Hana und Hans W. Geißendörfer

Hana und Hans W. Geißendörfer





Wie vererbt man eine Fernsehserie?

Happy Birthday, "Lindenstraße"! Der TV-Kult feiert am 6. Dezember sein 30-jähriges Jubiläum. Während sich in den letzten drei Jahrzehnten die Welt da draußen immer schneller gedreht hat, ist in der Serie - bei allen aktuellen Bezügen - vieles unverändert: Gabi und Andy Zenker streiten und lieben sich, Gung Pham Kien bedient Dr. Dressler, und die "Mutter der Nation" Helga Beimer sorgt sich immer noch rührend um ihre Familie. Also alles beim Alten? Keineswegs! Hinter den Kulissen gab es in diesem Jahr einen gewaltigen Umbruch: Der Schöpfer und Produzent der immer sonntags, 18.50 Uhr, im Ersten ausgestrahlten Serie, Hans W. Geißendörfer, gab das Zepter an seine Tochter ab - Hana Geißendörfer ist mittlerweile verantwortlich für die kreativen Entscheidungen in der "Lindenstraße". Im Interview verraten die beiden, wie es dazu kam, wie es funktioniert - und worüber Hana schon lange vor ihrem ersten Praktikum mitbestimmen durfte.

teleschau: Dass ein Handwerksbetrieb in der Familie bleibt, passiert ja öfter, auch von Industrie-Dynastien kennt man das - aber eine TV-Serie als Familienbetrieb ist ein ziemliches Novum!

Hans W. Geißendörfer: So war das auch nicht geplant.

teleschau: Wie kam es denn dazu?

Hans W. Geißendörfer: Erst sind die Mitarbeiter zu meiner zweiten Familie geworden. Und ich habe drei Töchter, die alle Kreativberufe haben - eine macht Theater, die andere Werbung, Hana hat sich halt für Film entschieden. Sie war auf den Akademien, hat dann bei uns in der "Lindenstraße" mit Praktika angefangen, über Jahre, Drehbücher geschrieben und war in den Storylines drin. Parallel dazu hatte ich Lust, mich wieder im Kino zu betätigen und habe eine Dokumentarserie über die Zukunft der Meere entwickelt. Für die brauche ich Zeit.

teleschau: Wer von Ihnen kam denn dann auf die Idee, die Serie innerhalb der Dynastie weiterzugeben?

Hana Geißendörfer: Das ist einfach so passiert.

Hans W. Geißendörfer: Das ist nicht einfach so passiert. (zu Hana) Ich habe mir da schon Gedanken gemacht, ob ich dir das zumute, ob ich damit nicht zu stark in deine Zukunftsplanung eingreife. Aber dann habe ich das Angebot gemacht. Wenn die Hana nicht wäre, hätte ich vielleicht damals den Vertrag auch von mir aus nicht mehr verlängert.

teleschau: Wie haben Sie auf das Angebot reagiert, Frau Geißendörfer?

Hana Geißendörfer: Da war von allem was dabei, Angst, aber auch große Freude. Es ist eben eine gewaltige Verantwortung, aber es macht auch sehr viel Spaß. Über die Jahre bin ich da ja schon reingewachsen, ich habe verstanden, worum's geht, was wichtig ist - und auch, was ich kann und was nicht.

teleschau: Herr Geißendörfer, fällt es Ihnen schwer, allmählich loszulassen? Sie sind ja noch involviert, haben aber das Tagesgeschäft abgegeben

Hans W. Geißendörfer: Ich habe gar nicht das Gefühl, loszulassen. Erstens bin ich bestens informiert - zumindest glaube ich das (lacht) -, und zweitens habe ich ja noch Verantwortung zurückbehalten, und zwar die wichtigste: Über die Finanzierung und die Einhaltung der Budgets. Ich habe damit eigentlich nur Freude, vor allem, weil ich sehe, dass es klappt. Neulich saß ich bei einer Teamsitzung, da ging es um das 30-jährige Jubiläum, wir haben uns gefragt, wer auf der Feier die Laudatio halten soll und haben ewig rumgerätselt. Bis einer sagte: "Ach Hans, morgen ist ja die Hana wieder da, der fällt bestimmt was Gutes ein." Gut, danke, Sitzung beendet. Aber das kränkt mich nicht, im Gegenteil: Das zeigt mir, dass sie das Vertrauen der Leute hat. Ich muss ihr dankbar sein, dass sie mit so viel Kraft und Energie hier rangeht.

teleschau: Und wie fühlen Sie sich damit, dass Ihr Vater noch dabei ist, Frau Geißendörfer? Eher unterstützt oder eher gemaßregelt?

Hana Geißendörfer: Über die Schulter geschaut, auf die Finger geklopft - überhaupt nicht. Natürlich ist es eine Art Rückversicherung. Aber auch da gibt's einen Abnabelungsprozess. Früher habe ich immer gefragt: So und so würde ich's machen, ist das okay für dich? Heute mach ich's, und dann informiere ich ihn. (lacht) Aber bei Themenfindung und Gewichtung ist es total bereichernd, den Papa noch zu haben.

