Björk

Björk





Ein Stückchen mehr Menschlichkeit

Björk Guðmundsdóttir sitzt in einem freundlichen Hotel im Londoner Hipster-Stadtviertel Hoxton. Sie trägt ein grellrotes, mit Pailletten besticktes Oberteil, Leggins in gleicher Farbe, dazu rosa Halbschuhe. Ihre dunklen Haare hat sie zu zwei Pippi-Langstrumpf-Zöpfen geflochten, was ihr eine geradezu teenagerhafte Aura verleiht. Kann es wirklich sein, dass die isländische Popikone am 21. November ihren 50. Geburtstag feiert?

Man sieht ihr das runde Jubiläum nicht an. Und Björk selbst sieht die Sache sowieso entspannt. "Mir macht die Zahl überhaupt keine Angst", sagt sie. "Das hängt auch damit zusammen, weil ich schon vor langer Zeit aufgehört habe, das zu tun, was man von einer Frau in meinem Alter erwartet. Das Einzige, was mich wirklich am Altern stört ist, dass ich nicht mehr dieselbe Energie habe wie in meinen 20-ern." So etwas aus dem Munde einer Frau zu hören, für die Stillstand ein Fremdwort ist und die alles tut, um sich in die Karriere nicht zu wiederholen, dafür keine Herausforderung scheut, klingt fast paradox. Denn bisher hat sich Björk noch bei jedem ihrer Werke neu erfunden.

Was treibt sie mit 50 Jahren an? "Je älter ich werde, umso ehrlicher ist meine Beziehung zu meiner Musik. Entweder ich mache sie, oder ich sterbe. Wenn sie keiner hören wollte, wäre das auch okay." Björk war zwölf Jahre alt, als sie erstmals im Radio zu hören war und keine 16, als sie auf den Bühnen ihrer nordischen Heimat die Punk-Szene aufmischte. Die Tochter einer Umweltaktivistin und eines Gewerkschaftlers war eine extrovertierte Teenagerin, die ohne jede Hemmung ins Mikrofon brüllte. Als eine der Vokalisten des Avantgardepop-Sextetts The Sugarcubes erlangte Björk erste Bekanntheit. "In unseren Anfängen hielten uns die Leute in Island noch für komisch und merkwürdig. Sie haben wirklich mit Wut auf uns reagiert. Island war in den 80-ern noch recht provinziell in dieser Beziehung. Doch es heißt dort nicht umsonst: Du kannst kein Prediger im eigenen Land sein." Es brauchte gute Kritiken aus dem Ausland, bis The Sugarcubes auch in ihrer Heimat Gehör fanden.

Irgendwann wurde ihr diese Heimat zu eng. Sie zog nach London, startete nach der Auflösung der Band im Jahr 1992 eine Solokarriere, vor allem, um weiter Lieder zu schreiben - meist über sich selbst. Sie flirtete mit Dance-Acts wie Tricky, produzierte tolle Videos, landete Hits mit "Violently Happy" (1993), "Army Of Me" (1995) und "It's Oh So Quiet" (1995). Doch bald erschuf sich Björk Kunstfiguren, hinter denen sie komplett verschwinden konnte. Diese Charaktere zieren bis heute oft die Albentitel der klassisch an Klavier und Flöte ausgebildeten Musikerin und wurden Thema oder Teil ihrer aufwendigen Shows.

Björks Experimente mit elektronischen und organischen Sounds und technischen Spielereien wurden über die Jahre immer verrückter - so wie ihre Kostüme. Für das Album "Biophilia" von 2011 erschuf sie eine ganze multimediale Welt samt eigens designter App. "Es ist wohl so, dass ich bei jedem Projekt ein persönliches Tabu zu brechen habe. Ich weiß selbst nicht, warum. Es gibt mir einfach den Kick, und das ist auch mit 50 noch so", stellt Björk fest. Privat ist sie eher scheu und legte sich auch deshalb schon das eine oder andere Mal mit aufdringlichen Paparazzi an.

