Im Herzen der See

Im Herzen der See





Jagdszenen auf dem Meer

Wedelt ein Hund mit dem Schwanz, heißt das: Der hat dich lieb. Wedelt ein Wal mit der Schwanzflosse, ist er wohl eher zornig. Das Segelschiff Essex und seine Besatzung bekommen dies zu spüren. Die Bordwand bricht wie mürbes Brot. Segel zerreißen wie Papier. Masten und Wanten zersplittern zu herumfliegenden hölzernen Dolchen. Hochgeschleuderte Anker rasieren geschossartig das Deck. Rette sich, wer kann! Doch welcher Wal bringt solche Zerstörung zustande? Kein Geringerer als das Vorbild für den legendären "Moby Dick" in Herman Melvilles gleichnamigem Roman. Der zweimalige Oscar-Gewinner Ron Howard ("Apollo 13", "A Beautiful Mind") inszeniert ein visuell mitreißendes 3D-Abenteuer um einen literarischen Mythos und eine wenigstens teilweise wahre Geschichte.

Man schreibt das Jahr 1850. Der noch junge Autor Herman Melville (Ben Whishaw) begibt sich nach Nantucket, der Insel vor Massachusetts, auf der die Walfangindustrie ansässig ist. Aber nicht, um wieder in See zu stechen, sondern um einen Überlebenden der Essex zu sprechen. Die lieferte sich 30 Jahre zuvor auf den Weiten des Meeres Jagdszenen mit einem scheinbar übermächtigen Wal. Melville wittert die Inspiration für einen grandiosen Roman. Doch Old Thomas Nickerson (Brendan Gleeson) ist gar nicht recht nach Erzählen dieser für ihn so traurigen Geschichte zumute.

Von Anfang an steht die Walfang-Expedition der Essex im Jahre 1820 unter ungünstigen Vorzeichen. Dazu trägt die Rivalität zwischen dem arroganten Captain George Pollard (Benjamin Walker) und dem raubeinigen Obermaat Owen Chase (Chris Hemsworth) nicht wenig bei. Der zweite Maat Joy (Cillian Murphy) muss vehemente Streitigkeiten zwischen seinen Vorgesetzten schlichten. Außerdem machen sich die Wale rar. Als die Crew endlich wieder welche harpunieren kann, befindet sich zwischen ihnen ein besonders großes Exemplar, das sie das Fürchten lehren und sie geduldig verfolgen wird. Wer bleibt hier Sieger?

Auf diese Frage schwört der Film eigentlich ein, ohne sich jedoch mit ihr zufrieden zu geben. Das Jagdfieber in Chase trifft auf ruhigere, ja skeptischere Temperamente in der Mannschaft. Ein fröhliches Waleabschlachten zu zeigen oder ein verbissenes Duell zwischen Mensch und böser Natur wie "Der weiße Hai" verbietet sich ohnehin in diesen ökologiebewussten Zeiten mit ihrer Einsicht in die tiefdunklen Seiten der eigenen Spezies. Stattdessen bricht der gewaltige Kopf des Wals bisweilen nur durch die Wasseroberfläche, um die Männer der Essex mit einer Mischung aus Zorn und moralischer Überlegenheit anzuschauen.

Der Gegner wird zum Mahner gegen den brutalen Raubbau an den Ressourcen. Walfang mündet in Überlebenskampf und zweifelnde Selbstbefragung. Nicht Hybris und Vergeblichkeit wie in Melvilles "Moby Dick" macht die Auseinandersetzung mit dem Tier sichtbar, sondern das Unrecht, der anderen Kreatur nach dem Leben zu trachten. Etwas gewollt konstruiert Howard daraus mit Hilfe der historischen Begebenheiten um die Essex die Konsequenz der Selbstvernichtung.

"Im Herzen der See" ächzt schon ein bisschen unter symbolischer Überladenheit. Aber die hervorragende 3D-Technik lässt davon wenig spüren. Die Trümmerteile der Essex fliegen im Kinosaal um die Ohren. Doch der nachdenkliche Teil geht nicht weniger nahe. Denn Melville und Old Nickerson in ihrem gelehrten Gespräch und Chase und Pollard in ihrer zunehmend aussichtslosen Situation ragen zum Greifen gegenwärtig im Publikum auf.

Quelle: teleschau - der mediendienst