Mistress America

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Lebenskunst and the City

Eigentlich besitzt ja nur Mainstream-Hollywood so etwas: ein Traumpaar, auf das sich alle einigen können. Etwa Brad Pitt und Angelina Jolie. Ihre Perfektion gehört zum Spektakel der Filmindustrie ebenso wie Glanz, Glamour, Drogen und Skandale. Doch im Indie-Kino? Jenem Hort fortschrittlichen Denkens, das am liebsten die kleinbürgerliche Zweisamkeit abgeschafft sähe? Ja, auch der Arthouse-Film hat seine Lieblingsbeziehung: Noah Baumbach und Greta Gerwig begeistern seit "Greenberg" nicht nur als intellektuell-charmantes Liebespaar und brillante Regisseur/Darsteller-Kombi. Sondern auch als Autorenduo: Nach dem umjubelten Meisterwerk "Frances Ha" folgt nun mit "Mistress America" ihre nächste gemeinsame Tragikomödie. Und die beweist erneut, welch enorme kreative Kraft in einem, nunja, wahren Künstler-Traumpaar stecken kann.

Greta Gerwig und ihr Schauspiel muss man einfach gern haben: in der quirligen Atemlosigkeit, der chaotischen Weltsicht ihrer Figuren, die so mancher Kritiker seit "Greenberg" sicher als ewig gleich gestrickt bezeichnen würde. Ein ebensolcher Charakter - liebenswert und ihren früheren Rollen wieder sehr ähnlich - ist auch Brooke.

Doch die vor Energie überquellende Anfangdreißigerin nimmt in "Mistress America" keineswegs den Part der verunsicherten, gehetzten jungen Frau ein. Sondern jenen der selbstsicheren, gehetzten nicht mehr so jungen Frau. Ein kleiner Unterschied, der sich vor allem deutlich abzeichnet, weil Gerwig/Baumbach ihr eine wirklich deprimierte Fastnochpubertierende an die Seite stellen: Tracy, verkörpert von der einnehmenden Lola Kirke, die sich seit "Gone Girl" anschickt, den Charme-Thron zu erobern.

Besagte Tracy ist gerade 18 und jüngst zum Literaturstudium nach New York gezogen. Bald schon merkt sie, dass in der großen Stadt nicht unbedingt das spannende kosmopolitische Uni-Leben auf sie wartet, das sie sich ausmalte. Es dauert nicht lang, bis sich die junge Frau aus der Provinz wirklich einsam fühlt. Zu ihrem Glück kommt an dieser Stelle paukenschlaggleich Brooke ins Spiel, die Tracy auf den Vorschlag ihrer Mutter hin kontaktiert. Das blonde Energiebündel ist nicht nur die Tochter von Mutters Freund, was sie zu Tracys künftiger Stiefschwester macht, sondern vor allem die New Yorker Lebenslust in Person. Mit ihrem lässigen Blick auf die Dinge, ihren außergewöhnlichen Ideen und ihrem urbanen Lebens(künstler)stil fasziniert die unentwegt hoffnungsfrohe Großstädterin die erst skeptische, doch dann zutiefst beeindruckte Tracy.

Brooke weiht die junge Neu-New-Yorkerin in das hippe Big-City-Life ein, zeigt ihr, wie man sich als Lebenskünstlerin im kreativ-kapitalistischen Blackhole durchschlägt und überzeugt sie davon, eine Menge abgefahrenes Zeug mitzumachen. Vor dieser sich anbahnenden Freundschaft entspinnt sich die bis ins kleinste Detail liebevoll durchdachte Story, der eines der wohl besten Drama-Comedy-Drehbücher seit Jahren zugrunde liegt. Eines, das zwar völlig unrealistisch, überdreht und konstruiert daherkommt, aber in seiner Screwball-Comedy-Tradition und vor allem in seinen Wahnsinns-Dialogen der Perfektion nahekommt. Ihren Beitrag dazu liefern natürlich die Baumbach-typischen intellektuelle Anspielungen und popkulturellen Referenzen, die man aus seinem letzten Film "Gefühlt Mitte Zwanzig" noch frisch vor Augen hat.

Ebenso wie das Vorgängerwerk widmet sich auch "Mistress America" dringlichen Generationsfragen. Gerade weil Brooke und Tracy wenig mehr als zehn Jahre trennen, geraten die Unterschiede zwischen Noch-nicht- und Nicht-mehr-Zwanzigerin, zwischen Noch-Teenie und Bald-wirklich-Erwachsener so wundervoll nuanciert. Und nicht nur das: Als (mittel-)junge Frauen handeln, denken und fühlen beide, ohne dass sie das Drehbuch dabei über Männer, Liebesbeziehungen oder die übliche Suche danach definiert. Erwähnenswert ist das, da sich insbesondere das Genre der nicht selten intellektuell verbrämten Tragikomödie à la Woody Allen dahingehend oft erbärmlich konventionell zeigt. Womöglich braucht es paradoxerweise ein Autoren-Traumpaar wie Baumbach und Gerwig, um diese Konventionen zu durchbrechen.

Quelle: teleschau - der mediendienst