Bruno Ganz

Bruno Ganz





Als Almöhi nach Nordkorea

Bruno Ganz ist ein Welt-Schauspieler, ein Ausnahmekünstler. Egal ob in "Brot und Tulpen" (2000) den tanzenden Barista, in "Der Untergang" (2004) Adolf Hitler und nun den Almöhi in "Heidi" (Start: 10. Dezember). Es ist immer wieder aufs Neue faszinierend, wie er seinen Figuren durch kleine, durchdachte Gesten und mit dem betörenden Timbre seiner Stimme Profil verleiht. Über 50 Jahre ist der Schweizer nun schon im Geschäft - kein Ende in Sicht. Beim Interviewtermin in München gibt sich der mit Preisen überhäufte Schauspieler, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, höflich und unprätentiös, fernab von jeglichem Glamour. Die Haare sind nicht perfekt gekämmt, die Augenbrauen buschig, unter ihnen blitzen wache Augen. Die hohe, grüblerische Stirn legt Bruno Ganz immer wieder in Falten, die Hände offen auf den Tisch. Der 74-Jährige gibt sich alles andere als theatralisch, dafür mit einer feinen Prise hintergründigem Ironie.

teleschau: Wie kamen Sie erstmals mit Heidi in Berührung?

Bruno Ganz: Das liegt bei uns in der Luft, jedes Schweizer Kind kennt Heidi. Ich kann nicht mehr sagen, ob man mir das Buch damals vorlas oder ob ich es selbst gelesen habe. Tatsächlich beschäftigte ich mich erst wieder damit, als ich wusste, dass ich den Almöhi spielen werde. Da schaute ich mir den alten Schweizer Spielfilm von 1952 und ein paar Serien an. Und einen Film mit Max von Sydow, in dem eigentlich nur er vorkommt. Das Kind habe ich gar nicht gesehen. Und alles spielt im schottischen Hochmoor. Sehr seltsam.

teleschau: Die Produzenten trauten sich angeblich erst nicht, bei Ihnen wegen der Rolle des Almöhi anzufragen.

Ganz: Ach, so. Sie unterschätzten vielleicht, dass ich Schweizer bin. Ich dachte irgendwann nicht mehr darüber nach, ob die Rolle interessant ist oder nicht. Ich verstand, dass ich das machen muss, weil ich das richtige Alter besitze und weil ich nun mal Schweizer bin. Das ist ein Nationalepos, und es gibt keinen Grund, nein zu sagen. Für mich war es eine Ehrensache, meine patriotische Pflicht.

teleschau: Merken Sie oft, dass man Ihnen mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet?

Ganz: Ich glaube, die Leute freuen sich über meine Arbeit. Und das freut mich.

teleschau: Im Gegensatz zum Almöhi haben Sie keine Enkel. Bedauern Sie das?

Ganz: Stimmt, mein Sohn Daniel hat keine Kinder. Aber ich bin kein so großer Familienmensch, als dass mir das so wichtig wäre. Ich brauche nicht unbedingt Enkel. Und ich muss nicht unbedingt unsere Sippe verlängern.

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren eigenen Großvater?

Ganz: Ich kenne nur den Großvater väterlicherseits. Und ich habe eigentlich nur dieses Bild vor mir, von einem schwarz gekleideten Mann mit Hut, der auf einer Ofenbank saß und irgendetwas rauchte. Er war zwar Bauer, aber mit einem Almöhi hatte er nichts zu tun.

teleschau: Lasen Sie Ihrem Sohn "Heidi" vor?

Ganz: Kann sein. Als ich ihm sagte, dass mir die Rolle angeboten wurde, sagte er gleich: Bärli und Schäfli. Obwohl er in Berlin aufwuchs. Er meinte, wenn ich bei den Kids in Nordkorea auch noch bekannt werden wolle, dann solle ich das machen. Oh, dachte ich, das ist gut. Da will ich unbedingt hin, das ist mein Ziel. Und jetzt bin ich da. Also bald.

teleschau: Was zeichnet die neue Heidi-Verfilmung aus?

Ganz: Ich kann ihn nur mit dem von 1952 vergleichen. Unser Film ist näher an der Johanna Spyris Erzählung, er ist viel realistischer und kümmert sich auch um die Lebensbedingungen jener Zeit. Und was die Bergwelt betrifft, ist er nicht so idealisierend. Er zeigt das Leben dort als Mühe und schwere Arbeit. Es ist zugleich aber auch ein sehr bewegender Film, ein Film über die Liebe eines Kindes.

teleschau: Der Almöhi ist eine Figur, die sehr stark mit der Landschaft verwachsen ist. Wie viel bedeutet Ihnen Ihre Herkunft?

