Clemens Schick

Clemens Schick





Endlich frei

Clemens Schick schreibt unentwegt an einer bewegenden Vita. Einst wollte er Klosterbruder werden, wurde bei der Communauté de Taizé nach einem achtmonatigen Aufenthalt in der Gemeinschaft aber nicht aufgenommen. Dann doch Schauspielerei, die ihm nach zehn Jahren am Theater wie aus dem Nichts an das Set zu "James Bond 007: Casino Royale" brachte, als Handlanger des Bösewichts Le Chiffre (Mads Mikkelsen). Seitdem pendelt der 43-jährige schwäbische Wahlberliner zwischen nationalen und internationalen Produktionen. Nun steht ein deutscher Titel an: das aufwühlende Drama "4 Könige" (Start: 3.12.), in dem Schick als Dr. Wolff vier problematische, weil mental angeknackste Jugendliche über die Weihnachtsfeiertage hinweg in einer Psychiatrie betreut - mit langer Leine und nicht ohne Komplikationen. Was Weihnachten für ihn bedeutet und dass er auch aufgrund seines letztjährigen Outings eine große Freiheit verspürt, erzählt Clemens Schick im Interview.

teleschau: "4 Könige" legt die Heuchlerei vieler Familien an Weihnachten bloß. Verderben Sie den Leuten nicht das Weihnachtsfest mit dem Film?

Clemens Schick: Ich finde, dass das der einzig wahre Weihnachtsfilm ist. Es wird die Liebe zu defekten Menschen erzählt. Wenn es bei Weihnachten um etwas geht, dann vielleicht darum, oder?

teleschau: In den zerrütteten Familien, die gezeigt werden, klappt dies aber nur bedingt.

Schick: Aber es klappt zwischen den Jugendlichen und dem Arzt. Zwischen ihnen entsteht etwas Großes.

teleschau: Dr. Wolff fragt seine jungen Patienten im Film, was ihnen bei Weihnachten in denn Sinn kommt. Was würden Sie antworten?

Schick: Weihnachten ist natürlich ein Moment des Innehaltens. Und da ich aus einer sehr großen Familie komme, die auf der Welt verstreut lebt, kommt für mich schon in den Sinn, dass man sich zumindest in Teilen irgendwo wiedersieht.

teleschau: Das klappt dann auch?

Schick: Dass sich alle sehen, ist nicht drin. Aber es gibt schon das Bestreben, dass man gemeinsam in einem Land feiert. Doch da gibt es keinen Druck. Wer es schafft, der schafft es. Muss aber keiner kommen.

teleschau: Hat sich Ihr Bild von Weihnachten arg geändert im Laufe der Zeit?

Schick: Ja, auf jeden Fall. Vor allem dahingehend, dass ich einst sehr christlich war und so Weihnachten eben auch eine religiöse Bedeutung hatte. Die hat es heute aber nicht mehr in diesem Sinne.

teleschau: Warum ging diese Bedeutung bei Ihnen verschütt?

Schick: Was sich einfach verändert hat, ist, dass ich keine Definition mehr brauche für das, was ich empfinde. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich ungläubig bin, aber ich brauche keine Institution mehr für mich. Da kann ich natürlich nur für mich reden. Jeder soll so leben, wie es ihn glücklich macht. Ich allerdings brauche keine Kirche mehr, keine Begrifflichkeiten.

teleschau: Wäre es damals schwierig für Sie gewesen, einen Film wie "4 Könige" zu drehen, der den religiösen Aspekt außen vor lässt?

Schick: Im Gegenteil. Wie gesagt zielt der Film auf den Kern ab, was Weihnachten sein sollte: ein Fest der Liebe. Eine Liebe, die den Menschen so sieht, wie er ist - mit all seinen Macken. Das ist doch eine größere Liebe, als eine Liebe, die sich etwas schön redet. Und in "4 Könige" geht es um eine Wahrheit, darum, sich anzunehmen, so wie man ist. Die vier Jugendlichen akzeptieren sich mit ihren Störungen. Und das ist meiner Meinung nach größer, als sich etwas zurechtzubiegen und so zu tun, als wäre alles gut.

teleschau: Haben Sie schon einmal so ein aufreibendes Weihnachtsfest erlebt?

Schick: Ich werde das nicht groß weiter ausführen, aber ich bin ein Scheidungskind. Solche Weihnachten kenne ich auf jeden Fall gut ...

teleschau: Und gaben Sie Ihren Eltern auch ab und an Grund, Sie über Weihnachten in eine ähnliche Einrichtung zu schicken, um wenigstens an Weihnachten ihre Ruhe zu haben?

Schick: (lacht) No comment! Ich war kein einfaches Kind, habe mir immer schwer getan mit Regeln. Das war für mich auch interessant in der Rollenarbeit: Meine Figur Dr. Wolff ist dem vermeintlichen Raufbold Timo (gespielt von Jannis Niewöhner, Anm. d. Red.) sehr nahe, was auch auf mich, Clemens Schick, zutrifft.

teleschau: Auch in diesem Ausmaß? Timo ist äußerst impulsiv, aggressiv, ein ständiger Gefahrenherd.

Schick: Nein. Ich habe niemanden die Nase gebrochen (lacht).

teleschau: Können Sie heute Ihren Gang ins Kloster vor über 20 Jahren auch mit dem Wunsch nach Struktur, nach Recht und Ordnung erklären?

Schick: In einem Kloster sind vielleicht äußerlich Strukturen und Regeln. Aber innerlich ist das Leben da nicht einfach. Das würde jetzt den Rahmen eines solchen Interviews sprengen. Ich kann nur sagen, dass innerlich die Zeit sehr aufwühlend ist. Vor allem zu Beginn. Das wird sich sicherlich irgendwann legen, das konnte ich allerdings nach acht Monaten dort nicht behaupten.

teleschau: Heute läuft Ihr Leben aber sehr wohl geregelter ab, so scheint es.

Schick: Ein Bedürfnis nach Recht und Ordnung hat sich bei mir nie wirklich entwickelt. Was aber nicht heißt, dass ich heute nicht strukturierter bin als früher. Dies gibt mir auch die Möglichkeit, in meiner Arbeit so frei wie möglich zu sein. Als Schauspieler braucht man diese Freiheit, eine Struktur drumherum schadet da aber nicht.

teleschau: Ganz gleich Ihrer "4 Könige"-Figur Dr. Wolff blieben Sie in Sachen Privatleben lange sehr verschwiegen. Vergangenes Jahr überraschten sie dann mit einem Interview, indem Sie sich als homosexuell outeten. Wie sehen Sie gut zwölf Monate später Ihre Entscheidung, ihre Sexualität öffentlich zu thematisieren?

Schick: Ich drehe gerade die schönsten Filme meiner Karriere. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Es ist kein Thema mehr heute, ich habe mich davon gelöst. Das war das Ziel. Da bin ich sehr froh darüber.

teleschau: Wenn man Ihren Namen bei Google eingibt, scheint das Thema aber noch nicht gegessen zu sein ...

Schick: Ach, das bekomme ich gar nicht mit. Vielleicht muss man sich da nur gedulden, dann sind meine Filme wieder wichtiger.

teleschau: Vorher war es Ihr Auftritt in "Casino Royale", mit dem Sie ständig in Verbindung gebracht wurden. Ein Fluch?

Schick: Ich habe mich da nie darauf reduziert gefühlt. Das war nur eine mediale Sache. "Bond" war nach zehn Jahren am Theater einer meiner ersten Filme. Und mit Kollegen wie Daniel Craig und Eva Green zusammenarbeiten zu können, ist ein Geschenk. Das hätte ich mir nie träumen lassen können. Ich verdanke dem Film so viel. Seitdem habe ich die Chance, mit so vielen tollen Regisseuren und Schauspielern zu arbeiten, in Brasilien, in den USA, in Deutschland und Österreich ... Ich bin gerade einfach glücklich. Und wenn es da ein Momentum gibt, auf Google oder in den Medien, dass dort bestimmte Sachen hervorgehoben werden, handelt es sich dabei ausschließlich um einen Massenmedium-Effekt, der mit meiner Lebensrealität nichts zu tun hat.

teleschau: Wie gelang Ihnen überhaupt der Schritt ins internationale Kino, bevor Sie im deutschen Film richtig Fuß fassen konnten?

Schick: Das ist eben in den USA und in Frankreich anders als bei uns, was mich auch so sehr reizt, dort zu arbeiten: Dort interessiert keinen, was man vorher gemacht oder erreicht hat. Und so hat es sich in den letzten Jahren gegenseitig hochgeschaukelt. Vielleicht bekomme ich in Deutschland nun auch mehr Kinorollen, weil ich eben auch im Ausland viel drehe.

teleschau: Wo liegt Ihr Hauptaugenmerk?

Schick: Auf beides. Das ist das Schöne an meinem Beruf. Ich werde wieder in Frankreich drehen, arbeite aktuell mit dem brasilianischen Filmemacher Karim Aïnouz erneut an einem Projekt. Was gibt's Größeres, als überall auf der Welt arbeiten zu können? Ich muss mich zum Glück überhaupt nicht einschränken.

teleschau: Was aber das gemeinsame Weihnachtsfest mit der Familie etwas schwieriger macht ...

Schick: Ja, dieses Jahr bin ich wohl in den USA, da "Point Break" am 15. Dezember in Los Angeles Premiere feiert (Deutschlandstart: 21.01.2016). Wo sich Familie treffen wird, steht noch nicht fest.

Quelle: teleschau - der mediendienst