist sehr erfüllend.

teleschau: Woran arbeiten Sie gerade?

Sachs: Gerade mache ich zum Beispiel Produktionsleitung für ein RTL-Projekt, da arbeiten wir derzeit am Piloten.

teleschau: Für RTL standen Sie auch schon vor der Kamera, bei "Let's Dance". Und Ihre "Lindenstraßen"-Kollegin Rebecca Simoneit-Barum war im Dschungelcamp ... Gibt's da etwa eine geheime Verbindung?

Sachs: Iwo. Wir sind nicht gezielt bei anderen Sendern, wobei ich auch schon für VOX und SAT.1 gearbeitet habe. Aber solche Prominentenformate sind nun mal bei den Privaten angesiedelt, bei der ARD hätte ich kaum die Gelegenheit, so etwas wie "Let's Dance" zu machen.

teleschau: Eine gute Erfahrung?

Sachs: Auf jeden Fall! Ich habe da richtig Spaß dran gehabt und sogar zweimal mitgemacht, beim Weihnachtsspecial war ich wieder dabei.

teleschau: Gibt es auch ein Format, vor dem Sie zurückschrecken?

Sachs: "Promi Big Brother" geht gar nicht. Das kann man nicht ernsthaft machen. Wobei, früher sagte man das ja auch über Daily Soaps, und sogar als die "Lindenstraße" anfing, fanden seriöse Kollegen, das könne man nicht ernsthaft machen.

teleschau: Tatsächlich?

Sachs: Aber ja! Als die "Lindenstraße" anfing, gab's ja sogar mal Glückwünsche von der "Bunten" - ans ZDF. Denn damit sei die ARD tot, das sei das Schlimmste, was im TV je gelaufen sei, das Abendland geht unter ... So billig produziert! Eine halbe Stunde Fernsehen in der Woche! (lacht) Heute werden mal eben zwei, drei Folgen an einem Tag produziert. Aber über die Jahre hat man gemerkt, dass die Sendung eben doch ein bisschen mehr Substanz hat.

teleschau: War Ihre Bekanntheit aus der "Lindenstraße" ein Türöffner in der Branche?

Sachs: Es war durch die vielen Kontakte für mich auf jeden Fall viel leichter, jemanden um ein Praktikum zu bitten - zumal ich ja auch noch aus Köln stamme, wo viel gedreht wird. Die Prominenz hat nicht geholfen. Eher im Gegenteil.

teleschau: Wie das?

Sachs: Gerade als Praktikant in der Regie wird man in viele Besprechungen mitgenommen, in denen es eben auch um Besetzungen geht: Wer passt auf die Rolle, wer nicht, warum? Da redet man sehr deutlich über Kollegen. Nicht böse, aber deutlich. Und man will auf keinen Fall, dass ein kleiner Praktikant das einem befreundeten Kollegen einfach weitergibt ... Da ist man mir mit etwas Vorsicht begegnet, da musste ich mich erst mal beweisen. Das hat aber gut funktioniert. Bis heute ist es aber bei Außendrehs oft lustig. Einmal drehten wir am Hamburger Hafen, ich will Komparsen inszenieren, und mir laufen ständig Leute ins Bild: "He, du bist doch der aus der 'Lindenstraße'..!"

teleschau: Hat Ihnen das auch schon mal einen Dreh ruiniert?

Sachs: Zum Glück nicht. Klar kann es passieren, dass man fünf Sekunden länger braucht, um für Ruhe zu sorgen. Aber ich habe auch schon oft genug eine ganze Meute davon überzeugt, noch ein bisschen zu bleiben und zuzuschauen - und so hatten wir ganz umsonst eine Menschenmasse für die Kamera, das spart der Produktion viel Kosten.

teleschau: Wie ist das eigentlich im persönlichen Bereich - sind Sie neben, mit oder trotz Klausi erwachsen geworden?

Sachs: Wahrscheinlich alles. Ich empfinde es als "neben", weil ich anfangs ja auch nur 30 Tage im Jahr hier war, später waren es dann 60. Das ist nicht so viel, dass man sich am Ende für Truman hält. (lacht) Auf der anderen Seite aber auch "trotz", weil es hier im Ensemble lange gedauert hat, bis ich als erwachsen angesehen wurde. Die kannten mich halt von klein auf, da war ich noch bis Mitte 20 der kleine Moritz. Aber mir geht's mit den jüngeren Kollegen genauso. Ich erinnere mich noch, einmal sah ich Cosima (Cosima Viola, spielt in der Serie die Jaqueline Aichinger, d. Red.) im Auto durch die Kulisse fahren und fragte: "Oh, du übst wohl gerade für den Führerschein?" Und sie so: "Mann, Moritz, ich bin 23!" (lacht)

teleschau: Und das "mit"?

Sachs: Durch die Rolle kam ich relativ früh zu Veranstaltungen, auf denen man sonst nicht rumlaufen würde. Mit neun bekam ich den Bambi, da saß ich auf einmal in so einem Riesenraum, und dann muss man auch noch auf die Bühne und vernünftig reden vor allen Leuten ... Und als Teenager war mir immer klar, dass ich unter Beobachtung stehe; wenn ich Mist gebaut hätte, wäre das gleich öffentlich geworden. Außerdem bekam ich mit 18, 19 das Geld, das ich bis dahin als Klaus verdient hatte, da musste ich auch erst mal überlegen, wie ich damit umgehe. Mit einem Teil davon habe ich dann erst mal die Weltreise gemacht.

teleschau: War das eigentlich die einzige längere Pause?

Sachs: Nein, es gab später noch mal eine, da haben wir das aber durch Vor- und Nachdrehs abgedeckt. Urlaub gemacht habe ich damals aber nicht, sondern einfach nur sehr viel an anderen Projekten gearbeitet.

teleschau: Brauchen Sie diese Abwechslung?

Sachs: Absolut. 60 Drehtage sind auch einfach zu wenig. Nicht zum Leben, aber zum Sein. Dabei geht es nicht ums Geld, sondern um die Erfüllung. Ich merke, wenn ich zu lange nichts anderes mache als die "Lindenstraße", geht mir allmählich die Motivation verloren. Aber wenn ich eine Weile woanders war, komme ich hier ganz anders rein, habe Lust, jedes Detail zu durchdenken und mich richtig reinzustürzen.

teleschau: Ist das wie nach Hause kommen?

Sachs: Ja. Auch von zu Hause muss man ja manchmal weg. Aber man kommt immer gerne wieder.

teleschau: Können Sie sich vorstellen, irgendwann nicht mehr gerne wiederzukommen?

Sachs: Wenn hier auf einmal drei Folgen pro Woche gedreht würden, würde das die Atmosphäre wahrscheinlich so verändern, dass ich keine Lust mehr hätte. Sonst fällt mir wenig ein. Bei heiklen Themen werden wir ja gefragt. Letztes Jahr wurde meine Figur von einer Frau vergewaltigt, da hat man mir vorher auch eine Rückzugsmöglichkeit angeboten. Genauso, als ich als Teenager erst einen Neonazi und dann einen Aussteiger gespielt habe. Das hätte auch zu Gewalt führen können. Aber im Grunde sind heikle Themen ja was Tolles: Je weiter weg von mir, desto besser. Wenn ich immer nur mich selbst spielen müsste, könnte ich mich ja auch einfach zu Hause selbst filmen. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst