Unsere kleine Schwester

Unsere kleine Schwester





Das Leben, ein Sandkorn

Hirokazu Kore-eda, 1962 in Tokio geboren, drehte früher Dokus fürs japanische Fernsehen. Bereits diese wurden regelmäßig preisgekrönt, und es ist ein Glück, dass sich der heute 53-Jährige Mitte der 90-er fürs Kino entschied. Inzwischen lechzt die weltweite Fangemeinde geradezu nach dem neuen Kore-eda, von dem fast immer ein Meisterwerk erwartet wird. Bisher kommt der Autorenfilmer mit diesem Druck ziemlich gut klar, wie auch sein neuer Film beweist. "Unsere kleine Schwester" ist die Verfilmung einer bekannte Graphic Novel von Akimi Yoshida. Sie erzählt von drei Schwestern, die gemeinsam in einer warmen Küstenkleinstadt leben. Als ihr Vater, der die Familie vor 15 Jahren verließ, stirbt, holen die jungen Frauen ihre 13-jährige Halbschwester zu sich. Suzu (Suzu Hirose) wird das Leben jeder einzelnen von ihnen verändern.

Normalerweise verlassen die Kinder das Haus. Dann, wenn sie groß sind. Anders ist es bei der "Restfamilie" Koda. Der Vater verließ die drei Töchter wegen einer anderen Frau. Auch die Mutter ist irgendwann gegangen, weit fort, von ihr wird man später im Film noch hören. Sachi (Haruka Ayase, "Ichi"), Yoshino (Masami Nagasawa, "Robot Contest") und Chika (Kaho, "A Gentle Breeze") sind zwischen 20 und 30. Gemeinsam leben sie in ihrem alten Haus nahe der Küste und gehen ihren Jobs nach.

Sachi ist die Älteste, verantwortungsbewusst und ein wenig streng. Ihrer Liebe zu einem verheirateten Arzt gibt die Krankenschwester keine rechte Chance, weil sie sich als Mutterersatz für die kleineren Schwestern sieht. Dabei stehen Yoshino, die in einer Bank arbeitet, und die etwas schräge Chika, die in einem Sportartikelladen jobbt, doch schon auf eigenen Füßen. Alles ändert sich, als die drei bei der Beerdigung des fremd gewordenen Vaters ihre 13-jährige Halbschwester kennenlernen. Suzu hat niemanden, weil ihre Mutter offensichtlich auch nicht mehr lebt. Das Angebot, zu den Schwestern zu ziehen, nimmt sie gern an. Schnell legt das Mädchen seine anfängliche Schüchternheit ab und kommt den erwachsenen Frauen auf ganz unterschiedliche Weise näher.

Mit Filmen wie "Nobody Knows", "Still Walking" oder "Like Father, Like Son" schuf der 53-Jährige Hirokazu Kore-eda etwa im Zweijahresrhythmus einen Kinomeilenstein nach dem anderen. Mit einer Zuverlässigkeit, wie es im Westen derzeit vielleicht noch Quentin Tarantino fertig bringt. Mit diesem ist Kore-eda ästhetisch und inhaltlich allerdings nicht vergleichbar. Dann eher schon mit den poetisch-beiläufigen Erzählern des französischen Kinos wie Eric Rohmer. "Unsere kleine Schwester" ist nun selbst für Kore-eda-Verhältnisse erstaunlich undramatisch.

Das Drehbuch verzichtet auf spannungsreiche Wendungen und beschreibt im Wechsel der Jahreszeiten Begegnungen von Menschen bei Festen oder bei Trivialem wie der Essenszubereitung. Diese Begegnungen fängt Kore-eda allerdings präzise wie kein Zweiter ein. Fast hat man den Eindruck, man säße mit am Tisch, wenn die vier jungen Frauen versuchen, ihre Träume und Lebensbedürfnisse zu verwirklichen oder ihren Ängsten zu begegnen. Wer Kore-edas Figuren zusieht - wunderbar eingefangen von der Kamera Mikiya Takimotos ("Like Father, Like Son") und begleitet von der Musik Yoko Kannos - stellt sich die naive Frage: Warum müssen Filme eigentlich immer so dramatisch sein, wenn doch die Ruhe allein schon so aufregend ist?

In einem Interview zu seinem neuen Werk sagt Hirokazu Kore-eda, sein Film zeige das Leben der Menschen als Kommen und Gehen des Lebens. Ähnlich wie Sandkörner bewege sich deren Existenz in einem sichtbar größeren Zusammenhang, der das individuelle Schicksal klein, aber deshalb nicht unbedeutend erscheinen lässt. "Unsere kleine Schwester" ist eine wunderbar warmherzige, wie immer bei Kore-eda auch melancholische Nahaufnahme von Menschen, die man in dieser Qualität nur von ganz wenigen Filmemachern dieser Erde präsentiert bekommt. Ein Film, auf den man sich einlassen muss, um danach mit einem Gefühl belohnt zu werden, das lange nachhallt.

Quelle: teleschau - der mediendienst