Andrea Sawatzki

Andrea Sawatzki





Vom ganz normalen Wahnsinn an Weihnachten

Alle Jahre wieder Stress: Wer an Weihnachten Familie und Freunde ins heimische Wohnzimmer lädt, beschert sich selbst damit nicht selten weniger harmonische Festtage. In ihrer neuen TV-Komödie "Tief durchatmen, die Familie kommt" (Mo., 21.12., 20.15 Uhr, ZDF), der Verfilmung des gleichnamigen von ihr verfassten Romans, sieht sich Andrea Sawatzki (52, "Es kommt noch besser") an Heiligabend mit stichelnden Müttern, pubertierenden Kindern und einem genervten Ehemann konfrontiert - der ganz normale Weihnachtswahnsinn eben. Am Ende liegt das Problem aber nicht an der Familie, wie Sawatzki im Interview erklärt. Sie selbst feiert am 24. Dezember nur im engsten Kreis, verrät die Ehefrau von Christian Berkel.

teleschau: Frau Sawatzki, warum fliegen an Weihnachten so oft die Fetzen?

Andrea Sawatzki: Ich denke, das liegt an der Grunderwartung, ein schönes, harmonisches Fest zu feiern - und alle Probleme und Missverständnisse für den einen Abend hintanzustellen. Das kann natürlich nicht funktionieren. Gerade Dinge, die man schon länger einmal ansprechen wollte, brodeln an solch einem Abend extrem unter der Oberfläche. Der Vorsatz "Wir machen's uns jetzt mal gemütlich und sind nett zueinander", ist dann schwer umsetzbar.

teleschau: In Ihrem neuen Film, zu dem Sie auch die Romanvorlage geschrieben haben, streitet und stichelt die Familie so lange, bis die Situation eskaliert. Eigentlich liegt das Problem aber gar nicht an Weihnachten!

Sawatzki: Genau. Was mich interessiert hat, war die Ehe von Gundula und Gerald. Die Unmöglichkeit, sich nach so vielen Jahren zusammen noch auszutauschen, zu kommunizieren, das sehe ich bei ziemlich vielen Leuten in meinem Alter. In die Beziehung hat sich oft eine gewisse Behäbigkeit eingeschlichen, ein Sicherheitsgedanke ohne jede Empathie. Dadurch entsteht eine Sprachlosigkeit. Für das Buch habe ich nach einer Situation gesucht, in der sich der Zustand des Paares wie unter einem Brennglas noch einmal vergrößert. So kam mir Weihnachten in den Sinn. Ein Tag, an dem eine Beziehungskrise wirklich eskalieren kann.

teleschau: Ihre Rolle Gundula fühlt sich unverstanden und zu einem anderen Mann hingezogen. Sicherlich geht es vielen Frauen in ihrem Alter so. Woran liegt das?

Sawatzki: An der Sprachlosigkeit. Gundulas Mann Gerald hat sich über die Jahre hinweg völlig zurückgezogen, sich eingekapselt. Seine größte Leidenschaft ist leider nicht seine Frau, sondern seine Schlagermusik. Er sieht sich eigentlich als verkannter Schlagersänger - ein Hobby, das Gundula überhaupt nicht teilen kann. Das war von vornherein klar, aber die beiden dachten, sie könnten es durch Schweigen überwinden. Gundula auf der anderen Seite hat ihren Beruf früh aufgegeben und sich um die Kindererziehung gekümmert. Auch ihr fehlt dabei die große Leidenschaft. Sie fühlt sich auf allen Ebenen als Versagerin: Sie hat keinen Job, sieht sich von ihrem Mann nicht mehr als Frau akzeptiert und findet auch mit den pubertierenden Kindern keine Sprache.

teleschau: Sie sprechen von Leidenschaft. Ist das etwas, was Eheleuten allgemein in dieser Phase fehlt?

Sawatzki: Ja, ich denke schon. Das Problem ist, dass man sich so gut zu kennen glaubt. Gelegenheiten zum Flirten sind selten, es gibt also auch keine Eifersucht mehr. Die ist aber eigentlich sehr wichtig für den Fortbestand einer Beziehung.

teleschau: Gundulas Schwiegermutter gibt hierzu den Rat, eine kleine Affäre könne wieder neuen Schwung in die Beziehung bringen. Ist das ein völlig überzogener Spruch oder steckt da vielleicht doch etwas dahinter?

