Love

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Liebe, Sex und Riesenpenis

Wird ein Film schon vor seiner Veröffentlichung kontrovers diskutiert, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um das neue Werk von Gaspar Noé. Mit dem expliziten Liebes-Sex-Drama "Love" bestätigt der argentinisch-französische Autorenfilmer nun abermals seinen Ruf als eigenwilliges Enfant terrible. Nachdem er 2002 mit einer fast unerträglichen Vergewaltigungsszene in "Irreversible" schockierte und seinen Protagonisten 2009 in "Enter the Void" einen psychotisch-sexuellen Drogentrip durchleben ließ, kommt Noés existenzialistisches Kino des Körpers nun zur Essenz menschlichen Seins. Selbstredend, dass sich "Love" den Themen Liebe, Sex, Trennung und Leid nicht nur poetisch und erzählerisch überzeugend nähert - sondern diese mit echten Sexszenen und ohne moralische Tabus visuell eindrucksvoll zelebriert.

Warum filmt gerade ein Autorenfilmer ein Liebesdrama in 3D? Gaspar Noé beantwortet diese Frage in "Love" mit einer Szene, über die man noch viel reden wird: Beinahe bedrohlich ragt ein riesiger erigierter Penis von der Leinwand in Richtung Publikum - und ejakuliert gleichsam in selbiges. All die Raumschiffe, Actionhelden und Schießereien, die der dreidimensionalen Technik bislang ihre Existenzberechtigung verliehen, scheinen in jenem denkwürdigen, fast monumentalen Moment der Kinogeschichte vergessen. Ob als männliche Omnipotenzfantasie, lustvolle Publikumsbeleidigung oder einfach wirkungsvoller Gag - wie auch immer jener schon jetzt legendäre Ausschnitt gedeutet werden mag: Den Penis vergisst man nicht.

Dabei wäre es ungerecht, "Love" nur darauf zu reduzieren. Schließlich gehört jeder Penis auch einer Person. In jenem Fall dem Schauspieler Karl Glusman, der die pornografieähnlichen Szenen gänzlich ohne Körperdouble drehte. Ebenso wie seine beiden weiblichen Hauptdarsteller-Kolleginnen Aomi Muyock und Klara Kristin, die in ihrem Kinodebüt körperlich sogleich alles geben und zeigen. Denn "Love" dreht sich vor allem um: Sex. Leidenschaftlichen Sex zwischen den drei Hauptfiguren, in jeder denkbaren Stellung und Härte, von Noé mit im Kino selten gezeigter Nähe, Erotik und Intimität gefilmt. Doch neben ihren Brüsten und Genitalien sowie Blowjob-, Cunnilingus- und Gruppensex-Kenntnissen zeigen die Drei in einer herzzerreißend tragischen Geschichte auch, wie wundervoll, wie dramatisch, wie traurig die Liebe sein kann.

Erzählt wird die Story als Rückblick der Hauptfigur Murphy (Glusman). Der junge Mann lebt mit seiner Freundin Omi (Kristin) und dem gemeinsamen Kleinkind zusammen. Ein trügerisches Kleinfamilienidyll. Denn glücklich, so erfahren wir aus seinen Off-Gedanken, ist Murphy keineswegs. Peu à peu - immer begleitet von erotischen Intimitäten - stellt sich heraus, warum: Rückblickend sieht der Zuschauer, wie der jüngere Murphy mit seiner eigentlichen großen Liebe Elektra (Muyock) in den Höhen der Verliebtheit schwebt, wieder fällt, streitet und hasst, bis zur erneuten körperbetonten Versöhnung. Als wäre das aufreibende Oszillieren zwischen Glücksgefühlen, Eifersucht und Wut nicht schon genug, holen sich die beiden alsbald die hübsche neue Nachbarin für einen flotten Dreier ins Schlafzimmer: Klar, es handelt sich dabei um Omi.

Murphy fühlt sich zu der jungen Frau auch nach dem Techtelmechtel hingezogen, schläft mit ihr ohne Elektras Wissen. Doch dann der Schreck: Das Kondom platzt, Omi wird schwanger, Abtreibung kommt nicht infrage. Murphys Leben verläuft also ganz nach, hier kommt die Anspielung, Murphys Gesetz - eine so naheliegende Anspielung, dass sie in "Love" auch direkt zum Besten gegeben wird. Ebenso wie einige andere kaum subtile Namens-Verweise: Murphy erzählt Elektra von der Schwangerschaft, sie vergeht vor Trauer und Rachsucht, trennt sich sofort.

Fortan lebt der verzweifelte Murphy mit Omi und seinem Sohn namens - Achtung - Gaspar das Leben, das er eigentlich mit Elektra geplant hatte. In den sexreichen Erinnerungen an die gemeinsamen Leidenschaften verzehrt sich Murphy nach seiner großen Liebe, hofft, dass diese ihm verzeiht. Schon steht die nächste Hiobsbotschaft ins Haus: Elektra ist verschwunden.

Mit dieser alles andere als geradlinig erzählten Melange aus höchsten Höhen und tiefsten Tiefen, Gefühlsimpressionen und Körpersehnsüchten, gelingt Noé etwas Außergewöhnliches: Zwar schafft er entgegen seiner Aussagen kein realistisches Drama - allein die beiden Damen entsprechen dafür viel zu sehr dem Idealbild wunderschöner Models (die ihre Darstellerinnen im echten Leben auch sind). Vielmehr schafft es der mit Romantik sonst wenig assoziierte Filmemacher, das Gefühl der Liebe samt all seiner Verzweiflungen, Verletzlichkeiten, Unvernünftigkeiten - und natürlich Körperflüssigkeiten - abseits verdruckster Moralität auf der Leinwand auszudrücken. Ob trotz oder wegen Riesenpenis, bleibt indes offen.

Quelle: teleschau - der mediendienst