Hans W. Geißendörfer: Das Team - Autoren und Schauspieler - kapiert, wenn einer seinen Job kann oder nicht kann. Und das funktioniert toll.

teleschau: Haben Sie durch die Zusammenarbeit neue Seiten aneinander entdeckt oder wurden Ihre Vorstellungen voneinander eher bestätigt?

Hana Geißendörfer: (zu Hans) Also, dass du stur bist, das hat sich bestätigt (lacht)

Hans W. Geißendörfer: Das kann man aber auch höflicher ausdrücken ...

Hana Geißendörfer: Dafür hat es mich überrascht, wie leicht du loslassen und abgeben kannst.

Hans W. Geißendörfer: Das überrascht mich ja selber. (beide lachen) Was mich bei Hana überrascht hat, ist ihr Mut. Es ist ja nicht so einfach, in ein geformtes Team, das seit Jahren zusammenarbeitet, einfach reinzugehen und den Ton anzugeben. In anderen Fällen würde das Team vielleicht meutern: Die denkt, sie ist die Tochter vom Chef und kann deshalb große Töne spucken. Aber Hana hat eben keine großen Töne gespuckt, stattdessen ist es ihr schnell gelungen, das Vertrauen zu gewinnen.

teleschau: Frau Geißendörfer, erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal am Set? Das wird ja nicht erst beim ersten Praktikum passiert sein.

Hana Geißendörfer: Wir sind ja in London groß geworden, es war also nicht Alltag, mal eben hier vorbeizuschauen. Aber ich erinnere mich wirklich noch an das erste Mal. Damals habe ich einen Eimer Wasser in ein Spülbecken geschüttet - das kam natürlich alles unten raus, weil's halt nicht echt war, und hat den gesamten Studioboden versaut. Die Realität und die Größe dieser Kulisse haben mich eben total beeindruckt. Wie viele Wohnzimmer, wie viele Kostüme, alles eingerichtet mit Messer, Gabel, Gläsern und so persönlich - es war eben eine eigene Welt. Sehr beeindruckend für so ein kleines Mädchen. Sieben war ich, oder? (zu Hans) Weißt du das noch?

Hans W. Geißendörfer: Ja, sieben müsste passen. Es hat relativ lange gedauert, bis ich euch in die heiligen Hallen geführt habe. Aber bei uns ist es Tradition, dass der Beruf den Alltag der Familie wenig beeinflusst. Ich trenne das sehr genau, nicht nur, weil wir in anderen Ländern arbeiten. Wenn i dahoam bin, bin i dahoam. Wobei: Wenn es um die Besetzung junger Männer ging, hab ich die Castingtapes oft meinen Töchtern vorgeführt.

Hana Geißendörfer: Oh ja. Ich erinnere mich noch an den Joris, der den Alexander Behrend gespielt hat ... (Joris Gratwohl hatte seinen ersten "Lindenstraßen"-Auftritt im Jahr 2000, d. Red.)

teleschau: Waren Sie eigentlich ein Papakind?

Hans W. Geißendörfer: Ich hör weg.

Hana Geißendörfer: Ich weiß nicht, ja, vielleicht schon. Aber wir waren alle Papakinder.

Hans W. Geißendörfer: Ihr hattet auch einen aktiven Vater. Darauf habe ich viel Wert gelegt, dass ich - egal wo auf der Welt ich gerade war - am Freitagabend im Flieger nach Hause sitze.

Hana Geißendörfer: Auch in den Ferien waren wir immer über langen Strecken zusammen und haben viel unternommen.

Hans W. Geißendörfer: Es hat immer gut geklappt, die Familie zusammenzuhalten.

teleschau: Haben Sie sich bei der Arbeit, gerade bei der thematischen Ausrichtung, auch schon mal in die Haare gekriegt?

Hans W. Geißendörfer: Bisher nicht, und ich glaube auch nicht, dass das passieren wird. Ein weiterer Glücksfall ist ja, dass wir uns politisch sehr ähnlich sind. Sie hat jetzt vielleicht in ihrer Jugend keinen SDS gegründet, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Und das Herz sitzt nun mal links. Wenn ich morgen weggehe, wird sie kein Thema verändern. Ich hab halt einfach Glück. Auch mit meinen anderen Kindern. Wir hatten nie diese ideologischen Probleme, dass ein Kind einen Weg geht, mit dem die Eltern nicht zurechtkommen.

teleschau: Gibt es etwas, was Ihre Tochter niemals mit der "Lindenstraße" machen dürfte?

Hans W. Geißendörfer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das machen würde, aber klar gibt es das. Zum Beispiel eine Geschichte, in der eine Minderheit denunziert wird, ohne dass das im Anschluss aufgelöst wird. Oder wenn sie unsere Homosexuellen rausschreiben würde. Alleine das gäbe Krieg. Würde sie aber auch nicht tun. Die Seele unserer Serie besteht darin, dass auch Minderheiten eine Würde und eine Geschichte haben, die sich zu erzählen lohnt, auch mal aus einer anderen Perspektive als das typische Fernsehspiel.

Quelle: teleschau - der mediendienst