Lina Wendel

Lina Wendel





"Nelson Mandela in weiblich, das wäre doch mal was"

Im Krimi "Die Füchsin - Dunkle Fährte", den das Erste am Donnerstag, 17. Dezember, um 20.15 Uhr, zeigt, spielt Lina Wendel (50) die vielleicht ungewöhnlichste Ermittlerin im deutschen Fernsehen: Als ehemalige Stasi-Mitarbeiterin fristet Anne Marie Fuchs ein trostloses Dasein in einer schmucklosen Düsseldorfer Hochhaussiedlung. In der Mitte der Gesellschaft des wiedervereinten Deutschlands ist die Hartz-IV-Empfängerin niemals angekommen. Erst der Fall eines verschwundenen jungen Mannes weckt den Spürsinn der Füchsin. Im Interview spricht die Berlinerin Lina Wendel über ihre Rolle, die DDR und die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa.

teleschau: Was unterscheidet Ihre Figur von anderen TV-Spürnasen und Kommissaren?

Lina Wendel: Das Besondere an der Füchsin ist ihre Herkunft. Wir sehen hier eine Figur, die aus Überzeugung für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet hat. Sie wurde da nicht reingezwungen, niemand hat sie erpresst. Anne Marie Fuchs hat für ihre Ideale gekämpft und aus ihrer Überzeugung heraus gehandelt.

teleschau: Wie würden Sie den Charakter der Füchsin beschreiben?

Wendel: Sie ist eine leblose Hülle, die nur noch funktioniert. Erst als ihr Gerechtigkeitssinn geweckt wird, kehren ihre Lebensgeister zurück. Gebrochene Figuren wie Anne Marie Fuchs sind überall um uns herum, man braucht sich nur umzuschauen. Die Perspektivlosigkeit, etwa infolge von fehlender Arbeit oder wenn die Familienstrukturen zerbrochen sind, lässt viele Menschen vereinsamen und den Anschluss an die Gesellschaft verlieren.

teleschau: Was halten Sie von den Ermittlungsmethoden der Füchsin? Nicht alle sind ganz legal ...

Wendel: Das ist doch spannend! Ich kann sie verstehen, sie hat ja nichts zu verlieren. Und für mich als Schauspielerin war die Maskerade der Füchsin sehr reizvoll: Ich konnte mich von einem hässlichen Entlein in einen schönen rothaarigen Schwan verwandeln. Jeder Mensch trägt viele Facetten in sich.

teleschau: Im Film klingt auch das Thema Überwachung an. Wie stehen Sie dazu?

Wendel: Auf dem Filmfest in Lünen, wo ich zusammen mit Peter Kurth unseren Kinofilm "Herbert" vorgestellt habe, habe ich gerade erst die Edward-Snowden-Dokumentation "Citzenfour" gesehen. Dass wir alle überwacht werden, war mir ja klar. Aber welches Ausmaß der "gläserne Mensch" inzwischen angenommen hat, ist schon schockierend. Ich könnte mir vorstellen, das Thema "Überwachung" in meinem neuen Bühnenprogramm zu integrieren. Darin gehe ich nicht direkt auf gesellschaftspolitische Fakten ein, sondern spiele Figuren.

teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?

Wendel: Eine meiner Lieblingsfiguren aus meinem Bühnenprogramm ist eine Milliardärin, die sich ausrechnet, was passieren würde, wenn sie jeden Monat 100.000 Millionen Euro für die Flüchtlinge spenden würde. Sie fragt sich: Können meine Enkel und Urenkel dann überhaupt noch die Privatschule besuchen? Sie kommt zu dem Schluss, dass ihr Vermögen nur 700 Jahre reichen würde ...

teleschau: Wie beurteilen Sie die aktuelle Flüchtlingskrise?

Wendel: 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Das ist eine der größten Völkerwanderungen! Wie gehen wir damit um? Es ist anzunehmen, dass diese Situation ohne eine vernünftige Friedenspolitik nicht zu stoppen ist. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Dasein. Man muss die Ursachen bekämpfen, die zur Flucht veranlassen. In den nächsten Jahren kommen wahrscheinlich zwei, drei, vier Millionen Flüchtlinge zu uns. Und ich habe auch Angst, weil es so schwer ist, sie alle zu integrieren, und weil ich nicht weiß, ob das überhaupt geht. Aber sie werden kommen! Und je eher wir aufhören, uns gegenseitig zu beschimpfen, desto eher können wir uns darüber unterhalten, was wir von den Millionen erwarten!

teleschau: Die Herausforderungen, die die Integration in eine fremde Gesellschaftsstruktur mit sich bringt, haben Sie als gebürtige Ost-Berlinerin selbst zu spüren bekommen. Wie haben Sie die Wiedervereinigung erlebt?

Wendel: Im Großen und Ganzen positiv. Selbstverständlich habe ich eine Weile gebraucht, um mich in diesem neuen System zurechtzufinden. Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend und nach dem Schauspielstudium immer ein Theaterengagement. Und nun steht nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa vor einer großen Bewährungsprobe.

teleschau: Der WDR und auch viele andere Sender müssen derzeit sparen. Was darf Ihrer Meinungen nach keinesfalls den Kürzungen zum Opfer fallen?

Lina Wendel: Kultur-, Bildungs- und Kinderfernsehen! Dabei geht es um die Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Denn Kinder sind die Zukunft!

teleschau: Gibt es eine Traumrolle, die Sie gerne noch spielen möchten?

Wendel: Die großen Autoren wie Goethe, Brecht und Shakespeare. Grundsätzlich reizen mich Figuren, die etwas verändern wollen. Nelson Mandela oder Gandhi in weiblich, das wäre doch mal was!

teleschau: Wie geht es weiter mit der Füchsin?

Wendel: Ich könnte mir durchaus vorstellen, in der Figur der Füchsin weiter spannende Fälle zu lösen. Wir werden sehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst