Dark Places - Gefährliche Erinnerung

Dark Places - Gefährliche Erinnerung





Im Club der kleinen Richter

Libby Day ist eine hochgewachsene, noch junge Frau. Sie trägt sehr kurzes blondes Haar, das ihr zusammen mit ihren grünblauen Augen sehr gut steht. Doch sie zieht den Schirm ihrer Baseballmütze immer tief ins Gesicht, blickt meist etwas von unten herauf, bewegt sich schnell und gebeugt, raucht viel und hastig. Sie haust in einer Messie-Wohnung. Libby hat sich nie von einem schrecklichen Ereignis erholt: Als sie acht Jahre alt war, wurden ihre Mutter und ihre Schwestern brutal ermordet, ihr Bruder für die Tat verurteilt. Charlize Theron wird es reizvoll erschienen sein, Libby zu verkörpern - brachte ihr die Rolle einer seelisch zerrütteten Frau in "Monster" (2003) doch den Oscar. Als Mitproduzentin hätte sie jedoch darauf achten müssen, dass "Dark Places: Gefährliche Erinnerung" auch als Gesamtwerk funktioniert.

Als Überlebende des Massakers an ihrer Familie führte Libby zunächst ein auskömmliches Leben. Die Menschen hatten Mitleid mit der Kleinen, spendeten für sie, ein Bestseller über ihr Leiden erschien. Doch sie war nicht fähig, etwas für sich aufzubauen. Nun, als Enddreißigerin, hat sie gerade noch 400 Dollar und ist mit der Miete im Rückstand. Andernfalls würde sie wohl kaum das Angebot eines obskuren jungen Mannes namens Lyle Wirth (Nicholas Hoult) annehmen, für 500 Dollar bei einem Verein aufzutreten, der sich mit alten Mordfällen befasst.

Der Abend dort verläuft unangenehm. Libby wird als Lügnerin beschimpft, aber gleichzeitig gebeten, mit ihrem inhaftierten Bruder Ben (Corey Stoll) Kontakt aufzunehmen. Sie soll helfen, sein Verfahren wieder aufzurollen, denn man hält ihn für unschuldig. Libby ist entsetzt, weil nicht zuletzt ihre Aussage Ben ins Gefängnis brachte. Doch für etwas Geld überwindet sie sich, vertieft sich mit Lyle in den alten Fall und in ihre eigene düstere Vergangenheit. Seltsamerweise ist das jedoch weder spannend noch bewegend.

"Dark Places: Gefährliche Erinnerung" pendelt zwischen der Gegenwart und 1985. Libby besucht ihren Bruder im Knast und forscht bei ihrem versoffenen Vater nach, der die Familie schon vor langer Zeit verlassen hat. In den Rückblenden kämpft Libbys Mutter Patty (Christina Hendricks) verzweifelt gegen den Ruin ihrer Farm. Das geheime Leben des jungen Ben (Tye Sheridan) entrollt sich, seine Liebschaft mit der reichen Göre Diondra (Chloë Grace Moretz) ebenso wie der "Satanskult", dem er ihretwegen beitritt.

Warum die furchtbare Gewalttat in Libbys Elternhaus geschah, erscheint immer mehr als ein Rätsel. Doch dessen Auflösung enttäuscht auf doppelte Weise. Wie "Gone Girl" entstand "Dark Places: Gefährliche Erinnerung" nach einem Roman von Gillian Flynn. Blieb in "Gone Girl" unter Geschlechterkampf und Wiederentdeckung der Femme fatale verborgen, dass Flynn ihre Storys hanebüchen zusammenschustert, tritt diese Schwäche in der neuen Verfilmung gnadenlos zutage.

Auf banalste Art erweist sich nichts so, wie es scheint. Doch nicht einmal dem Zusammensetzen der einzelnen Puzzleteile weiß der Film etwas Dramatisches abzugewinnen. Der Fall schrumpft vom Thriller zum Charakterporträt zusammen - und gerät zum Vorwand dafür, dass Libby ihr Leben aufräumt. Was dabei in ihr abläuft, kann Charlize Theron außer durch schweres Ausatmen nicht nach außen transportieren. Wie frustriert von diesen Anstrengungen, durchbricht Theron am Schluss die Rollencamouflage und zeigt sich einfach lächelnd, wie sie ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst