Heidi

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Kein Kinderspaß

Eine Heldensaga aus Kindertagen: Das Schweizer Waisenkind Heidi, das bei seinem störrischen Großvater aufwächst, erobert sowohl dessen Herz als auch andere seit weit über 100 Jahren im Sturm. Zweifellos ist es eine internationale Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht: Das Buch von Johanna Spyri wurde in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 50 Millionen Mal verkauft. Die gleichnamige, aus 52 Folgen bestehende Zeichentrickserie aus den 70er-Jahren wurde Kult - eine japanische Produktion, bei der auch der spätere Oscar-Preisträger Hayao Miyazaki ("Chihiros Reise ins Zauberland", 2001) mitwirkte. Nun hat der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Alain Gsponer ("Kiki und Tiger", 2002, "Rose", 2005) den Stoff auf seine Weise adaptiert.

Die Geschichte: Das kleine Waisenmädchen Heidi (wunderbare Neuentdeckung: Anuk Steffen) wächst bei ihrem Großvater, dem einsilbigen Almöhi (Bruno Ganz), in den Schweizer Bergen auf. Heidis bester Freund ist der Geißenpeter (Quirin Agrippi), mit dem sie Tag für Tag die Ziegen hütet. Ein glückliches, unbeschwertes Dasein führt sie da, bis ihre Tante Dete (Anna Schinz) kommt und sie nach Frankfurt in ein piekfeines, großbürgerliches Heim entführt, wo Heidi die im Rollstuhl sitzende Klara (Isabelle Ottmann) bespaßen soll. Was nicht ganz einfach ist: Zum einen, weil das zwanghafte Fräulein Rottenmeier (brillant in der Rolle der disziplinierten Furie: Katharina Schüttler) keine Leichtigkeit erlaubt und Heidis eigene Bedürfnisse völlig irrelevant sind. Erst als das entfremdete Mädchen vor Heimweh ganz krank wird, darf sie in ihre Heimat zurück.

Nach unzähligen, mehr oder weniger bemühten Adaptionen des Kinderbuch-Klassikers von Johanna Spyri wagt sich der gebürtige Schweizer Gsponer an ein Revival der Schweizer Nationalheldin. Allerdings hat Gsponer eine andere Zielgruppe im Visier als eine unbedarfte, fröhliche Kinderschar. Seine Neuverfilmung ist vielmehr ein feinfühliges, kritisch zu verstehendes Sozialdrama, das bewusst Erwachsene anspricht und die gezeigten Milieus hinterfragt. Die zersauste Titelheldin ist dabei liebenswert wie eh und je, aber der Erzählton, den der Film anschlägt, ist ernster.

Drehbuchautorin Petra Volpe hatte keinerlei Interesse an einer Idealisierung, sondern an einem sorgfältig recherchierten Realismus. Und die Tatsache, dass das wilde Bergkind Heidi von ihrer Tante Dete an die feinen Herrschaften für ein paar Münzen verkauft wird, offenbart eine wüste Form von Diskriminierung. Gleichzeitig hat das Leben in der gleichwohl malerischen Schweizer Bergwelt mit Romantik nicht viel zu tun, sondern dokumentiert vielmehr ein arbeitsreiches Dasein, in dem Armut und Ignoranz vorherrschen.

Der große, wunderbare Schweizer Schauspieler und Hitler-Darsteller Bruno Ganz ("Der Untergang", 2004) spielt den sardonischen Einsiedler Almöhi mit einer knöchernen Schroffheit, die bisweilen verstörend ist. Das Ensemble dieses Films ist überhaupt bemerkenswert: Neben den beiden Neuentdeckungen Anuk Steffen und Quirin Agrippi, die unter 500 Kindern ausgewählt wurden und erstmals vor einer Filmkamera stehen, glänzen Hannelore Hoger als Klaras milde Großmutter, Peter Lohmeyer als Hausdiener und Jella Haase (in den "Fack ju Göthe"-Filmen auf die Proll-Schülerin abonniert) als französisches Hausmädchen.

So prallen hier wie in den literarischen Vorlagen Spyris zwei gegensätzliche Welten aufeinander: das simple Schweizer Bergbauern- und das städtische Großbürgertum. Und Heidi, das herzliche, ungestüme Mädchen gerät wider Willen zwischen die Fronten und muss sein Glück finden. Wobei sie mit unbeirrter Leichtigkeit dort Brücken baut, wo fragwürdige gesellschaftliche Abgründe klaffen.

Quelle: teleschau - der mediendienst