Sawatzki: Affären finde ich grundsätzlich sehr gefährlich. Es ist aber tatsächlich wichtig, eine gewisse Attraktivität aufrecht zu erhalten - auch für das eigene Selbstbewusstsein. Und nicht zu sagen: "Jetzt bin ich alt, jetzt guckt mich eh keiner mehr an." Man muss sich etwas Jugendlichkeit, eine gewisse Frische, sein Selbstbewusstsein und seine Neugier erhalten.

teleschau: Ist der Schlüssel - auch in der Ehe - am Ende, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen?

Sawatzki: Ja. Und auch die Fehler nicht immer nur beim anderen zu suchen. Das ist ja das häufigste Phänomen: Wer selbst unzufrieden ist, versucht, seinen Partner zu gängeln und ihn umzuerziehen, damit der wieder an Attraktivität gewinnt. Dabei übersieht man, dass man selbst in dem Moment das Problem ist und erst mal bei sich gucken sollte, was schiefläuft. Wie das aussieht? Vielleicht ein neues Hobby suchen.

teleschau: Wie viel Gundula steckt in Ihnen?

Sawatzki: Ich konnte mich schon sehr gut in sie hinein versetzen. Das mache ich aber bei all meinen Figuren so. Ich habe dann vorher keine Plot, sondern schreibe aus den Rollen heraus die Geschichte. Gerade habe ich meinen Psycho-Thriller "Der Blick fremder Augen" veröffentlicht - auch die junge Mörderin hat etwas von mir. Das ist bei all meinen Figuren so. Ich muss mich mit ihnen identifizieren können, um über sie zu schreiben.

teleschau: Im Gegensatz zu ihrer Rolle haben Sie ja einen sehr zeitintensiven Job. Wie kann Familie nebenher noch funktionieren?

Sawatzki: Ich schreibe nur, wenn ich nicht drehe. Dann meistens vormittags, während die Kinder in der Schule sind. Das ist nicht einfach, entweder die Klingel geht oder die Hunde müssen raus - irgendetwas ist immer. Wenn die Kinder dann kommen, höre ich auf und kümmere mich um die Familie. Ich bin aber auch ein Mensch, der nur unter diesem Zeitdruck funktioniert und kreativ sein kann.

teleschau: Kennen Sie den Familienstress an Weihnachten denn auch von Ihrer eigenen?

Sawatzki: Wir feiern Weihnachten nur in sehr kleinem Kreis, da ist es weniger chaotisch. Aber ich höre viele Geschichten und sehr viel Stöhnen - das sammle ich dann.

teleschau: Sie haben also selbst tatsächlich keine Lust, mit vielen Menschen Weihnachten zu feiern?

Sawatzki: Doch, unbedingt! An den beiden Weihnachtsfeiertagen haben wir immer das ganze Haus voll mit Freunden, Kindern und Jugendlichen. Ich würde auch gerne schon an Heiligabend einladen, aber meine Männer wollen diesen Abend in kleinem Kreis feiern - und vor allem mit den drei Hunden. Das ist ihnen sehr wichtig, deswegen müssen wir Weihnachten auch immer im Regen in Berlin sitzen. Sie wollen der Hunde wegen nicht aus dem Haus, weil die auch mitfeiern sollen.

teleschau: Helfen Ihr Mann und Ihre Söhne denn bei den Weihnachtsvorbereitungen?

Sawatzki: An Heiligabend kocht mein Mann. Mein jüngster Sohn und ich kümmern uns immer schon einige Tage vorher um die Schmückerei. Auch der Baum steht dann schon, damit bereits alles schön glitzert und glänzt. Bei uns wird es immer ziemlich bunt und kitschig an Weihnachten. Am 27. Dezember kommt aber alles schon wieder in den Keller. Es ist also nur von kurzer Dauer - aber sehr intensiv.

teleschau: Zu guter Letzt: Haben Sie einen Ratschlag für ein entspanntes Weihnachten trotz vieler Menschen?

Sawatzki: Ich würde das so machen: Jeder muss ein Gericht kochen, das lockert auf. Ich würde alle in die Küche schieben, wo jeder seine eigene Ecke zum Schnipseln bekommt, schöne Musik auflegen und Wein in die Nähe stellen. Dann wäre jeder gleich gefordert und gespannt, wie sein Gericht aufgenommen wird. Ich glaube, das würde funktionieren. Außerdem kann man sich an Weihnachten auch ruhig mal auf die Zunge beißen und Kritik fürs neue Jahr aufheben.

Quelle: teleschau - der mediendienst