Ewige Jugend

Ewige Jugend





Gekonnter Abgang

Die Beschäftigung mit alten Männern lässt den italienischen Regisseur Paolo Sorrentino nicht los. Erst in die Jahre gekommener Politiker, dann ein abgehalfteter Rockstar, ein alternder Flaneur in Rom - und jetzt ein Duo, das sich als Freunde bezeichnet, sich selbst nur Nettigkeiten sagt und die Bosheiten für andere aufspart. Michael Caine auf den Leib geschrieben habe er dabei die Rolle des englischen Dirigenten im Ruhestand, sagt Sorrentino. Dazu gesellt sich Harvey Keitel als Regisseur, der seinen letzten und ultimativ wichtigen Film plant. Die dritte Hauptrolle in der bissigen Drama-Komödie "Ewige Jugend" spielt die Location, ein Schweizer Hotel, das schon Thomas Mann zur seinem "Zauberberg" inspirierte.

In der Jugend erscheint alles nah, auch die Zukunft. Im Alter dagegen blickt man auf die Vergangenheit zurück und diese ist so weit weg, als würde man verkehrt herum durch ein Fernglas sehen. Mick (Harvey Keitel) doziert gerne und so lässt er in einer Szene wie dieser eine seiner jungen Drehbuchautorinnen auf einem Aussichtspunkt von beiden Seiten durch das optische Gerät blicken.

Wir befinden uns in den Schweizer Bergen in einem Hotel mit Sanatorium. Wenn es morgens klingelt, marschieren die Gäste im Bademantel nach einer genauen Choreografie durchs Haus, zum Baden und allem, was der Arzt für sie vorgesehen hat. Man werde ihn hier schon wieder fit bekommen, verspricht Lena (Rachel Weisz) ihrem Vater Fred (Michael Caine). Er kommentiert dieses Anliegen mit der Selbstironie eines alten Mannes, der weiß, dass er die besten Jahre hinter sich hat.

Natürlich beherrschen die Themen Jugend und Alter den Film. Und dazu hat Paolo Sorrentino auch visuell viel mitzuteilen. Eine optische Schlüsselszene zeigt die splitternackte Miss Universe (Madalina Ghenea), wie sie zu den zwei alten Herren in ein Becken steigt. Für den einen stellt sie die Inkarnation Gottes da, der andere empfindet die als eine Bedrohung seiner Altersruhe. Autsch möchte man sagen, angesichts des Model-Apfelpos zusammen mit dem welken Fleisch in einem Wasser. Aber genau diese Stilisierung und Übertreibung gelingt Paolo Sorrentino mit großem Geschick. Wer sich darauf einlässt, kann seine Freude daran haben, auch wenn bisweilen die Grenze zum Kitsch überschritten wird: Etwa jene Maradona-ähnliche Figur, die immer wieder mit einem Tennisball kickend ins Bild kommt und davon träumt, noch einmal von vorne anfangen zu können.

Die wirklichen Weisheiten hat der Regisseur zum Glück dann auch nicht den beiden Künstlern in den Mund gelegt. Ihre Themen sind Unterhaltungen darüber, wie viele Tropfen Urin jeder am Tag noch aus sich herausquetschen kann. Die intelligenten Kommentare zum Leben dürfen die unscheinbare Masseurin, aber auch Miss Universe von sich geben.

Der Film lebt also von einem sozialen Mikrokosmos in einem Wellness-Designer-Hotel, in dem sich obskure Prominenz und Künstler versammeln, um fernab der wahren Welt zu genesen. Mick hat sich Arbeit mitgebracht, an der er sich vergebens abarbeitet. Der aus der Konzertwelt zurückgezogene Fred wiederum wird von einem lästigen Mitarbeiter des Buckingham Palace aufgesucht. Er verfolgt ihn bis ins Hotel, um ihn für eine Aufführung der von ihm komponierten "Simple Songs" vor der Queen zu bewegen. Fred weigert sich. Jedoch bringt das Anliegen Gefühle hoch, die er mit seiner Tochter, die selbst unter Liebeskummer leidet, thematisieren muss.

Neben den Bildern, die oft wie arrangierte Tableaus wirken, zählt die Musik von Pop bis Klassik als Stimmungsträger und -barometer. Denn ein Maestro wie Fred kommuniziert über die Musik, da ist er ganz bei sich - nur, dass er das zeitweise vergessen hat. Egal, wie es für die Figuren Fred und Mick in Film ausgeht, Sorrentino gibt ihnen eine besondere Würde und macht den Schmerz über das Altern mit bissigem Humor und wiederentdeckten Emotionen erträglicher. Die beiden auf diesem Weg zu begleiten, bereitet meist Freude - auch wenn der eine oder andere Ausrutscher ins Lächerliche schmerzt. "Ewige Jugend" ist kein perfekt in sich geschlossenes Meisterwerk wie "Die große Schönheit", dafür aber ein Film, den man albern, skurril oder wunderbar melancholisch finden und zugleich genießen darf.

Quelle: teleschau - der mediendienst