Der kleine Prinz

Der kleine Prinz





Gebt die Sterne wieder her

Wie wäre das, wenn es nur noch alte Menschen gäbe und keine Kinder mehr, wenn alle wie Maschinen sich verhalten würden und die Nacht keine Sterne hätte? "Der kleine Prinz" in 3D schreckt mit einer düsteren Zukunft, die glorreich überwunden werden muss. Als sei die Vorlage von Antoine de Saint-Exupéry nicht gut genug, ersinnt amerikanisches Animations-Kino eine Fortsetzung des modernen Kunstmärchen-Klassikers, der es wohl nicht an Action gebricht, dafür aber an Zauber. Denselben Titel dafür zu gebrauchen, ist fast schon dreist. Dieser kleine Prinz stellt den jugendlichen wie den erwachsenen Publikumsgeschmack auf eine harte Probe.

Ein kleines Mädchen möchte auf eine Eliteschule aufgenommen werden. Nein, ihre Mutter will es, und tut alles dafür, dass es gelingt. Die sechs Wochen bis zur Aufnahmeprüfung plant sie knallhart für ihre Tochter durch: Früh aufstehen, essen, lernen, etwas Sport, wieder lernen, essen, wieder lernen. Auf einer riesigen Magnettafel muss die Kleine ihre Fortschritte dokumentieren, mittels Schiebern verrückt sie darauf kleine Plättchen, die mit ihren Tätigkeiten beschriftet sind. So geht das tagein, tagaus.

Der Erwachsene im Publikum und sein Kind finden das Mädchen mit dem großen Kopf und den Kulleraugen auf schmächtigem Körper niedlich und wollen der Mutter mal gehörig die Meinung sagen. Aber wenn sie die Buchvorlage kennen, werden sie unruhig. Sie kommen sich vor wie im falschen Film: Wo ist der Pilot, der die Notlandung hinlegt? Wo ist die Wüste? Wo steckt vor allem der kleine Prinz, den der Pilot trifft?

Wenigstens die Frage nach dem Piloten klärt sich bald. Es handelt sich um den alten Mann, der im abbruchreifen Haus neben der ehrgeizigen Mutter und ihrer Tochter wohnt. Seine Versuche, ein antiquiertes Flugzeug zu starten, haben die unmittelbaren Nachbarn vertrieben. Die Mutter ist dort eingezogen, um in der Nähe der Eliteschule zu sein. Und der kleine Prinz? Der flattert in Zeichnungen und Geschichten auf verstreuten Blättern zu dem kleinen Mädchen.

Nur in sehr geringen Dosen, in schlichten Kulissen, die nach Pappmaché aussehen, mit schmächtigen, abstrakt gehaltenen Figuren tröpfeln nun einige Episoden aus Saint-Exupérys Buch in den Film. Der kleine Prinz begegnet dem Piloten in der Wüste, erzählt von seinem winzigen Planeten und davon, wie er auf anderen Asteroiden den eitlen Mann und den Sternenhändler trifft, wie er sich in seine Rose verliebt und nach dem Ausflug auf die Erde durch seinen Tod nach Hause zurückkehren will.

Das Gelöbnis des Piloten, den kleinen Prinzen zu suchen, wird zum Sprungbrett der Fortsetzung mit den Mitteln des voll ausgemalten, tricktechnisch-dynamischen Animationskinos. Der alte Mann und das kleine Mädchen schließen Freundschaft. Sie wird umsetzen, was ihm verwehrt ist: sein Flugzeug zu starten und den kleinen Prinzen zu finden, der nun als Arbeitssklave dem eitlen Mann wie dem Sternenhändler dient, der einen besonders dunklen Nachthimmel beherrscht.

Den Stoff zu emanzipieren, indem ein kleines Mädchen eine tragende Rolle erhält, ist sicherlich ein begrüßenswerter dramaturgischer Kniff. Aber bedarf es dazu einer umständlichen Rahmenhandlung? Hätte nicht der kleine Prinz mit seinem ganzen melancholischen Charme einfach in die Welt von heute eintreten dürfen? Saint-Exupérys Botschaft, man sehe nur mit dem Herzen gut, bleibt erhalten. Nur fällt die kreative Formulierung recht grobschlächtig, geheimnislos und kitschig aus. Gebt die Sterne der Poesie wieder her!

Quelle: teleschau - der mediendienst