Carol

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Törichte Herzen

Wenn Blicke und Gesten die Dialoge ersetzen, dann können Schauspieler wie hier die beiden Hauptdarstellerinnen ihre Kunst erst richtig zeigen. "Carol" heißt der Film von Todd Haynes, der sich um etwas im Amerika der 50er-Jahre Unaussprechliches dreht: die Liebe zwischen zwei Frauen, die es eigentlich nicht geben darf. Und die auch Carol (Cate Blanchett) und Therese (Rooney Mara) so unbegreiflich scheint, dass sie zunächst keine Worte dafür finden. Erst nach fast zwei Stunden wird er endlich gehaucht, der Satz: "Ich liebe Dich".

Was wäre wenn - diese Frage stellte sich 1948 eine noch unbekannte amerikanische Autorin in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses in Manhattan. Die Verkäuferin Patricia Highsmith jobbte dort, als es zu einer bedeutsamen Begegnung kam: Eine elegante Dame im Nerzmantel kauft eine Puppe und macht einen solchen Eindruck auf die junge Frau, dass sie Jahre später sagte, sie habe damals kurz vor einer Ohnmacht gestanden. In ihrem 1952 unter Pseudonym veröffentlichten Roman "Salz und sein Preis", auf dem Todd Haynes' Film beruht, träumt sie von einem Wiedersehen mit der Frau, das in Wirklichkeit nie stattfand.

Die Erscheinung heißt Carol und gehört zur besseren Gesellschaft New Yorks. Im Augenblick des Zusammentreffens im Kaufhaus befindet sie sich in einer schwierigen Phase. Sie will die Scheidung von ihrem Mann Harge (Kyle Chandler) und damit die Befreiung aus einer Ehe, die sie nicht erfüllt. Doch dann trifft sie Therese (Rooney Mara) und es knistert zwischen ihnen. Dieses unausgesprochene Etwas, das zumindest die unerfahrene Therese nicht einordnen kann, kostet Regisseur Todd Haynes genüsslich aus. Es beginnt mit einem Blick, den die umwerfende Cate Blanchett alias Carol der Verkäuferin Therese beim Hinausgehen aus dem Kaufhaus zuwirft. Später wiederholt sie bei einem gemeinsamen Mittagessen - ein Dankeschön für die Zusendung der beim Einkaufen vergessenen Handschuhe - den Vor- und Nachnamen der jungen Frau in einem lasziv-spöttischen Tonfall.

Die Brünette wirkt dabei wie die Unschuld vom Lande, die von einer Raubkatze als nächstes Opfer auserkoren wurde. Doch so einfach macht es sich diese Geschichte nicht. Therese mag zwar rund 20 Jahre jünger sein, doch ihr Einsatz in diesem Spiel der Gefühle ist lange nicht so hoch wie der von Carol. Denn deren Ehemann will seine Gattin so leicht nicht aufgeben. Und er hat einen Trumpf im Ärmel: die gemeinsame Tochter.

Independent-Regisseur Haynes ("Velvet Goldmine", "Dem Himmel so fern", "I'm Not There") hinterfragt in seinem Filmen immer wieder etablierte Ansichten von Identität und Sexualität. Mit "Carol" hat er ein Drama inszeniert, das sich rein optisch perfekt in die Geschichte der großen Hollywoodfilme der 50er-Jahre einreihen könnte - inhaltlich wäre es jedoch undenkbar gewesen. Dieser Ungehörigkeit schlägt dann auch geballte männliche Feindseligkeit entgegen vom Ehemann, dem Anwalt und dem Privatdetektiv, der Carol Sittenwidrigkeit nachweisen soll. Die Frauen scheinen keine Chance zu haben und doch überrascht der Film mit einem glaubwürdigen Fast-Happy-End.

Haynes' größter Trumpf bei dieser wunderbaren Verfilmung sind die Darstellerinnen. Das Duo setzt Maßstäbe. Blanchett brilliert in ihrer Paraderolle, doch Mara lässt sich noch lange nicht von ihr an die Wand spielen. Sie hat den Audrey-Hepburn-Faktor - süß aber zäh. Das sorgt für Ausgewogenheit und hält die Geschichte über die Entdeckung und den Umgang mit den eigenen Gefühlen bis zum Ende spannend.

Quelle: teleschau - der mediendienst