Die Kinder des Fechters

Die Kinder des Fechters





Kammerspiel in der Schulturnhalle

"Die Kinder des Fechters" ist der finnische Beitrag im Rennen um den ausländischen Oscar und war bisher bei zahlreichen internationalen Festivals zu sehen. Regisseur Klaus Härö erzählt die Geschichte des Fechters Endel, der 1953 vor dem sowjetischen Geheimdienst aus Leningrad flieht und in der estnischen Provinz untertaucht. Als Endel dort an einer Dorfschule Fechtkurse anbietet, weicht die Trostlosigkeit aus dem Alltag der Kinder.

Endel (Märt Avandi) steht alleine in einer maroden Schulturnhalle. Er öffnet seinen Spind und wirft einen vorsichtigen Blick hinein. Dort hütet er Überreste eines Lebens, aus dem er fliehen musste: einen weißen Fechtanzug, einen Degen, eine Schutzmaske. Endel greift nach dem Degen und sein Körper formt dankbar die vertraute Angriffshaltung. Er stößt zu. Nicht in Richtung eines ebenbürtigen Gegners, wie er es an der Elitefechtschule in Leningrad gewohnt war. Sondern gegen ein Stück Stoff, das traurig in der Sprossenwand hängt.

In dem ärmlichen estnischen Dorf Haapsalu und in der Schule, in der Endel seit kurzem als Lehrer arbeitet, weiß niemand, dass er vor dem KGB untertauchen musste. Der sucht nach ihm, weil ihn die Wehrmacht als jungen Mann zwangsrekrutierte. In den Augen des Geheimdienstes hat Endel eine nationalsozialistische Vergangenheit und gilt als Feind.

Das Dorf Haapsalu, in dem er hofft unentdeckt zu bleiben, leidet ebenfalls unter den Folgen des Weltkrieges und den Repressionen Stalins. Die meisten Kinder wachsen ohne Väter auf, weil die entweder im Krieg umgekommen sind oder in Gulags verschleppt wurden. Als Endel einen Fechtkurs anbietet, melden sich alle Kinder des Dorfes an. Das Training ist zunächst zäh: Der mürrische Endel blafft die Kleinen an, weil er nicht versteht, warum sie seine Fachausdrücke nicht in Bewegung umsetzten können. Doch im Laufe der Zeit wird der Einzelgänger zum sorgenden Mentor und Ersatzvater für seine Schüler.

"Die Kinder des Fechters" beruht auf der Lebensgeschichte von Endel Nelis (1925-1993), der tatsächlich eine Fechtschule in Estland eröffnete, die bis heute existiert. Klaus Härö hat aus diesem Stoff ist ein klassisches Sportdrama geschaffen. Üblicherweise treten in diesem Genre Underdogs gegen Unbesiegbare an und der finale Kampf findet am besten in einem tosenden Stadion voller jubelnder Fans statt. Hier ist es eine karge, sozialistische Kulisse. Ein unkonventioneller Ansatz eines Films, der sonst abgesteckte Wege geht.

Natürlich legt das Training seelische Verletzungen bei den Kindern und Endel frei und wirkt heilsam. Natürlich wachsen die Kleinen sportlich über sich hinaus, obwohl sie keine Fechtschuhe, sondern schwere Lederstiefel tragen, und sich mit Holzstöcken an Stelle von Metallklingen duellieren. Und natürlich findet das finale Fechtturnier in Leningrad, dem Angstort Endels, statt.

Nur rudimentär wird das Fechten dargestellt. Nur selten scheint Härö an präzisen Bewegungstechniken interessiert, genauso wenig daran, dass man seinen Figuren näher kommen darf: Der böse Schulleiter ist böse. Der weise Großvater ist weise. Die süßen Kinder sind süß, und die Politkommissare steigen in knöchellangen Ledermänteln aus ihren schwarzen Autos. Obwohl Armut im Dorf herrscht, tragen die Kleinen retroschicke Blümchenkleider und Strickwestchen, ganz ohne Dreck und Löcher.

Alles ist schön in diesem Film. Viel zu schön: die zerfurchten Wände der Turnhalle, die von Gras überwucherten Ruinen am Standrand und das nordische Abendlicht. Nicht nur der hübschen Bilder, auch der glatten Geschichte wird man irgendwann überdrüssig: Endel verliebt sich in seine Kollegin Kadri (Ursula Ratasepp). Die beiden küssen sich zum ersten Mal, als Endel ihr eine Fechtbewegung zeigt. Schön. Viel zu schön.

Quelle: teleschau - der mediendienst