"Natürlich sind da auch Dinge, die mir in all den Jahren immer treue Begleiter waren: wie die Natur, elektronische Musik, Stimmen und Chöre", fährt sie fort. Anfang des Jahres erschien mit "Vulnicura" ihr achtes Studioalbum, auf dem sich Björk vielleicht zum ersten Mal von der verletzlichen Seite zeigte. Auf "Vulnicura", was ein Spiel mit den lateinischen Worten für Wunde und Heilung ist, beschäftigt sie sich mit der schmerzvollen Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten Matthew Barney, selbst ein Künstler. Mit 50 steht die Mutter zweier Kinder also als Alleinerziehende da.

Künstlerisch zeigt das Album eine neue Björk: Für viele hat sie nun endlich wieder etwas Menschliches: "Das kann ich nachvollziehen. Es war ein großer Wandel in meinem Leben. Aber es ist alles gut. Das Album war definitiv das schmerzhafteste, was ich je gemacht habe, aber auch das magischste", findet die Sopranistin. Wie hat ihre Familie auf den musikalischen Seelenstrip reagiert? "Sie sind da für mich, egal, was ich tue und durch welche Hochs und Tiefs ich gehe. Ich bin auch froh, dass sich meine Leute gar nicht dafür interessieren, was ich beruflich mache. Wenn ich von ihnen umgeben bin, bin ich einfach nur ich und nicht die Person, die ein Album gemacht hat." Ihre Tour zur Platte hat sie im Sommer dennoch abgebrochen. "Ich war emotional einfach durch mit dem Thema", offenbart die ebenfalls als Schauspielerin mehrmals ausgezeichnete Musikerin ("Dancer In The Dark", 2000).

Stattdessen hat Björk mit "Vulnicura Strings" eine akustische Streicherversion des Werkes aufgenommen, wofür sie Arrangements auf der weltweit einzigen Viola Organista einspielte; jenem Instrument, das Leonardo Da Vinci entwarf, zu Lebzeiten jedoch nie erleben durfte. Es sieht aus wie ein Klavier und vereint Elemente von Geige und Orgel, indem ein Traktionsriemen die Saiten in Schwingung versetzt, die wiederum durch Anspielen von Tasten ausgewählt werden. Hört sich kompliziert an, sieht aber schön aus und klingt noch besser. "Ich habe vor zwei Jahren einen Clip auf Youtube gesehen, der mich auf das Instrument aufmerksam machte. Ich war gleich Feuer und Flamme dafür und auch sehr ungeduldig, es einzusetzen. So bin ich immer. Aber es ist wichtig, auf den richtigen Moment zu warten, an dem alles passt."

Trotz ihres turbulenten Jahres findet Björk immer noch Zeit, sich für die Natur in ihrer Heimat Island einsetzen, wo die 13-fach für einen Grammy nominierte Sängerin und Komponistin - gewonnen hat sie nie einen - die Hälfte des Jahres verbringt (die andere Hälfte lebt sie in New York). So wie jüngst, als sie über die sozialen Netzwerke dazu aufrief, eine Petition zu unterzeichnen, die die Regierung vom Bau einer Stromtrasse und mehrerer Kraftwerke in den isländischen Highlands abhalten soll. "Früher bin ich dort oftmals allein wandern gegangen", erinnert sich Björk. "Die Natur meiner Heimat war immer die größte Inspiration für mich."

Wo wird sie ihren 50. Geburtstag feiern? "Irgendwo in Island mit Freunden. Ich weiß es selbst nicht so genau." Als Künstlerin wurde sie indes schon diesen Sommer groß gefeiert: Aufgrund ihrer Bedeutung als weiblicher Popstar bekam sie als erste Musikerin eine Einzelausstellung im Museum Of Modern Art in New York. Herzlichen Glückwunsch, Björk!

Quelle: teleschau - der mediendienst