Ganz: Als ich jung war, wollte ich immer weg aus der Schweiz, später wollte ich wieder zurück. Ich denke, das hat mit dem Alter zu tun. Man will zurück, wo man herkommt, wo man alles kann und weiß. Und der Dialekt spielt auch eine Rolle. In der Schweiz ist mir alles vertraut.

teleschau: Dann waren Sie sicher glücklich, dass Sie dort drehen konnten?

Ganz: Nein, ich bin nicht so ein Fan von den Bergen. Ich hab's eher mit dem Flachland. Obwohl dort, wo die Hütte steht, wenn man da in eine bestimmte Richtung schaut, ist der Blick atemberaubend. Zumindest, wenn die Sonne mal scheint, was bei den Dreharbeiten selten der Fall war. Diese Postkartenschweiz kann einem auf die Nerven gehen, zuweilen ist sie sehr schön.

teleschau: Wie lange würden sie es auf der Alm aushalten?

Ganz: Allein?! Ich würde nicht mal hingehen. Nein, um Gottes willen.

teleschau: Wie schwer war es für Sie, sich auf die Rolle vorzubereiten? Also auf das Mähen mit Sensen, Holzhacken und all das?

Ganz: Da war ich im Vorteil, weil meine Verwandten Bauern sind und ich als Kind oft zu meinen Onkeln geschickt wurde. Auch als Stadtkind wurde ich zur Arbeit herangezogen wie ein billiger Knecht. Aber ich lernte da sehr viel. Ich konnte zum Beispiel auch Kühe melken.

teleschau: Ist der Almöhi also eine Rolle, die Sie aus dem Ärmel schütteln?

Ganz: Nein, so leicht war das nicht. Ich bekam einen Kurs im Ziegenmelken. Das ist leichter als bei Kühen, sie haben viel weichere Zitzen und man muss nicht so fest ziehen. Ich mähte mit der Sense und spaltete Stämme. Das kann man alles üben.

teleschau: Wie fühlten Sie sich mit Bart?

Ganz: Ach, das Zeug ist wie Draht und lästig. Es dauerte drei Monate, bis er so gewachsen war. Am Anfang hat man dauernd die Hände im Gesicht und macht am Bart herum. Und bald kann man ihn nicht mehr sehen. Ich hatte ein paar Mal einen Bart und war jedes Mal glücklich, wenn das Zeug weggeschnitten wurde.

teleschau: Sie kommen aus einfachen Verhältnissen, Ihr Vater war Techniker. Keiner hatte etwas mit Schauspielerei zu tun. Wie reagierte Ihre Familie, als Sie die Schule abbrachen, um Schauspieler zu werden?

Ganz: Nicht begeistert. Meine italienische Mama kam ja aus einer Bauernfamilie, genauso wie mein Vater. Wir lebten zwar in der Stadt, doch Theater und all das Zeug waren weit weg. Kino auch. Für sie lag es außerhalb ihrer Vorstellungswelt, aber ich wollte das.

teleschau: Wie würde denn der Ihr bester Film aussehen?

Ganz: Keine Ahnung, ich warte jetzt mal ab. Ich bin offen für alles. Außer für Porno. Aber ich bin ja breit aufgestellt.

teleschau: Haben Sie immer noch so ein Konkurrenzdenken, was amerikanische Kollegen betrifft? Sie hatten früher zum Beispiel ein Problem mit Dennis Hopper.

Ganz: Nein, ich bewundere sie inzwischen, da ist kein Neid mehr. Aber Wim Wenders war so auf Amerika ausgerichtet, als wir mit Hopper "Der amerikanische Freund" (1977) drehten. Und Dennis kam damals von den Dreharbeiten zu Coppolas "Apocalypse Now" - mit Cowboyhut und großer Klappe. Das passte mir nicht.

teleschau: Damals waren Sie noch ein Anfänger und standen erst am Anfang Ihrer Karriere. Wären Sie gern noch mal 25?

Ganz: Nein, oder sehr selten. Es ist wie es ist und kann auch so bleiben.

Quelle: teleschau - der mediendienst