"Nach der Liebe gibt es gar nichts mehr"

"Nach der Liebe gibt es gar nichts mehr"





Alejandro Roemmers schrieb eine Fortsetzung zu "Der kleine Prinz" (Kinostart: 10. Dezember)

Mit seinem Märchen "Der kleine Prinz" schuf Antoine de Saint-Exupéry 1943 einen modernen Klassiker, dessen Aussage bis heute aktuell ist. Zahlreiche Künstler, Filmemacher und Autoren versuchten sich immer wieder daran, den beliebten Stoff neu aufzulegen. Aktuell läuft mit dem 3D-Animationsfilm "Der kleine Prinz" eine Art dystopische Variation der weltbekannten Geschichte in den Kinos. Eine klassischere Fortsetzung hingegen verfasste der argentinische Autor Alejandro Roemmers mit seinem Werk "Die Rückkehr des Prinzen", das erst kürzlich in deutscher Übersetzung erschien. Darin trifft der Erzähler inmitten der Weite Patagoniens auf den inzwischen erwachsenen Prinzen, der von seinem kleinen Planeten auf die Erde zurückgekehrt ist. Er nimmt ihn mit auf eine Reise voller philosophischer Gespräche über das Leben, die Liebe und das Glück. Angesichts der aktuellen Krisen in der Welt wird die Zeitlosigkeit und Dringlichkeit jener existenzialistischen Themen wieder offenbar. So auch im Gespräch mit dem 58-jährigen Roemmers und dem US-amerikanisch-österreichischen Schauspieler August Zirner, der das Hörbuch zu "Die Rückkehr des Prinzen" einsprach.

teleschau: Was würde der kleine Prinz zur aktuellen Flüchtlingskrise sagen, was würde er fragen?

Alejandro Roemmers: Mein Geburtsland Argentinien war immer sehr offen für Einwanderer, hat sich nie versperrt. Eine große Welle gab es natürlich während des Ersten Weltkriegs und danach, als Europa völlig zerstört war. Mein Großvater kam 1920 nach Argentinien - das war damals ein reiches Land, während Deutschland kaputt war. Auch später, im Zweiten Weltkrieg kamen viele Leute, vor allem aus Spanien und Italien. Das waren Hunderttausende. Natürlich waren die aufeinander treffenden Kulturen ähnlicher als in der heutigen Situation, wo beispielsweise schon die Religion der Geflüchteten anders ist. Da kommt es auf das Herz der Menschen an. Der junge Prinz würde sofort handeln. Auch, wenn es nicht einfach ist, wenn man auf einmal die Tür seines eigenen Hauses öffnen soll, um jemanden reinzulassen. Aber welche Alternative gibt es? Sie dort zu lassen, damit sie sterben? Es ist eine große Herausforderung, aber wir müssen das packen.

August Zirner: Wenn der kleine Prinz nun nach Ungarn käme und dort zu hören bekäme: "Wir sind ein christliches Land" - er würde fragen "Was ist ein christliches Land? Sie schließen diese Menschen, diese Flüchtlinge, aus, was ist an diesem Land christlich?".

teleschau: Warum reagieren so viele mit Hass? Würden Sie sagen, dass die Liebe das Mittel dagegen ist?

Roemmers: Es gibt keine Wahrheit, kein Wissen, das über die Liebe hinausgeht. Nach der Liebe gibt es gar nichts mehr. Nur Stille. Als Jugendlicher schrieb ich ein Gedicht, in dem ich klar sagte, was ich in meinem Leben erreichen will: nämlich so gut zu lieben wie möglich, eine bessere Person zu werden. Das ist eine lebenslange Arbeit, die nie zu Ende ist. Man kann immer etwas verbessern, etwas lernen.

teleschau: Ist bei Ihnen beiden dieser Umstand des Lernens und Verbesserns ausgeprägter, weil sie beide Auswandererfamilien entstammen?

Zirner: Menschen mit Migrationshintergrund haben für gewöhnlich gewisse Erfahrungen mit Wandern, mit Veränderung, ebenso wie der kleine Prinz. Sie müssen ihr Zuhause erst erschaffen. Auch Liebe muss man schaffen. Das ist Arbeit. Besonders Leute mit Migrationshintergrund wissen, sie müssen sich erst etwas erarbeiten, etwas erschaffen, das auch Herzensbildung mit sich bringen kann.

teleschau: Gibt es da einen Unterschied zwischen Europa und der ehemals neuen Welt?

Roemmers: Ich denke schon. Sobald ein Ausländer zu Besuch kommt, möchte ihn jeder Lateinamerikaner einladen und ihm das Haus, ja das ganze Land zeigen. Wir sind einfach glücklich, dass sich jemand auf diesen langen Weg gemacht hat (lacht). Hier in Europa ist man von Touristen vielleicht eher genervt. Der Unterschied ist natürlich darin begründet, dass in Amerika jeder irgendwann von irgendwoher gekommen ist. In Argentinien zum Beispiel stammen fast alle aus Europa, was auch an dem traurigen Fakt liegt, dass viele indigene Völker ausgelöscht wurden. Während meiner Zeit in Spanien habe ich diese Unterschiede auch selbst bemerkt.

teleschau: Haben Sie dort persönlich positive Erfahrungen gemacht?

Roemmers: Meine Familie ist damals vor dem Terrorismus geflohen. In Spanien wurden wir sehr gut empfangen. Dort waren wir ja auch Flüchtlinge. Es ist doch so: Man sollte die anderen so behandeln, wie man in ähnlicher Lage selbst behandelt werden möchte. Meine Mutter sagte immer: Versetz dich immer in die andere Person hinein. Das versuche ich. Und stelle mir vor, dass auch der junge Prinz einer dieser Menschen sein könnte, die da kommen. Dann kann man seine Tür öffnen oder schließen. Am Ende tut man das ja auch nicht nur für den anderen, man ist nicht nur generös, wenn man Gutes tut. Sondern tut das immer auch für sich selbst, weil man sich danach besser fühlt. Man fühlt sich schlechter, wenn man nicht hilft. Zumindest, wenn man ein Herz, eine Seele und Empathie hat.

teleschau: Heißt das, man kann aus den falschen Gründen das Richtige tun?

Roemmers: Klar - nämlich dann, wenn man den eigenen Nutzen in den Vordergrund stellt.

Zirner: Allerdings sind wir auch privilegiert und können das. Es wäre schwierig, das einem Menschen zu sagen, der weniger hat, der sich um sein Hab und Gut sorgt.

Roemmers: Natürlich ist es immer leichter zu geben, was man nicht unbedingt braucht. Mutter Teresa sagte, man muss geben, bis es richtig wehtut - das ist sicher schwieriger.

teleschau: Wenn man Verständnis zeigen will, muss man ja wissen: Woher kommen die Ängste der Menschen in Bezug auf die Flüchtlinge, warum lassen sie sich so schwer ausräumen?

Zirner: Ich denke, die Flüchtlingskrise hat eines deutlich gemacht: Wir jammern auf hohem Niveau. Ich rede ja viel mit diesen Leuten, das ist so ein Tick von mir. Da zeigt sich immer die Absurdität des Neides. Es gibt in Deutschland immer noch eine Neidkultur, keine Freude am Erfolg anderer oder darüber, dass jemand etwas Schönes macht.

Roemmers: Ich glaube, die Angst ist der größte Feind der Liebe. Nicht der Hass, denn der ist sehr oft eng mit der Liebe verknüpft. Die Angst macht es unmöglich, den anderen wirklich zu erkennen, mit ihm in Kontakt zu treten. Viele der schlechten Dinge in der Welt geschehen aus Angst: Man tötet sein Gegenüber, weil man Angst hat, dass dieser einen tötet. Es ist immer problematisch, wenn die Angst die Überhand gewinnt. Es ist leichter, den Leuten Angst einzureden, als ihnen Liebe zu geben. Das haben wir ja auch in Deutschland gerade wieder gesehen.

teleschau: Klingt sehr christlich ...

Roemmers: Ich erwähne in der "Rückkehr des Prinzen" ja auch Gott. Und tat mich damit schwer, dieses Wort zu schreiben. Es gibt immer noch Probleme damit: Leute töten sich, weil sie die selbe Realität aus verschiedenen Perspektiven sehen. Es kommt auf die Kultur und den Blickwinkel an. Dabei glaube ich, dass wir von allen existierenden Vorstellungen von Gott etwas über das Ganze lernen können. Keine ist falsch. Ich denke, die größte Herausforderung wäre es, die westliche Kultur mit den Weisheiten des Ostens zusammenzubringen. Das wäre ein Schritt vorwärts.

teleschau: Wie könnte das gelingen?

Zirner: Das Bindeglied der Weltreligionen ist die Liebe, der Frieden. Manchmal schmunzeln Leute darüber, dass man einen Begriff wie Liebe heute noch benutzt. Aber so kompliziert das alles ist, so simpel ist es auch. Mit diesem Paradox kann man sich sein Leben lang beschäftigen.

Roemmers: Liebe gelingt nur, wenn man sich in die Lage des anderen hineinversetzt. Das gilt auch für diejenigen, die sich auf ihrem Eigentum ausruhen. Wir haben immer eine kleinere oder größere Schuld unseren Vorfahren gegenüber. Die haben vor uns gelebt, gearbeitet. Das dürfen wir nicht vergessen. Wir brauchen eine weltumspannende Brüderlichkeit.

teleschau: Sie glauben also an eine bessere Welt in der Zukunft?

Roemmers: Ich sehe die Zukunft als eine der wirklich vereinten Nationen. So sollte es sein. Das wirkt heute noch ein wenig wie eine Disney-Fantasie. Allerdings ist es auch schon viel mehr zur Realität geworden, als es jemals war. Schon heute kommen alle Staatsleute in den United Nations zusammen. Dort könnte man beispielsweise die Flüchtlingskrise oder den Klimawandel viel intensiver besprechen. Wir können das nur gemeinsam lösen.

Zirner: Werden wir das erleben? Wohl nur teilweise, vielleicht auch gar nicht. Wenn man da zu kurzfristig denkt, kann das nur frustrierend sein.

Roemmers: Sicher werden durch die Flüchtlingskrise in naher Zukunft einige Probleme zu bewältigen sein. Langfristig ist es jedoch eine gute Sache, auf andere zu treffen, sie versuchen zu verstehen. Nur so erreichen wir die brüderliche Menschheit. Wenn man dann natürlich nationalistisch nur auf sein eigenes Land schaut, ist das sicher etwas anderes, als das Beste für die gesamte Welt zu wollen. Wie man sich beschränkt oder öffnet - das macht den ganzen Unterschied aus.

Quelle: teleschau - der mediendienst